Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 33. (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 130 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 180 — Verbreitung gefunden haben, was wir entschieden bestreiten, mit Eifer studiert und ausgebeutet. Was hat Stolz nun Welterschütterndes geleistet, dass er noch aus seiner Grabesruhe aufgestört wird? Kr hat dem Juden die Schuld für alles Mögliche und Unmögliche aufgebiirdet, dass die Staaten ihn ausschliesslich zum Handel systematisch gezwungen haben, ihn, der von der Natur zu Ackerbau und Viehzucht bestimmt, war, seiner Bestimmung entzogen: er macht dem Juden Vorwürfe, dass er sein Bischen zusammenhält und dass der Bauer sein verdientes (-leid in die Wirtshäuser trägt und nachher von schlechten Juden ebenso wie von schlechten t’hristen sich an den Bettelstab bringen lassen muss. Aile Laster verbindet er mit dem Worte ״Jude“ und construirt damit ein Siindenregister für die Juden; so z. B. muss er zugeben, dass auch von Christen — oder wie der beliebte Ausdruck lautet: 11 n b e s c 11 n i 11 e n en Juden — gewuchert wird, redet aber n u r von Wucher j u d e n, der eine ist ihm ein Herrenjude, der andere gar ein Brillenjude oder ein Schweinetleischjude. Das ist das eterum censeo von Stolz•’ Wissenschaftlichkeit und Unparteilichkeit. Heine und Börne sind ihm Literaturjuden, dann giebt es Zeitungsjuden, kurz ein bunter Krimskrams, der jeder Originalität entbehrt. Das Schriftchen zeigt uns übersichtlich, dass Stolz k ü 11 n ist in der Aufstellung unerwiescner angeblicher Thatsachen von nicht genannten oder mit uncoutmlirbaren Vornamen belegten Uersonen, deren Mund zum Teil längst vei stammt, ist und nicht mehr verteidigen kann, selbst wenn er tinst existirt haben sollte. Er verbreitete Unwahrheiten von Massenübertritten zum Judentum in Oesterreich zu einer Zeit, als dies dort überhaupt noch nicht statthaft war; er ist fanatisch wie ein indischer Fakir, unduldsam, wie ein blöder, spanischer Klosterbruder '1:1:1 täppisch, wie ein Landmann seiner engem Heimat. Das böse Gewissen sagt ihm, dass die Christen es an den Juden verdient haben und nur deshalb stellt er das Dogma auf, dass alle Juden die Christen hassen; als Muster seiner Abgeschmacktheit und Unzartheit diene der Hinweis, dass er das Zusammenhalten der einzelnen Glieder im Judenturne, die Familieneinigkeit in seinen Häusern, die kimlliehe Liebe und Ehrfurcht gegen die Eltern, die jüdische Dankbarkeit, in sinniger (?) Weise ״gute F 1 e c k e n“ au den Juden nennt! Sein Aberglaube steht hinter seinen sonstigen Eigenschaften nicht zurück, er glaubt allen Ernstes, dass die Juden in Nazareth nicht leben können, sie erkianken auch und sterben alle gar bald darinnen!־‘ Zum Schluss wollen wir noch seine unpatentirte Erfindung hier festnageln: ״Mit der Juden Sehnsucht nach Jerusalem stellt auch in Verbindung ihr Besuch des heiligen Rockes in Trier. Es zog sie an, einen Gegenstand zu sehen, der noch aus der Zeit autbewahrt ist, wo die jüdische Nation noch beisammen wohnte in Kanaan, ihr Tempel noch stand und der Hohepriester das Opfer brachte.“ Lenz fährt fort: ״A. Stolz erfuhr, dass die Juden Ringe und andere Kleinodien mit dem heiligen Rock in Berührung gebracht hätten. Ferner dass ein jiidiseher Pferdehändler sechs Karolin zum Opfer dahin geschickt hätte. Die Juden hätten eine Tradition, dass denen, welche hingerichtet wurden, der Hock über den linken Aennel zerrissen wurden. Nun fragten sie darüber nach, ob an diesem Rock ein solcher Riss sei, um danach seine Aechtln it zu beurteilen: wirklich fand sich nun dieser Riss. Nun gilt ihnen dieser Rock ajs ein unendlich anziehende! Rest aus der Zeit der jiidischen Herrlichkeit, gleichsam als eine abgeschnittene Haarlocke desgestorbenen Vater! andes aus Väterzeit. Es muss so der Anblick dieses Rockes eine tiefe Rührung auch dem Juden verursachen “. 0 sancta simplicitas! Welches Verdienst hat sich aber der Herausgeber und Sammler aller dieser — Sonderbarkeiten znzuschreiben? Er darf sich rühmen, in alten Scharteken gut Bescheid zu wissen, und sie abschreiben zu können. Er gab jungen Leuten einen bemerkenswerten Fingerzeig, wie leicht man seinen Namen gedruckt lesen kann: man braucht blos die A u s z ü g e, die ein Anderer vor ein paar Jahren gemacht hat. nochmals auszuziehen, sie drucken zu lassen und als ״Beitrag“ zu irgend einer ״Frage“, mit seinem werten Namen geschmückt, herauszugeben. Feber Alles beneidenswert aber ist des Herrn Lenz Kindlickeit und Naivetät, dass er im Stande ist, über die albernsten Witze herzlich zu lachen und den Leser ebenso freundlich wie grossmiitig zu dem gleichen Genüsse einladet. Dr. Singer. George Eliot von Hedwig Bender in Eisenach. Heft 170 aus der Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, begründet von Rud. Virchow und u. Fr. v. Holtzendorff. Hamburg, Vevlagsanstalt A.-G. (vonnals J. F. Richter.) Die Verfasserin hat sich eine sehr dankenswerte Aufgabe gestellt ein Lebens- und Charakterbild von George Eliot — mit Mädchennamen Mary Amt Evans - zu zeichnen, die Persönlichkeit, deren Schriften so anheimeln und ihrem Namen Klang verleihen, mit allen Fehlern und diese weit überragenden und überwiegenden Vorzügen uns vorzuführen. Sie hat ihr Ziel mit weihliclier Grazie und Anmut erreicht, sie giebt uns einen Begriff von den Leiden, mit welcher Eliot zu kämpfen und durch welche sie sich zu einem sonnigen Lebenssommer und einem allznfriihen aber heitern Lebensabend dnrehgerungen hatte. Die Herausgeberin hat ihr Sujet mit Liebe erfasst, verheimlicht keine Schwäche ihrer Lieblingsschrifistellerin, versucht es nicht deren demonstratives Heraustreten aus der Bahn, welche Sitte oder Gewohnheit errichtet, zu entschuldigen, bemüht sich aber, nicht ohne Geschick, es zu erklären und begreiflich zu machen und — Alles verstehen heisst ja; Alles verzeihen! Nur ein Weib kann ein Weib verstehen und — wir vertrauen der Herausgeberin, dass ihr Herz nicht blo-• die T o t e derart umschloss — so g e 1־ e c 111 beurteilen, wenn sie will. — Wir wollen mit der Autorin nicht, rechten, wenn in ihrer Werteinteilung der Schiiften von George Eliot ״Daniel Deronda“ neben ״Adam Bede“ ״Middlemarcli“, u. A. etwas schlecht wegkommt; mag ״Deronda“ vielleicht von der Lebensperiode poetischer l'eberreife bereits angekränkelt sein, uns — d. h. den Kreisen, denen Schreiber dieser Zeilen angehürt — hat die Dichterin durch dieses Werk sich besonders ins Herz geschlichen, durch diesen Schwanengesang hat sie sich in unserer Mitte ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Doch, wie bemerkt, dies soll kein Vorwurf sein; wenn zwei Menschen an ein und derselben Lieblingsperson v e r s c 11 i e d e n e Lichtseiten aufgefunden, über deren grössere Leuchtkraft sie entgegengesetzter Ansicht sind, so veruneinigen sie sich darum nicht, wie es so oft geschieht und von Goethe schon beklagt wird in den Worten: ״Leider sind es öfter die Meinungen über die Dinge, als die Dinge selbst, wodurch die Menschen getrennt werden“. Liebe hat der Ver fasserin Feder geführt, sie hat es an Mühe und Eifer nicht fehlen lassen, ein reicher und empfänglicher Leserkreis möge ihr Lohn sein! Dr. Singer. Verantwort!. Keilacteur Dr. liiihmer. .Magdeburg. Druck FriedrichMtiische & •'0. Magdeburg. Verlag Kob. Friese, Leipzig.