Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 31. (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 122 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I — 122 — mit einigen Complimenten für die Mutter Christi. Man sieht, Herr Leszczynski betrachtet das Christenthum als eine Festung, in die bereits eine so breite Bresche gelegt ist, dass man ihm seine Bedingungen nur so zu dictiren braucht; es m ü s s t e capituliren, weil es einem ״täglich drohenden Massenaustritt“ gegenüberstände — er übersieht dabei, dass die Kirche mächtige Bundesgenossen besitzt, um solcher Eventualität vorzubeugen, nämlich Opportunismus und Indifferentismus, und stellt dem jüdischen Charakter ein wenig schmeichelhaftes Zeugniss aus, dass er einen leichtfertfertigen ״Massenübertritt zum Christenthum“ durch einen schmollenden ״Massenaustritt aus demselben wett machen könnte.“ So wechselt man einen Rock, aber keinen Glauben! Wen will er damit ins Bockshorn jagen? Ein solches Christenthum und ein solches Judenthum giebt es nur in — Wolkenkukusheim, und auch Herrn L.’s Reich ist nicht von dieser Erde. Es wäre am Ende ratlisanier gewesen, hierin Bismarck nachzuahnen und gar nichts zu erwidern, allein wir blicken mit zu vieler Bewunderung auf Egidy, als dass wir uns begnügen sollten, auf Fehler die, in seinem Namen begangen werden, mit mitleidigem Achselzucken herabzuschauen, und Herr L. ist ein hochgebildeter Mann und segelt noch unter der Flagge des Judenthums, zwei Umstände, die leicht zu Missverständnissen Anlass bieten und ihm ein gläubiges Gefolge verschaffen könnten, und deshalb — ad rem! (Fortsetzung folgt.) Seite 52 Zeile 17 von unten ist לא שתעויי als ein Wort zusammen zu lesen. Die deutschen,lateinischen und anderen Fremdwörter hatten wir gern transscribirt und erklärt gesehen. S. M. Grünwald. Literarische Notizen. Im dritten Teile meines ״Beth ha-Midrasch“ habe ich nachgewiesen, dass das ״B u c h der Jubiläen“ in den Kreis der essäischen Literatur gehört, da es die Siehenzahl hochhält, die Feier des Sabbaths stark betont und der essäischen Pseedepigraphie ent» spricht, welche ihren Werken uralte biblische Namen, wie Adam, Henoch und Noah, beilegte. Auffallend blieb nur die Aera der Jubiläen oder die Chronologie nach dem Jubeljahre, die sonst in der jüdischen Literatur nicht gebraucht wird. Man konnte dafür nur geltend machen, dass das biblische Jubeljahr nach sieben mal sieben Jahren eintritt und daher mit der heiligen Siebenzahl in Verbindüng steht. Nun macht Herr Joel Feigl in No. 141 der in Warschau erscheinenden hebräischen Zeitschrift ״Hazefirah‘• auf eine interessaute Stelle im babylonischen Talmud Traktat Synhedrin 97b aufmerksam. Dort liest man, dass der Prophet Elia dem Verwandten eines Chassid sagte: Nach 85 Jubiläen werde der Sohn Davids erscheinen. Der Chassid. das ist ein Essäer, der mit der Aera der Jnbiläen vertraut war, daher der Prophet Elia ihm die Ankunft des Messias nach Jubiläen bestimmte. Hier haben wir also die Erkiärung der Chronologie des ״Buckes der Jnbiläen“ und einen neuen Beweis, dass es aus der Mitte der Essäer hervorgegangen ist. Es giebt eine grössere Anzahl pseedepigraphische Werke der Essäer, so dass man eine interessante Geschichte der essäischen Literatur schreiben kann. Sie würde über den Essäismus neue Aufschlüsse geben* *). Baden bei Wien. 16. Juli 1893. Dr. Ad. J eil ine k. Jadith Montetiore College Ramsgate. Repost iör t!1e year from 1 te Tamus 5652—1892, to 30 the Sivan 5653—1893. Together with origin and source sof the Schulehan Aruch and the Sepher Assoufoth by M. Gaste r, London. Printed by Wertheimer, Lea and Co., Circus Place London Wall. 5653—1893. 74 S. in 8°. Wenn die von den Rabbinerseminarien herausgegebenen Programme nichts weiter als wissenschaftliche Beiträge lieferten, wäre ihre Existenzberechtigung schon erwiesen; denn diese Berichte enthalten eine Fülle von Belehrung und Anregung. Dr. M. Gaster, der Leiter des Montefiore College, giebt von Seite 11 — 30 einen populären Vortrag über den Ursprung und die Quellen des Schulehan Aruch und erbringt den Nachweis, dass der Schulehan Aruch kein vollständiges Werk, sondern eine coditikatorische Compilation ist und dass der Jude stets verpflichtet ist, auf Bibel und Mischnah sowie deren Commentare zurückzugehen, wenn es sich um endgiltige Entscheidung handelt. Wie die Biene aus unzähligen Blumen den süssen Honig sammelt, so sammelte K. Joseph Karo den süssen Honig der Gelehrsamkeit aus zahllosen Blumen, die auf Juda's Gefilden sprossten mehr als 1000 Jahre hindurch, die gar oft mit Thränen und Blut getränkt wurden, (p. 29.) Seite 33—74 beschreibt er den Codex Montefiore Nr. 115, den Dr. M. Gaster gelegentlich zu veröffentliehen verspricht. Seite 46 behauptet er, dass die Ausspräche der sogen, spanisch-portugiesischen Juden die richtige ist; ich habe während meines Aufenthalts in Belgrad am 1. Juni 1. J. mit Dr. S. Bernfeld, Überrabbiner in Belgrad, darüber verhandelt und denke eine grössere Schrift hierüber zu veröffentlichen. Ich will nur bemerken, dass in Sofia das צ wie 8s und das ע von den Cbachamim wie ה ausgesprochen wird, während doch bekanntlich der Talmud vor einer Verwechslung des ע mit ח warnt; dass die italienischen Juden das ע wie ng aussprechen, ist bekannt und hat diese Aussprache ein Analagon für sich, da aus Jacob bei den polnischen Juden Jankel (auch Jainkew) ward. Zu לנה דודי. — Hätte Herr Dr. N. in Nr. 16 ds. Bl. in der Beantwortung der Anfrage (in No. 24 ds. Bl.) sich anf den Hinweis auf Orach Chajjim cap. 262 § 3 und Baer hetebh a. 1. § 5 beschränkt, wäre gegen seine Antwort nicht viel einzuwenden gewesen. So aber hat Dr. N. in der Anmerkung die ״richtige“ Antwort blos gestreift, während seine eigentliche Antwort, eine angeblich dem ״Ben Chananja“ des seligen Löw entnommene scherzhafte Bernerkung nichts weniger als richtig ist. Unrichtig ist die Behauptung, dass der Schlussvers des ״Lecha-Dodi -Liedes“ aus späterer Zeit stamme. Der selige Landshut hi), eiue verlässliche Autorität auf diesem Gebiete, weiss nichts davon, dass dieser Schlusssatz erst später hinzugefügt worden wäre, Dr. S. Baer wieder hat in den Anmerkungen zu dem fraglichen Stücke in seinem trefflichen Gebetbuchet) darauf hingewiesen, dass das Motto zu der fragliehen Dichtung der Ausspruch R. Chanina’s: בואו ונצא לקראת שבת תמלבה uud der des R. Jannai: בואי כלת בואי כלת geboten habe8). Wie Herr Dr. Baer ferner sehr richtig bemerkt, reflektieren die betreffenden Aussprüche die geschichtlich bewiesene That- Sache4), dass in der Talmudzeit die Synagogen sich ausserhalb der Städte auf freiem Felde befanden, woher auch der Gebrauch der palästinensischen Juden stamme, dass Letztere in den Hof der Synagoge hinausgehen beim Singen des ״Lecba-DodoLiedes“5)). Manche gehen sogar anfs Feld hinaus wie aus den Bemerkungen Chajjim Sondels zu den fraglichen talmudischen Sprüchen sich zu ergeben scheint8). Wir begnügen uns damit, dass wir dem Ausgange zu uns umwenden, als ob wir bereit wären, hinauszugehen. (Schluss folgt.) *) Wir verweisen auf Isr. Sack's Werk: ״Die Altjüdische Religion“, (Berlin :8S9,Ferd. Dümmlers Verl.) Cap. IX.U.XFL (Red.) ■) Vgl. סדור הגיון לב S. 252 nnd עמודי העבודה S. 310—311. -) עבודת ישראל Rödelheim 1868. 3) Sabbath folio 119a. *) Vgl. meine 2 Artikel über ״die Synagogen in der Talmudreit“ im Litbl. 1884 Seite 79—84; 150—151. Der Behanptung des sei. Leopold Löw (Monatsschrift 1884 S. 164), dass ״Feld- Synagogen“ blos in Persien existirt hätten, widersprechen ausser den palästinensischen Agadoth, welche ich in den zitirten Artikeln bespreche, auch die oben angeführten Aussprüche. R. Jannai hat nie ausserhalb Palästina^ gelebt; R. Chanina (ben Chama) kam zwar aus Babylon, hat aber damals wohl bereits in Palästina gelebt, da sein Ausspruch dem des R. Jannai entgegengesetzt wird. (Vgl. Bacher, Agada der paläst. Amoräer I Seite 6 Anm. 7.) Löw’s Artikel erscheint im nächsten Jahre im 4. Bande seiner ״Gesammelten Schriften“, herausgeg. von Dr. Im. Löw. 8) Vgl. ״Baer hetebh“ 1. c. •) ענף יוסף znm עין יעקב ed. Wilna 1888. Verantwortl. Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg, Druck Friedrich Kasche & 00., Magdeburg. Verlag Rob. Friese, Leipzig.