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Das jüdische Literaturblatt · 1893-07-14 · N° 29. (14.7.1893) · p. Seite 114

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 29. (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
Seite 114 (sequence 4)
Language
German
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— 114 — D-ut'lis oder der Bibel überhaupt streng beobachte, wie sehr man auch iunerlich überzeugt sein möge, dass lesztere die höchsten Wahrheiten und überaus nützliche Anweisungen für das culturelle und praktische Leben enthalte. Ja. er geht sogar soweit, zu behaupten, dass die Grundprinzipien des Judenthums, wie, wann und von wem immer sie auch in's Dasein gerufen sein mochten, wohl geeignet seien, einst von der gesamten gebildeten Menschheit als die einzig praktisch-annelnnbaren angesehen zu werden. Aus dem bisher Gesagten lässt sich nun der Standpunkt des Verfassers auf dem Gebiete der Bibelkritik einigermassen ersehen, und es wird demnach nicht auffallend erscheinen, wenn man in dem oben irenannten Werke, das aus neun Vorlesungen besteht, Ansichten ausgedrückt tindet, die nnt~Ivuenen's, Wellhausen's und Stade's fast ganz identisch sind. Doch weiss Mr. Montetiore auch viel zu sagen, was originell ist und was zugleich auch eine allgemeine Beachtung verdient, obschon man das Gesagte nicht immer als etwas mit mathematischer Genauigkeit Bewiesenes ansehen kann. Aber abgesehen von dem wissenschaftlichen Werth dieser Vorlesungen, sind sie — vom moralischen Standpunkte aus betrachtet — auch wohl geeignet, manches Gute zu Tage zu fördern, denn sie machen die Leser, welcher religiösen Richtung sie auch angehören mögen, mit der Wichtigkeit und Bedeutung gewisser ethischer Lehren des Judenthums, die in der Bibel und auch im Talmud verzeichnet sind, bekannt, wovon jene bisher vielleicht gar keine Ahnung hatten. Dies war namentlieh gewissen englischen christlichen Kritikern des Alten Testaments gegenüber nöthig, die meist ins Studium desselben schon von vornherein veraltete und eingewurzelte Vorunheile mitbringen, welche sie sodann auf das gesammte Judenthum und dessen Bekenner übertragen. Solche Missverständnisse und Missdeutungen auf dem Gebiete der jüdischen Religion hat sich der Verfasser zur Aufgabe gestellt in diesen seinen Vorlesungen nachzuweisen und zu erklären und hat sich smnit ein bleibendes Verdienst erworben. Es würde zu viel Raum beanspruchen, wollte ich liier auf die Einzelheiten der Vorlesungen genauer eingehen, oder einige Auszüge daraus bringen, da jene überdies wohl früher oder später in’s Deutsche übertragen werdeu dürften. Doch sei mir es gestattet, einen einzigen kurzen Auszug hier folgen zu lassen, der die Tendenz hat, einen Vorwurf entschieden zurückzuweisen, den man nicht selten in christlichen Kreisen den Juden macht, dass sie nämlich deshalb der Religion ihrer Väter beharrlich getreu bleiben, weil sie dafür eine materielle Belohnung erwarten. Darauf bemerkt Mr. .Montetiore Folgendes: ״Zu sagen, dass das Jahrhunderte lange Festhalten der Juden an ihrem Glauben blos das Werk eines Tagelöhners gewesen, oder dass das Blut von zahllosen Märtyrern geflossen und das Eiend von tausenden bereits verschollener Seelen erduldet worden, sei einzig und allein infolge von Gier nach Gewinn, oder aus Furcht vor Strafe. — ferner, dass die Liebe zu Gott und seinem Gesetze, welche von den Makkabäern aufwärts bis zu den russischen Juden herab hunderte von Verfolgungen widerstanden und unzählige Leiden erlitten hat. in Wirklichkeit gar keine Liebe, sondern vielmehr ein blosses Sehnen nach Belohnung — nach einer greifbaren materiellen Belohnung gewesen sei. und endlich, zu behaupten, dass all’ diese Selbstlosigkeit nur Selbstsucht, all diese Anhänglichkeit nur Stolz gewesen, und all diese Aufopferung nur auf Täuschung basirt wäre — dies Alles ist walulich eine der grausamsten und boshaftesten Beschuldigungen, die man Menschen gegenüber verbringen konnte, welche ebenso wie ihre Verlännnler selbst im Ebenbilde Gottes geschaffen sind.“ Zum Schlüsse sei noch erwähnt, dass der gelehrte Verf. in seiner gewohnten Bescheidenheit in der Einleitung zu seinem Werke und auch an verschiedenen Stellen in demselben der Hilfe dankend erwähnt, die er bei der Ausarbeitung seiner Vorträge von seinem Lehrer und Freunde, Herrn Schee 11ter, Lector an der Universität Cambridge, erhalten hat. Von einem solchen talentvollen und zugleich so bescheidenen jüd. Gelehrten daif die Wissenschaft noch reiche Beiträge erholfen. Belfast, im Juli 1893. Dr. ('hotzner. Joel!Hüller, Die lteeponsen des R. ■eschnllam, Schluss)*) Auf S. 5f geht nun aer Verf. dazu über, K. Meschnilam's liturgische Dichtangen and ihre Verwendung in unserem Ritus hervorzuheben. Sehr fein ist der Fortschritt, der sich in denselben im Vergleich zu denen des Bleasar Kalir**) und R. Mesch.’s Vater Kalonymns zeigt, hervorgehoben, indem der Verf. darthut, dass Mesch, sein Lesepublikum kannte und seine Dichtungen frei von allen ein gewisses Mass von Kenntnissen voraussetzenden agadischen Andeutungen und darum auch populär waren. Die Kiirzes einer lyrischen Gesänge kommt der einfachen, echten Lyrik weit näher und lässt nicht selten (bes. im Anschluss an das Hohelied) einen dramanschen Aupbau erkennen. — Hervorzuheben ist, dass Müller in dem שי^וק zum Versöhnungstage, beginnend mit den Worten: מי יתנה, den Landshath, Amude S. 267 (nicht 262) unserem R. Meschallam zuweist, gegen das Ende, in den Sätzen von ו׳נתק bis 3nS3 zweimal da• Akrostichon משי1 ם findet, bestehend aus den Anfangsbuchstaben von מוסדות bis מויהג, und das zweite, gebildet in מגאיונים שביתם רמלמש und מריהט: ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass wir an der gen. Stelle viermal ein solches Akrostichon bilden können, indem wir zwei Worte früher anlängen. Ei besteht ans: 1) מבור שאונים ,1נתק מהם (sonst wäre vielleicht מהם weggeblieben); 2) Müller 1: 6) mit dein 2 schliessendeu מ^עג nochmals angefangen, 4; מיעג שנאנים '1הצירים מגאיונים) — Müller 2 (מגאונים ist vielleicht nach dem Qre in Psalm 123,4 in zwei Worten zu schreiben, um die Dreizabl der Worte zu ergänzen, falls nicht מבוז גאיונים zu lesen ist, was jedoch auch im cod. 1108 der hies. Stadtbibi, fehlt. Vielleicht schliesst das 4. Akrostichon schon mit מתרשת. In dem vom Verf. in Note 22 ans dem Machs.-Msc. der Kgl. Bibi, zu Berlin (Zunz, Riten 101 u. 140׳ hätten zum Schluss noch die Anfangsbuchstaben חזק im Druck hervorgehoben werdeu sollen. Die gelungene deutsche Cebersetzung, die Müller beifügt, verfolgt nicht gleiches Reimprinzip. — Zur Kerobah מורה vom Versöbnungstage ist zu Zunz, Litgesch. 109, noch hinzuzufügen. dass auch in den beiden Schlussätzen מריך שוכן und;מאוי je zwei Worte der zweitheiligen Sätze zweimal den Namen □1משי ergeben (vgl. Landshuth S. 267 s. 11. 9). In unserem Referate nbeT R. Meschullams halachiache Thätigkeit können wir ans schon darum kurz fassen, weil der Verf.;Amu. 81) den Programm-Beitrag nur als ersten Theil der Arbeit bezeichnet, wonach wir noch einen ferneren zu erwarten haben, in welchem der Inhalt der einzelnen תשובות kritisch genauer behaudelt werden soll. Interessant und für R. Meschnllam's Lebensgeschichte ganz besonders wichtig erscheint mir der Anfang von RGA nr. 61 in ed. Cassel (1848), p. 13b zu sein, wo er von aniregenden Verhältnissen und Stürmen, unter denen seine Gemeinde zu leiden hatte, spricht. Sollte er damals, wie Cassel in der Einltg. venmuhet, auch in Lucca gewesen sein (vgl. Müller, Anm. 8)? — Jedenfalls möchte ich hier darauf hinweisen. dass Lagarde in seiuen ״Symraicta“ I, als!5. der Erfurter Msce. eine Haudschr. nennt, aus der u. a. auch Cassel seine ״Rechtsgutachten der Geonim-‘ geschöpft haben soll. Lag. gedachte (vgl. 159). den ganzen Ood. selbst uen herauszugebeu. M. W. ist es dem gewaltigen Ge» lehrten, dem leider ein eigenthümlicher Spürsinn bisweiten eine zu scharfe Feder in die Haud gedrückt, vergönnt gewesen, sein Vorhaben auszuführen. Vielleicht wird uns Herr Dr. Müller etwas Näheres über diese Handschrift mittheilen. ßreslan, 2. Jnli. B. Königsberger. *I So leitet auch Seforno in der Einleitung seines Commeutars die Veranlassung znr Anfertigung desselben vornehmlich aus der gen. Talmndstelle her. Er bemerkt daselbst, dass vor ihm za wiederholten Malen von bedeutenden Männern der Zeit bald ausführliche, bald knappe Coinmentare zu Aboth geschrieben wurden. (אם ש^מיש וי; רבים היבו אמי' שפי־ בפייוש הזאת הנקראת מבבת אבות) **) Vgl. ,über diesen ausser den bekannten Stellen noch die ausführliche .Untersuchung״ im Machsor Vitry, pag. 369 11'. Verantwort!. Kedacteur Dr. Kahrner. Magdeburg. Druck Friedrich Kasche & Co., Magdeburg. Verlag Kob. Friese. Leipzig.

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