Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1893-07-14 · N° 29. (14.7.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 29. (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5367336-5990874-5991415--2268-5369144
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

M 39. Das XXII.Jahrg. J üdischeLiteraturbl att Zur Bolouchtung alltr Judenthum und .'ud«n betreffenden littorariachan Ersehet• nungtn aut dem Gebiete der Philosophie. Geschichte, Ethnographie. Theoiofie. Orien• taiia. Exegeise. Homiletik. Liturgik, und Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Di*. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 14. Juli 1893. Bücher der einschllgigen Litteratur. welche der Redaktion zugesandt werden. (Inden in diesem Blatte eingehende Besprechung. Bei Einsendung von zwei Rocensions• Exemplaren erfolgt einmalig« kurz« Gratis •Insertion. Pas ,,.indische Literatur-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Kriesei pro .lahrgang 8 Mark. Abonnenten der .,Israelitischen Wochenschrift‘•, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Literatur-Blatt“ gratis. Inserate werden mit 26 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler und Lehrer, welche direct oder durch Robert Priese Inserate einsenden, erhalten 25 % Rabatt. Xxi±La,lt: Wi* e enschaftliche Aufsätze: Ein jüdischer Pater Loyola. (Fortsetzung.) Von H.Sch api ro in Memel. — Pas jüdische Religionsgesetz und seine Unveriinderlichkeir. (Fortsetzung.) Von Rabbiner Pr. Simon Stern in Saaz. Becen sionen: Montefiore, G. Lectnres ou tlie origin and growtb of Religion as illustradet by the Religion of the Ancient Hebrews. — Joel Müller: Pie Responsen des R. Meschnllam, Sohn des R. Kalonymus. (Wissen sch. Beilage znm 11 Bericht über die ״Lehranstalt für die Wissenschaft des JndentbiUDs׳‘ ia Berlin) 1823. (Schluss.) Unbefugter Nachdruck aua diesem Blatte lat nicht gestattet. Ein jüdischer Pater Loyola. Von H. Schapiro-Memel. (Fortsetzung.) Die vonBlaisePascal in seinen ״Lettres provinciales“ so trefflich gezeichneten und widerlegten jesuitischen Moralgrundsätze, unter welchen die verwerflichen Lehren von der Methode de diriger ies intentions und von der Restriction mentale den ersten Rang einnehmen, gelangten bei Nachm n zur höchsten Ausbildung. Die berüchtigte Theorie des Escobar und Molina, nach welcher sich jeder von seinen Verpflichtungen lösen kann, wenn er zur Zeit, als er diese Verpflichtungen übernahm, diese in Gedanken an eine beliebige unmöglich zu erfüllende Bedingung knüpfte, ist der Grundstein, auf den er sein System gründete, in dem er auch dem berüchtigten Aus- Spruch ״der Zweck heiligt die Mittel־‘ einen Ehrenplatz einräumte. ״Obwohl ich Verleumdungen und Zwischenträgereien als ein sündhaftes Vergehen betrachten muss, gegen die auch übrigens die Bibel strenge Verbote erlassen hat, trotzdem muss ich jeden loben, der angestachelt von Eifer für die heilige Sache, dem Rabbi alles das hinterbringt, was über denselben Böses gesprochen wurde, unter ausdrücklicher Nennung des Schuldigen, damit ihn der Zorn des Rabbis treffen könne.“ ״Ertappt jemand den Rabbi bei einer Lüge oder selbst bei einer That, die direct gegen ein biblisches oder talmiulisches Gebot verstösst, so soll er sich nicht nur hüten, dieselbe öffentlich bekannt zu machen, sondern er muss in seinem Herzen denken: der Rabbi ist erhaben über das gemeine l’rtheil der Leute und jede seiner Thaten entzieht sich ihrem Verständnis.“ So lauten seine Vorschriften und Lehren, die übrigens beim Volke glücklicherweise nur in äusserst beschränktem Maasse Eingang gefunden und nur insoweit verderblich wirkten, dass dasselbe blind einer. Autorität unterwarfen, die mit dieser ihrer allmächtigen Stellung den ärgsten Missbrauch trieb. Alle Aussprüche Nachmanns sind sie darauf berechnet, den Glauben au die Unfehlbarkeit des Rabbi s bei dem gemeinen Volke zu befestigen. An einer Stelle versteigt er sich zu der wahnwitzigen Behauptung: ״so wie sich Gott keines Fehlers schuldig machen kann, so auch der Rabbi“. Das Wort Zaddik (Gerechter) benutzt er unter Verkennung seiner wahren Bedeutung zur Bezeichnung des chassidäischen Rabbi- Standes. ״Ohne Zaddikim kann die Erde keinen Augenblick bestehen; sie sind die Kapitäne des Weltschittes. Sie verbinden die Unendlichkeit mit der irdischen Welt (?) und lassen die göttliche Vorsehung auf alle wirken. Sie vermitteln die Wünsche und Gebete der Menschen mit dem himmlischen Willen und zwingen Gott, diese zu hören.“ Der Zaddik hat die Schlüssel zur Pforte der Erkenntnis und ohne ihn ist alles Wissen eitel. Er erspäht die augenblickliche Stimmung des Höchsten und macht sie zu seinen Zwecken nutzbar. Schon sein Anblick entsiindigt die Menschen und wohl denen, die sich ihm nahen.“ An einer Stelle versucht er durch folgende logisch klingende Absurdität seine Theorie zu begründen. ״Das Erkennen geschieht durch Verständnis, das Verständnis durch Vergleiche, da aber jede Wahrheit verschiedene Anhaltspunkte hat, darum ist es schwer, derselben auf den Grund zu kommen. Die höchste und einzige Wahrheit aber ist, den Willen Gottes und seine Absichten zu erkennen, die er in der Schöpfung walten lässt. Wer ist aber dazu mein• geeignet als der Zaddik, der mit Gott in so naher Beziehung steht. Jedes Wort, das er spricht, gelte daher als heilig.“ Dieser Blütenlese schliessen sich noch folgende Ungeheuerlichkeiten würdig an. ״Der Zaddik ist der Nagel, an dem der Ring der Welt, die sonst in Scherben ginge, hängt. Er repräsentiert den Geist des Universums. Seine Seele steht höher als die gewöhnlicher Staubgeborener. Er ist ein Licht, an dem sicli alle wärmen, Engel gehorchen seinein Befehl. Seine Segenswünsche und seine Flüche gehen in Erfüllung.“ Der streng sich jeder Anmassung fernhaltende talmudische Rabbinismus behagte ihm nicht. Er schien ihm zu bescheiden, und seine Machtsphäre, die sich nur auf die Entscheidung religionsgesetzlicher Fragen beschränkte, dünkte ihm zu klein. Der Rabbinismus mischt sich nie in Gewissenssachen; er hat nie gesucht die Freiheit des Individuums anzutasten durch eine zwar geistige doch um so gewalttätigere Bevormundung. Er herrscht nur in dem engbegrenzten Kreis der Halacha, wozu er auch durch seine gediegenen Talmudkenntnisse vollauf berechtigt ist. Der Rabbinismus sucht für sich keine besonderen Privilegien und Vorrechte und die Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.