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Das jüdische Literaturblatt · 1893-07-01 · N° 27. (1.7.1893) · p. Seite 104

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 27. (1.7.1893)
Date
1893-07-01
Page
Seite 104 (sequence 2)
Language
German
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104 Lebenswandels zu befleissigen. Schon als sechsjähriger Knabe suchte er sich in Enthaltsamkeit zu üben, ein gewiss schönes Beispiel seiner geistigen Frühreife. Nach damaliger Sitte vermählte er sich bereits in seinem Tierzehnten Lebensjahre und lag eifrig dem Talmudstudium ob, in dem er es, wenn er auch nicht besonders glänzte, doch zu einem respektablen Können brachte. Wie selbsstverständlich war der Sohar und andere kabbalistischen Schriften seine hervorragendste Domäne. Doch wird es ihm von seinem Schüler Nathan nachgesagt, dass er sich auch ein Bischen mit der Religionsphilosophie befasste, worüber der fromme Jünger, wie es scheint, nicht wenig die Achseln zuckte und sich schliesslich in seinem frommen Glauben an die Fehllosigkeit seines Lehrers mit der Phrase abspeiste, derselbe Hesse sich wahrscheinlieh bei diesem ״sündhaften“ Thun von Beweggründen leiten, über welche ihm kein Urteil zustehe. Diesem philosophischen Studium brachte er jedoch kein besonderes Verständniss entgegen, in seinem mit kabbalistischen Krimskrams angefüllten Geiste war für die klaren, jede Abstraktion und mystische Vertiefung streng von sich fernhaltenden maimonidischen Anschauungen kein Platz. Dieses Studium erzielte gerade bei ihm die entgegengesetzte Wirkung. Mit einer ausschweifenden Phantasie begabt, von Jugend auf mit Ideen vollgesogen, die darauf abzielten, in jedem unscheinbaren Gesetze ein Mysterium, in jedem Satze der Bibel ein tiefes Geheimniss zu wittern, konnte er einer vernunftgemässen Erklärung biblischer Vorschriften keinen Geschmack abgewinnen, ja es empörte sich in ihm sein frommes Herz gegen diese ״Entweihung des Allerheiligsten“, wie er sich ausdrückt. Sein Credo war das berüchtigte Credo quia absurdum. Er Hess keine Deutung zu, die auf Schlüssen der Vernunft basirte, er konnte nur das glauben, was er nicht verstand und er wäre nicht im Stande einen Gott zu verehren, wenn er ihn zugleich begreifen könnte. Daher bildete sich auch in ihm ein wütender Hass gegen jede Forschung auf dem Gebiete der Religion aus, ein Hass, dem er bei jeder geziemenden oder ungeziemenden Gelegenheit Ausdruck gab. ״Wer mit seiner Seele Mitleid hat“, schreibt er, ״muss sich in der alleräussersten Entfernung von den Werken der Philosophen halten.“ ״Maimonides“, sagt er weiter, ״ist auf eine schiefe Ebene gerathen und hat Lehren aufgestellt, die gegen die Fundamentalgesetze unseres Glaubens und unserer heiligen Thora verstossen.“ Da ihm, dem nur in der Polemik geschickten Gottesstreiter, jede Möglichkeit zu einer objektiven Widerlegung philosophischer Grundsätze benommen w׳ar, schliesst er mit dem frommen Wunsch: ״Wohl demjenigen, der es deutlich wahmehmen kann, wie seine (Maimonides) Schriften sich gegen Bibel und Talmud richten.“ An einer anderen Stelle schreibt er: ״Auch im Jad hachasakah hat er sich gar vieles zu schulden kommen lassen, indem er behauptet, dass die ersten vier Kapitel (die bekanntlich Platons poetisch angehauchte Auffassung des Himmels und seiner Bewohner Wiedergaben) die alte Geheimlehre enthalten, die mit ״Maasse Merkaba“ bezeichnet wird.“ Am Schlüsse bricht er in ein pathetisches Geheu aus und klagt: ״Wehe den Ohren, die solches hören, wehe den Augen, die solches sehen und wehe dem Herzen, in das solche verderbliche Anschauungen eingedrangen sind.“ In einer anderen Stelle versteigt er sich zu folgender Aeusserang, die nur in einem hirnverbrannten Schädel entstehen konnte: ״An der Physiognomie eines Menschen kann man deutlich erkennen, ob er sich je mit dem More Nebuchim beschäftigt hat Ein solcher geht des Zelem Elohirn! Ebenbild Gottes), das den Menschen vom Tiere auszeichnet, verlustig. Sein Gesicht verliert jenen sonnigen Schein, der auf dem Antlitz des Gottesgläubigen thront“ In derselben Schrift wird er immer selbstbewusster, oder richtiger anmaassender, so dass er nicht davor zurückscheut, ein direktes Verbot gegen die Werke des Maimonides, Iben Esra, Gersonides und Arama zu erlassen. Ja selbt die berühmte Abhandlung ״Ueber die Einheit Gottes“ des R. Bechaja, eines Mannes, dessen hohe : Trömmigkeit und Moralität über jeden Zweifel erhaben ist, dünkt ihm noch zu gefährlich und er setzt diese kurzweg auch auf die Liste der verbotenen Schriften. Nachdem es ihm gelungen war, seinen gläubigen Anhängern, aie sich immer mehr vennehrten und besonders aus jenen Kreisen rekrutirten, die, jeder geistigen Anstrengung abhold, lieber glauben als denken wollen, einen tiefen Abscheu gegen jede Forschung einzuimpfen, eine innerhalb dieser urteilslosen Masse gewiss leichte Arbeit, nachdem er also jede freie selbstständige Regung zerstört hatte, glaubt er, dass jetzt die Zeit für ihn gekommen sei, mit dieser Zerstörungsarbeit aufzuhören und ans Bauen zu gehen. Doch wie und was baute er? Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. (Fortsetauig folgt.) Das jüdische Religionsgesetz und seine Unveränderlichkeit. V011 Rabiner I)r. Simon Stern׳in Saaz. Eine Untersuchung über den Begriff: Unveränderlichkeit des Gesetzes wird sich mit der Bedeutung dieses Begriffes, mit dessen Machtbereich und mit den Consequenzen, welche sich aus der Theorie für die Praxis ergeben, zu beschäftigen haben. Denn wiewohl jeder, auch ohne Jurist oder Theologe zu sein, bald vollkommen begreifen kann, dass ein Gesetz eine gewisse Stabitität besitzen muss, und dass nicht das individuelle Ermessen dem Masstab für die Fortdauer und Giltigkeit eines Gesetzes abgeben kann, scheinen die religiösen Gesetze den Beheben des Einzelnen anheimgestellt zu sein. Nicht nur seit heute und gestern, nicht nur unsere Zeit schaltet frei über die Satzung, zu jeder Zeit wurden auf diesem Gebiete Veränderungen vorgenommen, und wenn eine Agadah (Menachoth 29 b) Moses einem Vortrage R. Akiba’s beiwohnen lässt, den Moses nicht versteht, so können wir mit nicht geringerem Rechte annehmen, dass R. Akiba vielen unserer religiösen Satzungen fremd gegenüberstehen würde. Die religiöse Entwickelung stand nie still, so wenig wie die Zeit still hält; die Begebenheiten üben auch auf das religiöse Gesetz ihren Einfluss aus, und wohl kein einziger Denkender wird Veränderungen des Gesetzes im allgemeinen läugnen wollen. Eine Meinungsverscliiedenheit herrscht nur über einzelne Fälle, und zwar darüber, ob diese oder jene religiöse Ceremonie, diese oder jene religiöse Anschauung schon von Moses gelehrt wurde, oder erst der geschichtlichen Entwickelung das Entstehen zu verdanken habe. Ist nun der Begriff Unveränderlichkeit des Gesetzes eine theoretische Fiction, oder können mit ihm alle freiwilligen und erzwungenen Veränderungen^ in Einklang gebracht werden? Ferner: Wer hat diese Veränderungen vorgenommen? Wie konnte endlich trotz des Bibel- Wortes: ״Ihr sollt nichts hinzufügen und nichts hinwegnehmen“ irgend eine Veränderung vorgenommen werden?

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