Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1893-06-23 · N° 26. (23.6.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 26. (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/5367336-5990874-5991411--2253-5369132
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das XXII. Jahrg Zur Beleuchtung •Her Judenthum und ,udtn beUtfienden litterarischen Ersehe!־ *tungen aut dem Gebiete der Philosophie. Geschichte. Ethnographie. Theologie. Orien• taiia. Exegesse. Homiletik. Liturgik, und Pädagogik. Herausgegeben von Hal'bin01■ Dr. Mo 1*it/ Ra 11 in er. Magdeburg, den 23. Juni 1893. Biichcr dereinschlftgigen Littpritur. weiche der Redaktion zugesandt werden, linden in diesem Blatte eingehende Besprechung. Bei Einsendung von zwei Recensions- Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gral s-Insertion. ,,Jütlisehe Literatur-Blatt•‘ erscheint wöchentlich in einem hallten Bosten. Preis liei allen Buchhandlungen in Leipzig hei Rotiert Friי״ pu> .1:1 hrgang א Mark. Abonnenren 11er ..Israelitischen Wochenschrift,•', die vierteljährlich hei allen Postan'taltr-n und Buchhandlumfen 3 Mark zahlen, erhaben das ..Jüdische Literatur-Blatt" gratis. Inserate werden mit 20 Pf. für die gespaltene Petitzeil-, Beilagen mir 20 Mark berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler und Lehrer, welche direct od״r durch Robert Priese Inserate einsenden. erhalten 2-> Raliatt. Wis 8e 11 s<• 11 af11 i<׳he Aufsätze: Hin jüdischer Pater l.oyola Voll H. Scli a pi ro->fei11׳d. — 1 )er (iaon von'Wilna als talmudisch'1• Forscht׳!•. Schluss. Von Dr. S. Nascher. L it eratui'herich t. Recensinneu: Pressei. W ilI1c| m. Der Talmud vor dem Sehwurgerichttam l1,'׳uie des NIX. .iahthmiderrs. Kitt Zeturni־s für die Wahrheit. Literarische Notiz. 'JnbefuBter Nacndruck aus diesem Blatte ist nicht gestaltet. Ein jüdischer Pater Loyola. Von H. Sch a p i 1־0׳Memcl. ..I׳׳h habe alle Ränke gilt verstanden Lmi wandelte mit Kunst die krummen Wege, So dass mein Ruferklang in fernen Lunden (Dante. Inferno. 27h In den acliziger Jahren des vorigen Jahrhundert8 bega'!> sich eint־ Schaar kleiner Knaben narb einem unfern des Städtchens Miezwiez in der Ukraine vorbeidie־se1nlen Bach. um aut dessen hartgefrorener Fläche trotz der strengen Kälte und dem Schneegestöber eine Rnfsrlipartie zu unternehmen, inmitten der ansgelassensten Kremle. die unter dieser jugendlichen Schaar herrschte, trennte sieh!)lützlieh ein kleiner schwächlieber Knabe von seinen Genossen und sehaitte vom erhüllten Ufer still diesem lustigen Treiben zu, ohne, wie eschien, selbst im *leiste daran theilzunehmeii ..Warum bist du so ernst", fragten ihn di׳■ Fehngen, die sieh gar!lieht erklären konnten,!lass ihr sonst heiterer und ausgelassener Gespiele diese schöne Gelegenheit. sich einmal ordentlich auszutoben. unbenutzt voriihergelien liess. ..Nicht״:־ antwortete er ihnen ausweichend, und jene Hessen sich auch nicht darüber die Freude an ihrem Spiel verderben und nahmen sein!׳ Ausrede auf guten Glauben hin. Allein einem F.rwaehsenen. der jetzt diesen Knaben gesehen hätte, wie er mit gekräuselter Stirn und zusammengepressten Kippe» gedankenvoll (Instand und wie seine dunkeln Augen bald träumend vor sieh liinstarrten und bald, von einem innern Feuer beseelt, hell auflenditrten, dem würde es nicht entgangen sein, dass er hier einer Idee »Hchlmiige. die in der kindliehen Seele noch nicht zur volle» Kntwickliing gereift, ja vielleicht dem kleinen I raumer selbst unbewusst, seinen Deist beschäftigte. Dieser Knalle war der nachmals berühmte und von seinen gläubigen Anhängern als Heiliger verehrte liabbi Nachman aus lloreslaw, vorhiutig noch kurz Nachmaini oder mit Benutzung des an Diminutiven so ]•eichen jüdischen Jargons..Narhmanke•• geheissen. Ihm war es Vorbehalten, ••inst, mit schartem. noch mehr aber klugem und vervvhlagenem *leiste in die Mysterien der Kahhalali einzn- (!ringen d, )!. der chassidäiselien. die im Gegensatz zu er alten sellM von Männern wie Xachmanides u. a. ge-!!Hegten Gelieimlehre, sich nur mit leeren Silbenklaubereien und Satzverdrehnngen beschäftigte und sinnlose Dogmen aufstellte. die nicht nur mit der Vernunft, sondern auch mit dem biblisch-talmudisclie» .Indentlmm bedenklich in Fontiiet geriethen. Kr verstand es. den aus dem überhitzten Schädel manche!• cliassidäisehen Grösse aufgestiegenen Dunst zu einer festen ' ten .Masse zu condensiren. und auf dem schwachen Fundamente schablonenhafter, verworrener Doctrine. ein recht imposantes Phantasiegebäude zu errichten. Kr tiiekte die alten kabbalistischen Fetzen zu einem einzigen Gewände zusammen und brachte ein System in den Unsinn barocker zusammengewürfelter Anschauungen. Doch ihm gebührt noch ein anderes ebenso grosses als zweifelhaftes Verdienst, und gerade diesem verdankt er seinen Nimbus. Kr gab dem Chassidismus eine feste Form und Gestillt, und es gelang ilnn mit Zuliülfeiialime aderlei jesuitischer Morallehren diesem Produkte des missest en Aberglauhetis ein solch bedeutendes Ansehen zu verschalten, dass der Chassidismus nach kaum zweihundert jährigem Bestehen innerhalb eines grossen Theiles der russischen, rumänischen, und galizischen .luden zu einer ..Staatsreligion״ erhoben wurde, und dass dessen Krobernngszog nur mit Mühe das moderne Talmudjiulenthum aufzuhalten imstande ist. Liess er sieh bei seinen kabhalistischen Bestrebungen nur von einem Irrwahn leiten, und handelte er also hier nur aus innerem Impulse, so waren hei seiner befruchtenden Thätigkeit aut dem Gebiete des Chassidismus mehr eigennützige Motive massgehend. Kr tiihlte sich dank seinen hervorragenden Kigensehaften zu einer bedeutenden Holle berufen, und was konnte ihm in damaliger jeder Aufklärung so ahholden Zeit mehr behagen, als die!Stellung eines mäclttigen, bewunderten und angeheteten Ifabbi's. Da er Talimidkenntnisse nicht in dem erforderlichen Maasse besass. um als ..Gaon” glänzen zu können, so blieb ihm die allerdings ehrenvolle Laufbahn eines jüdischen Gelehrten verschlossen. Die Holle eines modernen Heformators zu spielen, zu der bekanntlich Männer mit starker Willenskraft, strebsamem*leiste und ausgeprägtem Selbstbewnsstsein — alles Kigensehaften. die dieser Naehman besass himie.igen, darauf musste er. abgesehen dass ihn vielleicht davon seine religiöse l Vberzeugung ahhielt, von vornherein verzichten, denn angesichts der ihn umgehenden Orthodoxie wäre ein solches Beginnen tiir ihn mit der grössten Gefahr verbunden. Seinem eigennützigen Streben blieb mithin keine andere als die aussh htsvolle t'aniere eines Hahhi's orten und er brachre es soweit, diesem Stande bei seinen Gläubigen ein solches Prestige zu verschaffen, dass es jetzt die grösste l'rofanirung alles Heiligen wäre, wenn man versuchen 51

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.