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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1891-10-17 · N° 42-43. (17.10.1891) · p. Seite 164

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
20 (1891)
Issue
N° 42-43. (17.10.1891)
Date
1891-10-17
Page
Seite 164 (sequence 2)
Language
German
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— 164 — vitae zu verstehen, wenn wir z. B. die bei Guttmann S. 8;־i augeführte Form der Unterredung näher betrachten .... ״Magister: Ita est. Sed ego dabo tibi regulam unam, fiat facile, tarnen attentus esto. Discip.: Ego attendo, sed tu incipe.“ In einer mehr noch als Entwurf geltenden Darstellung pflegen solche Formen der Unterredung gemeiniglich uoch nicht verzeichnet zu werden. Uns hat sich vielmehr bei genauer Würdiguug der psychologischen und biographischen Momente bei Gabirol, der Zweifel aufgedrängt, ob das ״fons vitae“, nach seinem in der lateinischen Uebersetzung wiedergegebeuen Inhalt, überhaupt im eigentlichen Sinne ein Werk Gabirols zu nennen ist, ob dasselbe nicht vielmehr aus den genauen persönlichen Auf'• Zeichnungen hervorgegangen ist, die sich Gabirol bei seinen Unterredungen mit einem Lehrer, etwa Jekutiel, angefertigt haben mag, sowohl wegen der Schwierigkeit der behandelnden Materien selbst, als auch wegen der ausserordentlichen Verehrung, die er für diesen Lehrer hegte. Später bat vielleicht Ibn Gabirol selbst oder ein Anderer mehrfache Bearbeitungen dieser ״Aufzeichnungen“ unternommen und eine dieser Be• arbeitungen vielleicht in zusammenhängender Dar• Stellung — lbn Daud erwähnt auch mit keinem Worte des dialogischen Charakters des מקור חיים — hat demselben Vorgelegen. Die Lobeserhebungen im fons vitae beziehen sich dann nicht auf Ihn Gabirol selbst, sondern sind der begeisterte Ausdruck der Zustimmung und Verehruug für seinen Lehrer, der aller Wahrscheiulichkeit nach Jekutiel gewesen ist. Versuchen wir diese Hypothese — wir müssen sie allerdings selbst noch als solche bezeichnen — näher zu begründen. Von Jekutiel singt der Dichter Gabirol:*) Zur Seite stehn die Zeugen ihm bewährt: Sein Edelsinn, ein breites Meer, Geradheit, eine teste Wehr, Die Gottesweisheit, die er kundig lehrt. Das Wissen ist der Gottheit edle Zier; Auf seinem hocherhobenen Panier btekt Jekuthiels Name eingeschrieben, Der strahlt wie Himmelswölbung lür und lür. Er ist so gross und dennoch so bescheiden, Erquickend seine l'rucht, sc duftend mir! Es steht also fest, dass Jekutiel Gabirols״kundiger“ Lehrer in der ״Gottesweisheit“ gewesen und dass Gabirol in innigem vertrauterem Umgänge mit diesem Lehrer gestanden hat. Dieser Thatsache ent* spricht denn auch der enthusiastische und vertraute Ton, der in dem Dialoge des fons vitae vorherrscht und die Vermuthung liegt darum nicht fern, dass eine genaue Durch• musterung der lateinischen Haudschriften des fons vitae in Rücksicht auf diese ihre dialogische Form, noch weitere Merkmale einer :in mittel baren und tieferen seelischen Bewegung finden dürfte, als die mit Vorsatz erwählte Eigenart dialogischer Darstellungsweise sie gemeiniglich zu erzeugen pflegt. Hier sehen wir vielmehr den von regster Wissbegierde erfüllten jugendliehen Ibn Gabirol in seinem ״initium speoulandi“ vor uns stehen; der nach Klarheit und lebendiger Aneignung der empfangeneu Lehren ringende Geist des jugendlichen Schülers führt stets von Neuem die behandelnden Materien oder die ihm noch vorherrsehenden dunklen Begriffe zur gemeinsamen Bearbeitung mit dem Lehre? vor . . Sed fac, me scire quiddam, quod subit meutern meam, licet non inspectet ad praesens negotium, bei Guttmann Seite 1(>2), oder, um noch ein anderes Kennzeichen wirklich stattge- *) Geiger: -Salomo Gabirol und seine Dichtungen“ S. 40 und 41. fundener, lebendiger Discussion hier vorzuführen, di* Stelle bei Guttmann S. 263 — ״Discip.: . . Ex omnibus, quae praemisisti, jam claruit mihi quod in omnibus, quaecunque creata sunt, non est nisi materia et forma et intellexi materiam universalem et formam uuiversalem et patuit mihi, qued motus.et virtus divina, omnia penetrans, diffusa in omnibus, sicut diff'usio luminis in aere et animae in corpore et intelligentiae in anima. Da mihi consilium, quod deinceps debeam inquirere. Magist.: Scientiam de materia et forma non debes credere ad omnia tibi posse sufficere 8ed sustine, ne properes et semper stude etc.*) Dieses Streben sowohl nach fortschreitender Erweiterung der philosophischen Er• kenntniss sowie nach tieferer lebendiger Aneignung derselben veranlasst nicht nur die eingehenden Fragen und gelegentlichen Unterbrechungen des Schülers, sondern sind auch die Ursache ״für die Weitschweifig, keit in der Darstellung, die bis zum Ueberdruss sich wiederholende Ausführung derselben“, die allerdings auch in einer später unternommenen Bearbeitung, vielleicht zur Sicherung des Verständnisses für fremde Leser, beibehalten worden ist. Dass eine solche Ueberarbeitung von irgend welcher Hand unternommen worden sein muss, geht unter Anderem aus der genauen Betrachtung der von uns in der Anmerkung bereitscitirten Stelle hervor: ״Jammanifestasti mihi... et consecutus sum scientiam illarum, quam nemo acquisivit secundum posse menm et initium specu• laudi in hoc capitulo.“ Wir stehen bereits am Ende des dritten Tractates, ״die zwei ersten Tractate haben es mit dem Beweis zu thun, dass der Grund der sichtbaren Welt kein anderer ist als Materie und Form; in dem dritten Tractat wird die Existenz der geistigen Substanzen bewieseu“ (Seyerlen) und nun 8011 der Schüler in hoc capitulo erst im initium speculandi sein! Die Worte iu hoc capitulo erweisen sich also schon aut den ersten Blick als ein späterer sinn• verwirrender Zusatz, ebenso wie das Schlusswort ״capituli“ in der citirten Stelle: Audio et audire desidero . . . Ebenso sind die Worte ״in hoc traotatu tertio“ ein späterer Zusatz wie deutlich aus dem tautologischen Ausdruck der bei Guttmann S. 79 angeführten Stelle erhellt: Post quam certuin est tibi in hoc primo tractatu per hanc disputationem, quod iu sensibilibus non est, nisi materia . . . Ursprünglich stand wohl nur per hanc disputationem; in hoc primo tractatu ist ein späterer Zusatz von unbekannter Band, wie wir mehrere dergleichen im fons vitae finden können. Noch manch anderer Umstand spricht zu Gunsten unserer Annahme, dass das fons vitae nach dem Inhalte der lateinischen Uebersetzungen, aus persönlichen Aufzeichnungen Ibn Gabirols über die philosophischen Unterredungen mit einem Lehrer — höchst wahrscheinlich Jekutiel — hervorgegangen ist; iudess glauben wir wenigstens zur Genüge erhärtet zu haben, dass es sowohl mit den Lobeserhebungen Gabirols im fons vitae sowie mit dem dialogischen Charakter desselben überhaupt, eine eigene Bewandtnis? haben muss. (80hl. folgt.) Die Aussprache des "I-Lautes. Die in dies. Bl. angeregte Erörterung über die Ausspräche der Buchstaben ח und כ giebt mir Veranlassung, die Aussprache auch anderer verwandter Buchstaben zu *) Man vergleiche schliesslich noch die Stelle (bei Guttmanu S. 12). ״Disc.: Jam doeuisti me scientiam de materia et forma et voluntate, secundum quod capax fui hujus digeiplinae et secundum quod vidisti, me esse percepti- 1 bilem scientiae de voluntate; ergo doce me scientiam de I creatione, quam mihi possibile est scire et da mihi exemplum . . “

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