Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 7. (12.2.1891)
- Date
- 1891-02-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Jahrg. XX. ■II 1■ I Litteratur-Blatt. Sar Belearfctaag aller Jideithi■ «ad J14«a fectraffeadea!itterariachea Rrachaiaaagaa aaf de» Gebiete der Ptallo* sofklt, Geaelilfbte, Etbaoirrapkt•, Tbeo- Jjfle, OrfcafttUa, Extfeae, Hoallitlk. Lltarglk a. PidiffOirlk. Heraasgegeben ▼on Rabbiner Dr. Moritz Kahmer. 9T£a<j3e6ut<j, 12. aFe-fouat. 1891 Bieber der elatehUglftea I<ltt6ratar,w9lct1 der Bedaet.on sageuadt werdea, fladea ln dteae» Blatte elafebeade Beapreebaae Bel Blaaeadaaf ▼oa awel Beceaalonii• Rxeaiplarea erfolgt elaaiallge karxe Gratia• laaertloa. Das ״Jtdlscfce Littermtnr-Blatt•« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buohhandlungen (in Lsipsig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der .Israelitischen Wochenschrift‘‘, die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd fiucbhandlnngen S Mark zahlen, erkalten das ״Jüdische Litteiatar-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 26 Pf. ittr die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden Buchhändler u. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einseaden, erhalten ‘25 )i Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Ein Jude als Minister des Königs Sigmund. Eine historische Skizze. — Ueber den Gregorius Hartman’s von Aue. Von Dr. S. Gelbhaus, Prediger und Rabbiner in Prag. (Forts) — Zur Chronologie. Von L. Cohen in Re6s a. Rhein. Recensionen: Müller, Dr. Joel: Einleitung in die Responsen der babylonischen Geonen. Literarische Anzeigen. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Ein Jude als Minister des Königs Sigmund. Eine historische Skizze.*) Allenthalben, während des Mittelalters, den ärgsten Vexationen und Verfolgungen ausgesetzt, erging es den gehetzten Juden relativ am besten in Polen. In ganz Europa, und insbesondere in Deutschland furchtbar verfolgt, wanderten sie in ganzen Schaaren in Polen ein nnd fanden hier eine verhältnissmässig gastfreundliche Aufnahme. Der vollständige Mangel an Gewerbetreibenden unter der einheimischen Bevölkerung zwang die damaligen Fürsten Polens, die Städte mit Handwerkern aus Deutschland zu colonisiren. Und deshalb wurden auch die neueu Ankömmlinge, denen der Hut einer geschäftsmännischen Tüchtigkeit vorausgegaugeu war, ziemlich gerne gesehen und die ihnen verliehenen Privilegien sicherten ihnen den Schutz der Behörden zu. Charakteristisch ist es jedenfalls, dass die Israeliten noch bis zum heutigen Tage das aus ihrer ehemaligen germanischen Heimath mitgebrachte Jüdisch-Deutsch sprechen und vom polnisohenElemente so wenig angenommen haben. Die Juden begannen in Polen schnell an Zahl und Wohlstand zu wachsen uud durch die Vereinigung Litthauens mit Polen fanden sie auch dort einen ausgedehnten Wirkungskreis für ihre Leistuugsiäbigkeit. Witold, der Grossfürst von Litthauen, verlieh den Juden in Brzesc, Trozk uud Grodno Privilegien, kraft deren sie an Rechtbefugnissen den übrigen Stadtbewohnern gleichgestellt wurden. Diese Verleihungen bestimmen die Geschäftszweige der Juden; sie konnten auf Pfänder leihen, Schankwirth- Schaft betreiben, in den Strassen und Marktplätzen kleinen Handel führen und ausserdem waren ihnen auch verschiedene Handwerke freigegeben. Eine kleine Anzahl befasste sioh auch mit dem Ackerbau uud andere waren einfach Bürgersleute. *) Nach dem Polnischen des Josei Wolf, bearbeitet von S. Horwitz. Die Hauptbeschäftigung der reichen, iitthauischen Juden im 15. Jahrhundert bildeten die Pachtungen der Steuern, der Zölle und Mauthgebühren. Die Zollkammem, die Steuern von Branntwein, Salz und Wachs, die Ueberfuhr- und Brüokenabgabeu etc., befanden sich in jüdischen Händen. Die Herren schauten neidisohen Blickes aut die immer reicher werdenden jüdischen Arendatoren und Zollpächter. Man trachtete sie zu beseitigen, man versuchte die Steuern durch Beamte einheben zu lassen, aber die Eintreibungsart muss für den grossherzogliohen Fiscus nicht so vortherlhaft gewesen sein, da man nach einer gewissen Zeit wieder zu deu Juden zurückkehrte. Und in der That waren die Verbindungen mit den jüdischen Zollpächtern für die Grossherzöge unbestritten am bequemsten. Litthauens Beherrsoher befanden sich nämlioh in fortwährenden Geldverlegenheiten nnd die Juden erlegten anticipaudo einen beträchtliohen Theil des Pachtsohilling, warteten manchmal auf eine Rückzahlung der Schulden jahrelang in Geduld und nahmen auch an Zahlungsstatt Gegenstände in natura wie: Salz, Honig, Wachs, Weizen uud sogar ganze Viehheerden. Auf diese Weise sammelteu die jüdischen Pächter Reichthümer und mit der Zeit erstanden sie auch, tkeils durch Kauf, theils durch Verleihungen der Grossherzöge Landbesitz, wobei sie oft genug zum Christenthum übergingen. Als Kasimir der Jagellone im Jahre 1492 mit Tod abging, hinterliess er seinem Sohne Alexander, der den grossherzoglicheu Thron bestieg, eiue erkleckliche, bei Juden contrahirte Schuldenlast. Anfang« lieh ging alles im alten Geleise. Alexander bezahlte, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, die väter- Hohen Schulden. Die Steuern wurden weiter den Juden überlassen und zwar denselben, welche sie von König Kasimir in Pacht erhalten hatten. Aber diese finanzielle Abhängigkeit wurde dem Grossherzog und den Magnaten lästig, und von da war nur noch ein Schritt, einen Anlass ausfindig zu machen, um sich vom Joche der jüdischen Gläubiger befreien zu können. Und um einen Anlass war man nicht ver* legen, ln jener Zeit wurden die Juden aus Spanien vertrieben, und der König Johann Obraoht gestattete ihnen nicht, in Krakau zu wohnen. Unter einem religiösen Vorwände also wurde im Jahre 1495 ein Dekret erlassen, welches alle Juden, welche das Christenthum nioht annehmen wollten, zur Verbannung aus deu Grenzen Litthauens verurtheilte. Selbstverständlich (?) nahmen viele Juden unter der Pression dieser Ordonanz, uud insbesondere die wohlhabeudereu, die Taufe au. Dieseu Letzteren wurde