Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 6. (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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6. Jüdisches Jahrg. XX. Litteratur-Blatt. Iir Baleafktaag aller J14Mthm utl 414n betreffende■ lltterarliche■ Kr* •ekaiaa■*«■ a«f de« Gebiete der Philo- •opkle» Qeaehlehte, Ethaojrraphle, Theol>gl«, Orlentilla, Exegeae, HonM«tU, Lltarglk a« Pidagoirlk. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Woritz Rahmer. 9ICa<j3e6ut<j, 5. fe-Gtmt 1891 Bieber derelaaehlifUea 1.1tter«tar,w«tek der Redeet.o■ «■geaaadt werde■• fladea la dieaeai Blatte elngeheade Bespreche■/ Bet Elatendaiig T0a awel Beceaalon«• Exemplaren erfolgt einmalige knrse Gratia- Insertion. D*8 ״Jfldlsche LHteratör-Blatt*‘ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Kark. Abonnenten der .Israelitischen Wocheuschritt“, die vierteljährlich bei allen Poatanetalten und Buchhandlungen 8 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit Pf. ihr die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden Buchhändler n. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalteu 25)/ Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Der monotheistische Gottesbegriff. —!Jeher den Gregorius Hartman’s von Aue. Von Dr. S. Gelbhaus, Prediger und Rabbiner in Prag. — Privilegia und Freyheiten der Juden zu Hanau de dato 28 Decembris 1003. (Schluss.) i Recensionen: Goldste in, וכל1ץ Gcdenkbätter, vonSalomon 1 S ulz er. Litterarische Anzeigen. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Der monotheistitsche Gottesbegriff. Der monotheistische Gottesbegriff hat bekanntlich im Judenthum seinen Ursprung und ist seitens der Töchterreligionen, Cbristenthum und Islam, von dort entnommen. Der christliche Gottesbegriff ist zwar ein modificirter, abet soll dennoch ein monotheistischer sein; er gilt als solcher in der kirchlichen Dogmatik und wird auch als solcher von jüdischen Schrittgelehrten und Gesetzeskundigen erklärt. Selbst der Talmud sagt nicht, dass das Ghristenthum sich zu zwei Göttern bekenne, sondern zu zw6i göttlichen ״Waltungen“ (שתי רשויות). Aach die Trinitätslehre des Christenthums will die Gottheit nicht trennen, sondern die Gegensätze (Vater und Sohn) in derselben wieder einheitlich (heiliger Geist) zusammenfassen. So sehr aber auch Theologen, wie Delitzsoh und Schwalb, Juden und Christen gegenüber sich be* mühen, den Trinitätsglauben dem Begriffsvermögen der Menschen nahe zu legen, er bleibt ein Glaube und wird vom Verstands nicht begriffen. Schon die genannten Theologen geben zu Bekehrungszwecken diesen Glauben den ungläubigen Juden gegenüber insotern ganz preis, dass sie sagen: Der Inhalt dieses Glaubens ist nicht fixirt und vorgeschrieben, es deute ihn sioh jeder nach eignem Begriffsvermögen, nach individueller Auffassung; aber auch denkende Christen haben schon längst angeiangen, diesem Dogma gegenüber Zweifler und Leugner zu werden, so dass ein neurer Denker (Egidy, Ernste Gedanken) im Interesse der Religion sogar die Aufgebung dieses Dogma’s und die Rückkehr zum reinen monotheistischen Gottesbegriff fordert. Was hierbei im christlichen Lager [vorgeht, liegt uns fern, aber insofern mit dieser Rüokiehr zum reinen Monotheismus eine Annäherung an as Judenthum, wenn auoh unbewusst, gefordert and rstrebt wird, liegt diese Sache und dieser Vorgang userm speciellen Interesse nahe. Indess scheint es uns othig, davon mit grösster Vor- und Umsicht zu *den; die Christen, fürchten wir, werden von einer solchen Anschauung grössere Vortheile ziehen, als die Juden. Erster« werden von einer solchen nivellirenden Bestrebung der Glaubensansichteu noch nicht Veranlassung nehmen, sich mit dem Judenthum eins zu wissen und zu diesem überzutreten; viele Juden aber, aller weiteren Differenzpunkte, welche Jaden- und Christenthum unterscheiden, vergessend oder sie nicht kennend, glauben, dass beide Religionen gleich seien und sioh taufen lassen. Zu eiaer jubilirenden Auslassung liegt demnach für uns keine Veranlassung vor; die prinoipielle und dogmatisohe Annäherung an das Judenthum überrascht uns auoh nicht, die ganze Reformationsbewegung im Christenthum ist and bedeutet eine Annäherung an das evangelische Urchristenthum, und dieses hat seine Wurzeln im Judenthum, feindselig gegen dieses wurde ja erst die nachträglich sioh entwickelnde Polemik der Kirche. Nicht dass wir an der Gegensätzlichkeit beider Religionen Gefallen hätten, aber abgesehen davon, dass diese zum Theil in der historischen Entwickelung und Nothwendigkeit der Kirche und ihrer Beziehungen zum Heidenthum begründet liegt, erkennen wir darin auch eine Arb providentieller Waltung für das Judenthum. Denn wenn schon bei religiösen Gegensätzen Abfall vom Judenthum nicht selten ist, Versuche, diese Gegen- Sätze zu nivelliren, müssten ihn begünstigen. Es ist darum richtig, die Verwandtschaft der verschiedenen Töchter-Religionen zum Bewusstsein zu bringen und auf ihre Entstehung aus dem Judenthum, als Mutter- Religion, hinzuweisen, aber ebenso nothwendig ist es, die religiösen Gegensätze und Untersoheidungslehren zwischen Juden- und Christenthum zur Erkenntniss und Aufkläruug zu bringen. Dem oberflächlichen Volkssinn genügt es, und darin unterscheiden sioh auch im allgemeinen die Wissenschaftlieh Gebildeten nicht, zu wissen, wir haben alle Einen Gott, von der Verschiedenheit in diesem Gottesglauben und in sonstigen Pankten der religiösen Lehre und des religiösen Lebens wissen sie nichts oder niohts Genaueres, uud somit erkennen sie es auoh für gleichgültig, ob mau dem Juden- oder Christenthum angehöre, und finden für den Juden auoh deu Abfall, Taufe und Uebertritt gerechtfertigt. Als eine wichtige Aufgabe unserer Zeit erscheint es darum, ausser den eignen auch die Untersoheidungslehren des Judenthums und die speciellen Berufslehreu Israels iu Schule uud Synagoge, durch Unterrieht und Presse zum Bewusstsein zu bringen. Freilich ist dies keine neue Aufgabe in Israel, das Bedürfnis« tritt jetzt nur stärker hervor, weil die Männer der Lehre unter uns an so vielen Orten fehlen; daraus