Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 21. (23.5.1889)
- Date
- 1889-05-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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-Ä1 Jüdisches Litteratur־ Jahrg. XV11I. Blatt. Bar Bdcachtu^ •Iler Jvdeitkiai ■■d Jade■ betreffende■ IltterarUchen Gr- •ektlaaag«■ ■■f dem Gebiete der Phile* sophle, Geschichte, Etkaoffraphl«, Theoogie, Orleatalla, Rxegeee, Honlletlk, tltargik a. PSdagoglk. Herausgegeben von Rabbiner l)r. Horitz Rahmer. £flt.aq.9e€>11tq., 23. 91tai 1889. Bieber der *laachligigea Lltteratar,welch der Hedeet 0■ sageeaadt werde■, hadern la diese■! Blatte elageheade Besprach■■* Bel Glasend■■* ▼0■ awel Beceasloa■• Rxeaiplaren erfolgt elanalUe karse Gretls-lBsertlOB. Da« ,*Jüdische Lltteratur-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipsig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der .Israelitischen Wochenschritt“, die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen t Mark zahlen, erhalten das ,Jüdische Littetatur-Blatt■* gratis. — Inserate werden mit t& Pf. tur die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes za senden Buchh&ndler u. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 X Rabatt. I Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Von der Geschichte der Juden Oesterreichs in d3n letzten vierzig Jahren. — Ueber die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Von Dr. S. Gelbhaus, Rabbiner zu Nordhausen. (Fortsetzung.) Litteraturbericht: Recensionen: Strack, Dr. Herrmann L., Professor. Einleitung in das alte Testument. — Knoller, Dr. L., Rabbiner. Kurzgetasster Leitfaden für den grammatischen Unterricht in der hebräischen Sprache. Litterarische Notizen. Inserate. Unbefugter Naehdruek aus diesem Blatte ist n i 0 h I gestattet. Von der Geschichte der Juden Oesterreichs in den letzten vierzig Jahren.*) Die mehr interessante als heilsame M nnigfaltigheit, die dem österreichischen Volks- und Staatsleben ihr eigenthümliohes Qepräge giebt, offenbart sich auch unter den Juden des österreichischen Kaiserthums. Die Juden des deutschen Reiohes sind ungefähr alle von gleichem Schlage, nur so weit unterschieden, als überhaupt in einem Lande von 80 gewaltigem Umfange die Merkmale der einzelnen Stämme, der Gegensätze zwischen Nord und Süd, zwischen Ostnnd West sich geltend machen. Aber die Unterschiede sind nebensächlich; wie die Deutschen unter einen Hut gebraoht worden sind und unter der preussisohen Pickelhaube ein Ganzes bilden, so sind auch die sechshundert tausend Juden von Memel bis Metz eine Genossenschaft, in der ungefähr, wenn wir einige Grenzdistrikte abreohnen, dieselben Gesiu nungen und Strebungen zu Tage treten. Der orthodoxe und der liberale deutsche Jude, wenn sie sioh auch bekämpfen, sie stehen dennoch auf demselben Boden, sie verstehen einander, sie haben dieselbe Bildung und es walten unter ihnen kaum so tiefgreifende Unterschiede als in der protestantischen deutschen Kirche. Ganz anders sind die Verhältnisse in Oesterreich- Ungarn. Die Masse der Juden Galiziens, der Bukowina und vieler Theile Ungarns sind der deutschen Bildung so fremd, wie die völlige Unkultur es der Kultur ist. Was haben die intelligenten Juden Wiens, wenn wir von dem religiösen Standpunkt ganz absehen, mit den Chassidim Ungarns und Galiziens noch Gemeinsames als den Namen und einige religiöse Ceremonien, die aber hier und dort einen ganz andern Sinn haben? •) Zur Kolturgescliichte in Oesterreich-Ungarn von 1798 bis 1888 von G. Wolf. Wien. Alfred Hölder. 1888. 186 8. £8 ist darum eine ausserordentlich schwierige Aufgabe, diese vielgestaltige Judenheit Oesterreichs zu schildern, freilich auch eine ausserordentlich lohnende; wir wissen von dem innern Leben der Juden des Ostens nicht gar zu viel; Franzos schildert mit der Feder des Novellisten; wir wünschen jedoch die Darstellung des Kultnrhistorikers, der mit dem Judenthum vertraut ist; wir möchten daraus Antwort, auf die Frage gewinnen, wie weit diese Namensgenossen noch unsere Glaubensgenossen .';nd und wie weit wir die Hoffnung hegen dürfen, in absehbarer Zeit auf einem gemeinsamen Boden uns wieder zu finden? So umfassende Kunde bietet uns das neueste Buch Wolfs, das uns von der Geschichte der Juden Oesterreichs in den letzten vierzig Jahren erzählt, nicht. Wolff lebt in Wien, und Wien ist der Hauptgegenständ der Darstellung, aber bei seiner genauen Kenntniss der Archive und der that&ächlichen Verhältnisse enthält sein Buch einen überreichen Schatz von interessanten Notizen. Die kaiserliche Regierung war in dem letzten Jahrhundert nicht ohne Wohlwollen für die Juden, oft wurde ein energischer Anlauf genommen, alle Juden des Kaiserreichs in die moderue Kultur hineinzuziehen, aber es ist eben, wie Wolf richtig hervorhebt, ein Wahn zu glauben, dass in einem absolut regierten Staate der Fürst wirklich Alles kann, was er will; wie viele vortreffliche Pläne der absoluten Fürsten versampfen in den Schreibstuben; der Fürst kann im einzelnen Fall seinen Willen durchsetzen, aber einen legislativen Gedanken durchsetzen vermag vielleicht ein konstitutioneller Monarch leichter, als ein sozusagen unumschränkter Herrscher, denn in freisinnigen Staaten giebt es eine öffentliche Meinung, die der Fürst für sich aufrufen kann, und die sodann die Räder der bureaukritischen Maschine in einen raschen Gang bringt. Trotz des guten Willens der Regenten hat sioh in Galizien, in Ungarn keine entscheidende Annäherung der Juden zur modernen Kultur vollzogen. Im Jahre 1803 verlangte Kaiser Franz eine Judenordnung für Galizien, im Jahre 1810 kommt er darauf zurüok, im Jahre 1811 wird er dringend, im Jahre 1812 erhält er vom Minister eine Antwort, dass die Saohe sich nicht überstürzen lasse; noch einige mal regt sich der kaiserliche Wille, ohne Erfolg; eine ähnliche Forderung hatte Kaiser Fianz im Jahre 1803 für Böhmen gestellt und eine ״rasche Erledigung“ gefordert; im Jahre 1841 wurde für Böhmen eine Ver- Ordnung erlassen. Das war die rasche Erledigung. Wenn ein junges, jüdisches Paar heirathen wollte, •0 mussten vierzehn Zeugnisse beigebracht werden;