Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 15-16. (12.4.1889)
- Date
- 1889-04-12
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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־Wort auf denjenigen anwenden dürfen, der nach einer glücklichen Jugend unter der erbarmungslosen Geissei der Kirchenzucht sich krümmt und windet und aus einem Menschen, dessen Jugendfehler ein Uebermass von Liebe gewesen ist, später ein grausamer Fanatiker wird. Ja die Macht der Kirche ist gar gewaltig, denn sie kann einen weichherzigen Schwärmer in einen steinharten Eiferer wandeln. Es wäre nicht Recht, bei einer Dichtung, die die tiefsten religiösen und sittlichen Probleme aufwirtt, über Einzelheiten zu richten, ob hier und da das Lokalkolorit richtig getroffen ist, ob der Gang der Handlung nicht an Unwahrscheinlichkeiten leidet u. dergl. Dinge mehr, sondern hier gilt es den innersten Kern herauszuschälen, der die reife Frucht tiefer psychologischer Forschung ist. Der Ort der Handlung ist Rom und Umgegend, die Geschichte spielt in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts; wol nicht ohne Absicht hat der Dichter diese Thaten des finstersten Fanatismus in ein Jahrhundert verlegt, welches wir die Zeit der Aufklärung nennen; es liegt ihm daran, zu zeigen, wie der religiöse Wahnsinn seine Bahnen schreitet, obschon es an allen Ecken und Enden von Fackeln der Erkenntniss flammt und leuchtet; wäre es eine Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert, so hätte sie einen Werth als geschichtliches Bild, aber die gegenwartstolzen Mensehen könnten sagen: was geht das uns an! Darum macht unser Dichter seine düstern Gestalten zu Zeitgenossen Voltaires und Lessings und wir können dennoch nicht behaupten, dass die Ereignisse und Charaktere dadurch an Wahrscheinlichkeit verlieren. Daraus folgt mittelbar die Lehre, dass auch wir Acht haben müssen, damit nioht der kirchliche Geist, der in allen Bekenntnissen oft geradezu der Gegensatz des religiösen Geistes ist, die Oberhand gewinne. Der Mann, der einst als JudeDahiel hiess, und dann als Christ und Mönch den Namen Angelikus empfing, schreibt auf Geheiss seines Abtes seine Schicksale nieder. Er ist das einzige Kind seiner Eltern, er war ihr Stolz und ihre Hoffnung; aber der Abt befiehlt ihm, dass, so oft er seines Vaters oder seiner Mutter erwähne, er ein Wort der Verfluchung hinzufügen müsse; er thut es, obgleich er weise, dass seine Eltern ihn niemals verfluchen werden; seine Eltern leben, aber der Abt verlangt, dass er von ihnen als wie von Gestorbenen rede. So vertilgt die Satzung der Kirche das natürlichste Gesetz und heischt vom Sohne aus Gehorsam gegen die Oberen die schrecklichste aller Sünden. Die Eltern Dakiels waren fromme Juden, der Vater ein Rabbiner der römischen Juden; Dahiel war ihnen geboren worden, nachdem sie lange in kinderloser Ehe gelebt hatten und der Vater legte das Gelübde ab, dass er den Sohn zu einem Verkündiger Gottes, zu eiuem Tröster seines Volkes, erziehen wolle. Es ist uns nicht recht verständlich, warum der Dichter bei der Geburt dieses Kindes eiu mystisches Eiement walten lässt, dass nämlich eine aus dem römischen Ghetto verstosseue Jüdin die Geburt des Knaben vorausverküudet, dass überhaupt dies mit übernatürliehen Mitteln ausgeatstteie zigeunerhafte Weib so oft mit ihrem phantastischen Zauber in die Geschicke eingreift. Die Geschichte hatte nur au natürlicher Kraft gewonnen, wenn die Schicksale, die aus der eigeutkümlicheu Oliaraktereutwiuklung des Helden und den Verhältnissen, unter denen er lebte, sich zwanglos ergeben, dieses romantischen Spukes ent.- behrt hätten. Indcss der Dichter hat nun einmal nicht darauf verzichtet, einer jüdischen Zigeunerin, die auch sonst iu der Erzählung eine Rolle spielt, diesen überirdischen, unerklärten Zauber zu leihen. Dabiel wächst im Ghetto berau, er lernt früh den Hass und die Verachtung kennen, die der Christ gegen den Juden wendet, and er wird tieftraurig, denn er bat ein Herz, das alle Menschen liebte, das für Christen wie für Jaden Raam hatte; nnd nun sab er den grimmigen Hass, den er sich nicht erklären konnte. Weil Dahiel 80 weich and sanft war, fühlte er sich za einem Knaben hingezogen, der von hartem Holze war and dem daram der Hass der Christen ganz andere Empfindungen erweckte. Mose Halarki war ein kranker Knabe and br'tterarm; er wohnte in einer dampfen Hütte, während Dahiel’s Eltern am Ausgang des Ghetto ihr Haus hatten; aber nicht Armath, nicht Krankheit lähmte die Energie des Willens, die Hass mit Hass vergalt and er führte, obgleich vom Fieber geschüttelt, Dahiel an den Triumphbogen des Titas, er führte ihn an Stätten, wo Juden zu Tausenden waren verbrannt worden. Zur Kamevalszeit hatten sich die beiden Knaben hinausgewagt in das wilde Treiben; dort sahen sie, wie eine Anzahl von Pferden zur Belustigung des Volkes durch die Strassen rannte nnd Mose erzählte ihm, dass einstmals Juden, Männer, Jünglinge, Greise so hätten rennen müssen nnter dem Gelächter des Volkes, and dass Viele sich dabei den Tod geholt haben. Das hören die Christen und zwingen die Knaben, zu laufen, wie es vor Zeiten Brauch gewesen, Beide Knaben erkrankten, Dahiel genas, Moses blieb dauernd ein Krüppel; aber auch jetzt zog der Hass gegen die Christen nicht ein in Dahiels Seele, den doch Moses so gern dort eingepflanzt hätte. Als ein neuer Papst gewählt wurde, huldigten ihm die Jaden des Ghetto sowie eine Schaar von ihren eigenen Glaubensgenossen verstossener Jaden, die in einer Wildniss in der Nähe Roms hausten. Zu ihnen gehörte jene Zauberin und deren Tochter Myrrha, die von ausserordentlicher Schönheit war; beide Jünglinge waren von ihrer Schönheit ergriffen; aber nur Dahiel, der ein schöner Jüngling war, gewinnt Myrrha’s Gunst. Dahiel sieht all die Beschämung, die die Juden bei diesem Anlass erfahren; er selbst trägt einen Gesang vor und erweckt wegen seiner lieblichen Stimme die Aufmerksamkeit der Christen; seine Sangeskunst sollte ihm verhängnissvoll werden. Der neue Papst hatte ein altes Gesetz wieder hervorgeholt, dass Juden gezwungen werden sollten, Bekehrungspredigten anzuhören;Dahiel empfand dies bitter und beneidete den Moses, den sein Siechthum davor bewahrte, zu diesen Predigten getrieben zu werden; aber selbst aus dieser Bitterniss zogen die Juden einen Trost, denn die christlichen Predigten blieben erfolglos; ein junger Franziskaner, der gleichfalls zur Bekehrung der Juden predigte, gewann das Wohlgefallen Dahiels, denn er war milder cls die Andern; : dieser Franziskaner kam auch in die Synagoge, wie es schien, um Dahiels Gesang zu bewundern; aber ■ der Franziskaner zeigte an dem Gesang kein Wohl- : gefallen. Inzwischen war Dahiel seiner Liebe zu Myrrha er-; legen und ging oft hinaus zu der Vcrstosseuen. —Der! Franziskaner machte damals einen grossen Eindruck auf i Dahiel, er kam auch iu das Haus der Eltern Dahiels. Der Vater ahnte nicht die Gefahr; nur Moses, der Freund» erkannte sie und einst erinnerte er den Dahiel daran, dass hart am Thore des Ghetto eine Kirche stehe, welche die Inschrift habe aus Jesajas: ״Ich recke meine Hände aus den ganzen Tag nach einem ungehorsamen , Volke, das seinen Gedanken uachwaudelt auf einem! Wege, der nicht gut ist“; diese Inschrift habe ein