Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 14. (4.4.1889)
- Date
- 1889-04-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492408-5990870-5991263--1681-5368617- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdisches j^xvm Litteratur ■Blatt. Zar Beleaehtaag aller Jadeathaai ■ad Jade■ betreffende■ litterarisehea Br* •cfcelaiagen aaf de■ Gebiete der Philo• eophfe, Geschichte, Ethaographle, Theocgi«, Orlentalla, Kxegeee, H0M*latU. Lftarglk a. Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Kahnier. 4. £iptvC 1889. Bicher deretaachligigea Litteratur,welch der Bedaet'on xugesaadt werden, ftadea ln diesem Blatte eingehende Besprach«■* Bei Einsendung roa iwei Rerensions- Exemplaren erfolgt einmalige kars» Gratis'insertion. Dm nJIdtsche Litteratur-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ,,Israelitischen Wochenschrift“, die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen 8 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 85 Pf. iür die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit. 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden Buchhändler u. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalteu '<!5 Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Arier und Semiten oder die Einheit des Menschengeschlechts. — Etwas über Selbsttödtung nach dem Talmud. — Litteraturbericht: Recension: להורות הגזרות על ישראל : Beiträge zur Geschichte der Judenverfolgungen von Jonas Gurland. — Feilchenfeld, Dr. F., Landesrabbiuer von Mecklenburg-Schwerin. Kurzgefasstes Lehrbuch der jüd. Religion tür Schule und Haus. Inserate. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Arier und Semiten oder die Einheit des Menschengeschlechts. Arier und Semiten werden einander gegenübergestellt, um sie als zwei rasseuartig verschiedene Völkerstämme zu bezeichnen. Obwohl es ausser den Juden auch noch andere Semiten und ausser den Germanen auch noch andere Arier giebt, so hebt man diesen Gegensatz doch ganz besonders gern und häufig um der Juden und Germanen willen hervor, und gerade vorzugsweise in Deutschland. Gegensätze mögen ja zwischen Ariern und Semiten vorhanden sein, äussere und innere, leibliche und geistige; als feindlich darf man sie aber nicht hinstellen. Gegensätze sind ja auch in der Naturwelt vorhanden; diese steheu sich indess keineswegs feindlieh gegenüber, sondern sind für einander nothwendig und ergänzen sich. Gerade so ist es in der Menschenweit. Die Völker mit ihreu verschiedenen leiblichen und geistigen Anlagen ergänzen sich in grossen Kreisen gerade so, wie die Individuen in kleinen. Wie hier leibliche und geistige Grössen und Riesen, Denker und Arbeiter, für die verschiedenen Bestimmungsarten und Berufszweige nothwendig sind, so auch unter den Völkern. Wem fallt es dabei ein, den einen oder andern als überflüssig oder hinderlich zu erklären? Sie sind sich gegenseitig unentbehrlich und ergänzen einander. Wem fällt es denn ein, die Griechen und Römer der alten Welt anzufeinden, weil jene die plastische, diese die Kriegskunst pflegten; oder Engländer und Deutsche, weil jene ein Handels-, diese ein Denkervolk sind? Nehmen denn nicht Steine, Pflanzen, Thiere in der Naturwelt eine ebenso nothwendige Stelle ein, wie die Menschen in der Geisterwelt? Sind die Blätter am Baum nicht ebenso nothwendig, wie die Wurzel; die Glieder des Körpers nicht ebenso Bedürfniss wie das Haupt? — Auch die sogenannten feindlichen Naturkräfte, die entgegengesetzten Pole der Electrioität und des Magnetismus ergänzen sich, ebenso in der Chemie Säuren und Basen, wie die Gifte in der Medioin. Kann man nun behaupten, dass die Arier (Germanen) in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit eine nothwendigere und würdigere Stellung einnehmen als die Semiten (Juden)? Man geht ferner darauf aus, die ganze Natur einheitlich darzustellen, alle ihre Geschöpfe und Arten aus einer Monade oder Zelle als Urstoff sich entwickeln zu lassen; warum nimmt mau denn für die Menschheit in leiblicher und geistiger Hinsicht eine unvereinbare Unterscheidung nach Rassen an und lässt nicht auch hier eine einheitliche Entwickelung aus einem Menschen gelten? In der Naturwelt besteht keine Anfeindung der verschiedenen Gattungen und Arten; wie will man denn in der Menschenwelt eine Anfeindung der Rassen und Völker rechtfeftigen? Wer die Schöpfung der Welt richtig begreift, wird die Verschiedenheit der Völker für ebenso uothwendig erklären, wie die Verschiedenheit der Individuen; er wird aber auch erkennen, dass dieser Mannigfaltigkeit eine Einheit zu Grunde liegt und gerade darin die Schönheit der Welt finden, welche immermehr in einem einförmigen Einerlei bestehen kann, das der Abwechselung entbehrt. Wer demnach die Mannigfaltigkeit der Völker nicht tadelt und deren Versohiedenheit nicht verwirft, wird auch zur Aus- Schliessung, Ausstossung und Vernichtung einzelner Völker nicht seine Zustimmung geben, um die ganze Menschheit uniform zu machen. Es ist dies in der Naturwelt nicht anders. Wer möchte wohl in einem Blumengarten trotz ihrer unbestrittenen Schönheit nur Rosen, oder in einem Obstgarten trotz ihres Wohlgeruohs und Wohlgeschmacks nur Aepfel finden wollen, oder in der Thier weit nur Hunde, nicht auch Katzen für nothwendig erklären? Ebenso ist es in der Menschen- und Völker weit. Soll es da nur Männer-, keine Frauenuatureu, nur Denker, keine Arbeiter, unter den Völkern nur Arier, keine Semiten, nur Germanen, keine Juden geben? Arier und Semiten biet.eu nicht nur leibliche, sondern auch geistige Verschiedenheiten, aber Rassenunterschiede sind zwischen ihnen, speciell den Juden und Germanen nicht vorhanden. Wie andere Menschenstämme, so haben sich auch die Juden von Anfang an und zu allen Zeiten mit deu benachbarten Völkern gekreuzt. Ganze Völkerstämme sind sogar zu den Juden fibergegangen und bei ihnen aufgenommen worden. So im Alterthum die Gibeoniteu, im Mittelalter die Chasaren. Die eheliche Misohuug