Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 5. (31.1.1889)
- Date
- 1889-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Jahrg. XVIIL e rat ur־ Blatt. Iir Balaaehtug »llar Ja«aatka11 ■■* }!in betreff«■*«■ lltt«nriaehaa Xr- ■ekdinie• aaf *«■ S*kl*t« *er Pklle• Mfhle, Seeeklekt«, Etbaaffraphla, Tkeo• ogi«. Orlaatalla, Bxagaa«, Ho«>l«tU. Lltanrlk a. PUagafflk. Herausgegeben ▼on Rabbiner I)r. Moritz!lahmer. £}[Cayde.&uu}, 31. bannen• 1889, Bicher *erataackllglgaa Llttcratar.walek *er Bciaetioa aagaaaalt werde■, •a*aa la *!«•■1 Blatte «lagakaala Baapraehaag Bel Blaaealaag raa ■wal Baeaaalaa■• Bxaaeplarea er felgt ataaaallga kan« Sratla-Iaaertlaa. Dm *Ildlsche Litteratir-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buohhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der .Israelitischen Wochenschrift“, die viertel jährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen o Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Litteiatur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit SS Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark« berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes au senden Buchhändler n. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 % Rabatt. I ix 11 & 11 £ Wissenschaftliche Aufsätze: Beziehnngen der Juden zur deutschen Kultur beim Ausgang des Mittelalters. — Ueber ״Freidanks Bescheidenheit“. Von Dr. S. Gelbhaus. (Fortsetznng.) Litteratarbericht: Recensionen: Oppenheim, Ida. Epheuranken. Thom. Litterarisehe Notizen. — Inserate. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nieht gestattet Beziehungen der Juden zur deutschen Kultur beim Ausgang des Mittelalters. Reohtsb'toher gestatten in alter und neuer Zeit keinen sichern Rückschluss auf die wirklichen Rechts- Verhältnisse, besonders wenn, wie bei den Jaden, eine kleine Minderheit der Bevölkerung in Frage kommt. Das Papier ist, wie man sagt, geduldig, es erträgt gelassen die härtesten, wie die mildesten Bestimmungen und doch verändert das Leben, das Herkommen, die Gewohnheit vielfach, die gesetzlichen Ordnungen. Nehmen wir an, es wollte Jemand sich aus dem öffentlichen deutschen Rechte der Gegenwart über den Zustand der Jaden in unserem Vaterlande ein Bild machen, so würde er gewiss nicht auf den Gedanken kommen, dass z. B. in dem ganzen deutsehen Heere sich kein einziger jüdischer Offizier befindet; das Gesetz verkündet die Gleichberechtigung, und da auf ungefähr ach tzig Deutsche nahezu einer jüdischen Bekenntnisses kommt, so wäre es nur natürlich, wenn es unter uns auch jüdische Offiziere gäbe. Das ist bekanntlich nicht der Fall und die Gesetze geben keine Erklärung für diese Anomalie, aber wenn einer sonst unter den literarischen Er- Zeugnissen Umschau hält, wenn er sieht, wie die Romanschriftsteller den Juden als eine interessante Figur ausstaffiren, 80 wird er sich sagen, dass die politische und sociale Scheidewand zwischen den Jaden und den übrigen Bürgern noch nicht gefallen ist und das Räthsel, dass es keine jüdische Offiziere giebt, wird ihm jedenfalls minder schwierig erscheinen. Im Mittelalter wiederum waren die Judenordnungen von einer furchtbaren Härte; die Kirche war durch ihre Principien zur Grausamkeit gegen die Jaden gedrängt; aber diese Gesetze geben kein Bild der wirklichen Zustände; ln unkultivirten Ländern ist auch heute der Polizeidiener in seinem engen Bezirke mächtiger als der Minister und der König; der Weg war im Mittelalter weit von der Legislative bis hinein in die breiten Schichten der Bevölkerung und ihren wechselseitigen Verkehr; die Jaden hatten zudem es nie versäumt, den goldenen Schlüssel za brauchen, der trotz der frommen kirchlichen Zucht alle Kauzleien öffnete. Diese Bestechungen waren Akte der Nothwehr und als einst ein Fürst den Rabbiner aufforderte, gegen die Besteohangsversuche za predigen, meinte der kluge Rabbi, das wäre unschicklich, denn dadurch würde es ja offenkundig, dass die Beamten der Bestechung zugänglich sind. Güdemann*) hat sich nun das grosse Verdienst erworben, aas der jüdischen und christlichen Litteratur heraus — besonders aus der mittelalterlichen Dichtung — den Nachweis zu führen, dass Jaden and Christen nooh in den späten Jahrhunderten des Mittelalters in innigem Verkehr mit einander gelebt haben, dass die Absperrung, die Ausstossung der Juden, das Ziel der Gesetzgebung, keineswegs erreicht worden ist. Ja, wir hören sogar von den Dichtern an einzelnen Stellen Klagen über ein Umsichgreifen des jüdischen Einflusses erheben, die uns au das Lamentiren über die Veijuduug der Gegenwart erinnern. Das Wort Verjuduug ist wahrscheinlich die Erfindung Johannes Scherr’8, der zu einer Klasse von Judenfeinden gehörte, die das Mittelalter nicht gekannt hat, nämlich zu denen, die der Mutter der Tochter wegen gram sind. Soherr klagt denjenigen der Veijudung an, der der übrigen Welt als das Urbild des Deutschthums, als der Vater der deutschen Sprache gilt, nämlich Martin Luther; er habe durch seine Uebersetzung der heiligen Schrift das Denken und Reden der Deutschen verjudet. Ganz so schlimm wie Scherr es darstellt, ist die Sache gar nicht. Jener sonderbare Jargon, der noch jetzt 1m Anschluss au Luther in gewissen exklusivprotestantischen Kreisen bei feierlichen Anlässen gesproohen wird, ist dooh am wenigsten der hebräischen Bibel zur Last zu legen; biblische Anklänge aber findet man bei englischen Autoren ungleich häufiger, als bei deutschen. Macauley ist doch gewiss kein kirchlicher Schriftsteller und sagt dennoch, um den Sturz Spaniens zu schildern, ohne irgendwie anzudeuten, dass er dieBibel citirt: ״ Wie bist du vomHimmel zur Erde gefallen, o Lucifer, Sohn des Morgensterns! Wie bist du auf den Boden gefallt, der du die Völker schwächtest “ oder er redet von den Kriegern Cromwells als von den Heiligen, die *mit dem hohen Preise Gottes in ihrem Mund und einem zweischneidigen Schwerte in den Händen, Könige mit Ketten und Edelleute mit eisernen Ringen gebunden hatten. “ *) Güdemann. Geschichte der Kultur der Juden in Deutschland im XIV. und XV. Jahrhundert.