Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 51. (16.12.1887)
- Date
- 1887-12-16
- Page
- Seite 204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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heutigen Tages lächerlich macht in den Augen jedes Europäers . . . Im Jahre 1454 waren die Juden in Polen schon aller ihrer Rechte beraubt. Verbote und Beschränkungen ihrer persönlichen und Aktionsfreiheit mehrten sich mit jedem Tage; das Leben der Juden, seine Ehre, sein Besitz lagen ausserhalb des Gesetzes. Da nahm ihn der Adel, der ausser Stande war seine finanziellen AngelegenLeiten ohne Hilfe der geschickten klugen Juden zu besorgen, in seinen entwürdigenden Schutz. Und während er die Juden wie Parias behandelte, sie nach Belieben marterte und tödtete, übertrug er ihnen dennoch gern die Verwaltung seiner Güter, vertraute er ihnen seine zahllosen Leibeigenen, bediente er sich ihrer bei finanziellen Operationen; überliess er ihnen verschiedene Güter in Pacht. Und derselbe Jossko und Moschko, den der erlauchteste Pan soeben mit der Reitpeitsche traktirt oder höchsteigenhändig an den Peies und an dem Barte gezaust, derselbe ״ungläubige Hund“ verwandelte sich in schweren Momenten des edelherrlichen Lebens plötzlieh in einen klugen Rathgeber, in einen treuen Freund, auf dessen zaghaft hervorgestossene Worte der Pan, ängstlich, mit angehaltenem Athem lauschte, wie auf die Stimme des Orakels . . . Und während der Adel in Saus and Braus lebte, entbehrte der Jude das Nothwendigste und sammelte und häufte, weniger aus Habgier, als in dem Bestreben, etwas zu besitzen, womit er in Tagen der Noth das Recht auf; sein jämmerliches Dasein erkaufen könnte. ... In der Eigenschaft als Verwalter oder Arrendatoren hatten Juden auch die Aufsicht über .die griechisch-russisehen (orthodoxen) Kirchen, und um die orthodoxe Bauernschaft zur Annahme des Katholicismus zu zwingen, hatten die Pächter den Auftrag, die Kirche zur Abhaltung von Tanfen oder Trauungen nur gegen Entrichtung einer hohen Steuer zu öffnen. Die Kirchenschlüssel lagen beim jüdischen Pächter, wodurch die orthodoxe Geistlichkeit in gewissem Sinne j den ihnen verhassten Juden unterthan war. Dies führte dahin, dass die Geistlichen ihre Posten ver- Hessen, die Heerde aber ohne Hirten artete aus, wurde wild. Doch richtete sie ihre Wuth zumeist gegen ihre unmittelbaren Dränger, die Juden, ohne in ihrer j Beschränktheit das schlaue, religiöse Manöver des j Adels zu durchschauen. Die wuthentbraunte Bauern- ן schaft sah im Judenthum das einzige Hinderniss! ihrer religiösen Frei! ־׳f^Mind lechzte darnach, dieses i Hinderniss aus dem Wege zu räumen . . . So stürzt sich der rasende Stier mit Wucht gegen die leblose Barriere des Circus, ohne zu ahnen, dass hinter diesen schuldlosen Balken seine unmittelbaren, seine wirklichen Feinde sich befinden — die Menschen, denen seine Qualen ein berauschendes Schauspiel, die nach seinem Leiden, nach seinem Blute lechzen. .. Unschön, aber in hohem Masse bejammernswerth erscheint uns der Jude des XVI., XVII. und sogar des XVIII. Jahrhunderts: — sein Rücken wie ein Krummholz gebeugt von den ewigen Bücklingen vor dem gestrengen Pan; alle seine Nerven zitternd vor Angst um das Leben; sein Gang — schleiohend, vorsichtig, um den Feind nicht zu wecken; seine Stimme — leise, ängstlich, einschmeichelnd, um zu überzeugen; sein Lächeln — matt, traurig; sein Lachen — kurz und dumpf, zurückgehalten, erstickt durch das gesenkte Haupt; sein kluges, ausdrucksvolle Gesicht — blass von dem beständigen Kopfzerbrechen, von der ewigen Aufregung; sein Körper — siech, abgemagert von der schlechten Kost, von dem ärmlichen Leben; sein Auge — niedergeschlagen, ängstlich zu dem Antlitz des Pan emporschielend, um da vielleicht sein Todesurtheil zu lesen, nach Rechts und Links verstöhlen blinzelnd, ob da nicht ein wilder Haidanikk mit einem Messer oder einem Knittel auf den gebeugten Juden sich stürzen wolle, zusammenschauernd nach rückwärts blickend, ob da nicht ein spasssüchtiger Pan seine mit dem Blute der Leibeigenen gezogenen Hunde auf ihn hetze ... In der Wohnung dieses Unglücklichen ist Alles armselig, dumpfig, schmutzig — sonst wird er beraubt: seine Kleider sind schäbig, unsauber, zerfetzt — sonst werden sie ihm vom Leibe gerissen; um ihn alles trostlos, düster, drückend; aus seiner Vergangenheit keine angenehme Erinnerung, keine Ruhe in der Gegenwart, keine Hoffnung für die Zukurft . . , Und richtet er sein tief eingefallenes Auge fragend nach oben, in die blaue Ferne des geheim vollen Himmels .. auch da ist es düster und trüb, wie in seiner Seele. . Die Zaddikim hatten es ihm ja verkündet — nach einem Höllenleben hier ein Leben in der Hölle dort.. Das war der Collectivcbarakter der polnischen Juden im XVII. und XVIII. Jahrhundert! Das war das Leben der Juden im selbstständigen Polen! Zur Chronologie. Von L. Cohen, Lehrer in Rees a. Rhein.*) (Fortsetzung aus No 50.) S. 63, No. 82: Das Epitaph No. 32 lautet: 'מהו העשיל צורף מוילנא *•׳נ ביום ה־ כ״ד אייר כשנת ת״ם לפי׳ק. Hierzu wird angemerkt: ובפנקס ה״הק כתוב! יום הי כ׳־ד אייר ת״פ, וגם שניהם שלא בדקדוק המד, כי לפי סדר הקביעות חל כ״ח אייר בשנת ת״ם ביום דיה והיה א״כ כ״ד בו ביום השבת ובשנת ת״פ חל כ״ח אייר איום א״ב והיה ב״ד בו ביום ד׳ לכן נוסחת הפנקס שנת ת״פ נראה עיקרי רק צריך להגיה במקום יום ה׳ צ״ל יום ד־ ,או תחת כ״ד כי׳ ה¬ ואותיות די והי דומות הנה ונקל להתחלף זו בזו• _ Dies ist ,' aber eine gewaltige Verschlimmbesse־ung, die zur,'■ grössten Bewunderung auch Herr Ht berstamm a. übersehen hat und woran wahrlich dm Buchstaben די und הי ganz unschuldig sind. Das Datum des Epitaphs stimmt aufs Haar. Das Jahr ת״ם hat die Formel הש״א, mithin war Neumond Jjar am Montag und Dienstag und der 24. Jjar am Donnerstag. Das Jahr ת״פ aber hat die Formel השייג, mithin war Neumond Jjar am Mittwoch und Donnerstag und der 24. Jjar am Sabbath. Auf S. 64 Z. 8 ist der Irrthum wiederholt und zwar nach dem המגיד Jahrg. II No. 11, wo es ebenfalls heissen soll: Heschil Zoref starb am Donnerstag den 24. Jjar ת״פ, was also an dieser Stelle ebenfalls zu berichtigen wäre. *) Beric htig un g: In Nr. 50hei Nr. 29 1. 5430 st. 5463. — — Zu den Redactionsbemerkungen in Nr. 50: Die Möglichkeit, dass David Oppenheim am Dienstag Abend geschrieben haben könne, und El. Götzel und D. Schapira am Freitag und Sonntag Abend gestorben sein können, demgemäss nacli jüdischer Rechnung das Monats datum des nächsten Tages angegeben werden musste, hatte ich wohlerwogen, jedoch zur Verhütung falscher Schlussfolgerungen die Daten als irrthümliche angeführt, als welche sie sich bei etwaiger Umrechnung in bürgerliehe Zeit oder bei Vergleichung mit naheliegenden Zeitbestimmungen ja auch ergeben müssen. Bei dem Datum Wreschen, am Montag, den 17. Siwan 5449, kann jedoch obige Voraussetzung nicht gelten; denn da der 17. anf Sonntag fiel, also mit Sonntag A b e n d zu Ende ging, konnte wohl für den Abend vorher (Sabbath das Datum des S onntag, dieses aber nicht für den Mo ntag augewendet werden; dieses gehörte mit 8 e i nem vorhergehenden (Sonntag-) Abend schon zum 18. Siwan. — Uebrigens hätte der Verfasser des ״Ir. hazedek“ bei Vergl ichung der auf einer Seite stehenden Daten תמ״ט JVC!ל כ״ und יי 3' י״ז פיק תמייט sofort aufmerksam werden müssen, dass hier etwas nicht richtig sei; denn wenn der 17 Siwan am Montag ist, )kann der 27. nicht am Dienstag sein, sondesn muss vielmehr auf Donn e r s t a g fallen; eine Differenz von 10 Tilgen muss immer zwisehen den beiden Daten liegen.