Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 50. (9.12.1887)
- Date
- 1887-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisehes -h-g־-- t itt er atur ■Blatt. f.mr aller J14e1tl111» aa<1 Jnlci betreffende» Ittterarlaehea Gr- «cbefnaaaea a«f den Gebiete der Philo• ftophie, Gcsehlehte» Etb»ogr*»hle• Theolofie, OritaUlla, Siegelte, BonMetik, EJtarglk, Pädagogik. Herausgegeben בוס▼ Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. 9Tta<j3e׳C>1+&<j, 9. 3)«ce׳m-Gez. 1887, B^h f4crcl>Kl!liiflKeH l.ittM«tt1r,wtlcl der Kerieet.on *agMiimlt werden, Anden |n dienern Blatte eingehende Beaprechna!; Bel Klaeendnnd f*1 nwel Ueeenalona- Rneuplnren erfolgt einmalige kurae Oratla-lneertlon. Das jjJidlsche Littermtur-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bosen Preis bei allen Buchhandlungen (in L eipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang C Mark. Abonnenten der .Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen S Mark kostet) erbalten das ״Jüdische Litterat.nr-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 85Pf. Ihr die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark) berechnet and sind ah die Expedition dieses Blattes zu senden. SV* Buchhändler, welche direct oder durchKcbert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 ן( Rabatt. L11I1a.lt: Wiss enschaftliche Aufsätze: Die Jaden im selbstständigen Polen. (Fortsetzung.) — Zur Chronologie. Von L. Cohen, Lehrer in Rees a. Rhein. (Fortsetzung. Litteraturbericht: Becensionen: Kontres Tekanoth Agunoth. Briete, betreffend dieChalizapflicht oder -tähigkeit des Apostaten von Dr. Schwabacber, Odesssa. — D e u 18 c h , Heinrich, Director der Isr. Landes-Lehrer- Pi tij arar.die nnd Professor am Rabbiner-Seminar in Budapest.— Die Jubelschrilt zum 70. Gecurtstage des Professors Dr. H. Grätz. LitterarischeNotizen._ Die Juden im selbstständigen Polen*) (Fortsetzung.) "Viele Jahrzehnte verstricLen. Ein Abkömmling des stolzen Popiel liess sein ganzes Geschlecht tödten, um die Regierung für sich zu sichern. Ob dieses grausamen Verbrechens empört, erhob sich das Volk gegen den regierenden ]Mörder. Dieser floh und starb in der Fremde eines schrecklichen Todes: ihn verzeh rten Ratten und Mäuse, die aus den Leichnamen seiner gemordeten Verwandten sich gebildet hatten . .. Das Geschlecht der Popiel war erloschen und man musste einen neuen Fürsten wählen. Allein wen sollte man wählen? wen bevorzugen, ohne die Uebrigen zu verletzen? Lange beriethen die greisen Aeltesten und beschlossen am Ende, die Sache der Fügung Gottes anheimzuslellen: ״Wer morgen zuerst die Stadt betritt, der soll über uns herrschen.“ — Als Erster kam in die Stadt ein Jude, Namens Abraham, ein Pulverhäudler, der darum deu Namen Pruchownik (PulverniHun) führte. ״Hoch unser Fürst!“ jubelte die Menge. Abraham lehnte die ihm erwiesene Ehre beharrlich ab, doch das Volk wollte von nichts wissen und geleitete ihn feierlichst iu die Wohnung des Fürsten . . . ״Polanen!“ sagte Abraham. ״Ich kann vorläufig noch nichts entscheiden; vor Allem muss ich meinen Gott befragen. Befiehlt er mir, seinem Knecht, über euch zu herrschen, dann bin ioh bereit, euer Fürst zu werden; befiehlt er mir's aber nicht, dann werdet ihr in •eurer Mitte einen Würdigem zu finden wissen. Einen Tag und eine Nacht muss ich fastend und betend zubringeu; aber dass ihr euch nicht untersteht, meine Einsamkeit zu stören, bevor ioh aus eigenem Antriebe vor euch erscheine!“ Und Abraham zog sioh zurück. Ein Tag verging, zwei, drei Tage verstrichen — ,j Abraham erschien nioht. Das Volk wurde unruhig, Wagte aber nioht, etwas zu unternehmen. ״Brüder!“ rief Jemand aus der Menge, die die *) In der vorigen Nr. sind folgende Druckfehler zu berichtigen: S. 1V»5, Spalte 2, Z. 12 v. o. lies ״Müllen“; S. 195, Sp. 2, Z. 15 v. n., lies .,Staaten“; S. Ilfo, Sp. 1, Z. 33 v. o , lies ״stolzen“, statt folgenden. , Wohnung des Fürsten umstand. ״Was glotzen wir hier, wie dumme Thiere. Wohl hat Abraham uns beföhlen, einen Tag zit warten, allein wir warten schon drei Tage und das Land ist immer noch ohne Regenten. Ich werde der Saohe ein Ende machen!“ Und mit einem Beile in der Hand erbrach ein junger Bursche aie Wohnung des Fürsten. Nach wenigen Minuten erschien Abraham, an der Hand den kühnen Burschen führend. ״Polanen!“ rief der Jude feierlich. ״Ein Fürst muss der Klügste und Kühnste seines Volkes sein. Dieser Mensch hier, (auf den jugendlichen Polanen zeigend) genügt diesen Anforderungen. Er ist klug, denn er allein erkannte die Gefahr, der ein Land ohne Regenten ansgesetzt ist. Er ist auch kühn, denn er hat im Interesse des Landes meinem Befehle sich widersetzt und mit Gewalt mich vor Euch geführt. Darum ist nur er werth, euer Fürst zu sein. Wählet ihn. Es lebe der Fürst!“ Die Polanen gehorchten. Der erwählte Fürst aber war ein A bk ö m mling des Rademachers Piast. Dies geschah im Jahre 860. Und zur Erinnerung an diebeispiellose Uneigennülzigkeit des Juden wurden Münzen geprägt, die bis auf den heutigen Tag aufbewahrt sind. Auf diesen Münzen ist das Bild eines Juden zu sehen, der die Hände wie im Gebete gen Himmel richtet und in der eiten ein gabelförmiges Instrument hält. Und uuter diesem Bilde befindet sich eine Inschrift in althebräischer Sprache: ״Abraham Dukes“ (Fürst). Das Glück der ersten Juden in Polen wurde später ihr Unglück. Denn dieses Glück lockte ganze Schaaren von Juden aus allen Ländern, wo man sie vertrieb, sie quälte und knechtete, nach Polen. Wohl befanden sich unter den Eiuwanierern Männer, die durch hervorragende Fähigkeiten, durch Wissen und Sittenreinheit gläuzten, allein es gab auch solche, die schon in andern europäischen Staaten durch beispiellose Bedrückung jedes Verstäudniss für Menschenwürde verloren hatten und auf den Pfad der Sünde gedrängt waren. Ferner befanden sich unter der zusammengerotteten Kaste der Rabbi’s viele Fanatiker, Kabbalisten, Mystiker, Monomanen und wundert!.uende Charlatane. Diese neuen jüdischen Elemente verharrten in ihrer alten Lebensweise und demoralisrten das patriarchalisch ehrwürdige Judenthum in Polen. Denn die Rabbis und Kabbalisten, diese Jesuiten eigener Art, waren eifrig bemüht, die polnische Judenheit vor jeder Verschmelzung mit dem Volke, selbst auf sozialem Gebiete fern zu halten. Und so entstand unmerklioh, allmählich zwischen den Juden und der übrigen Bevölkerung Polens jener tiefe, klaffende