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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-11-04 · N° 45. (4.11.1887) · p. Seite 176

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 45. (4.11.1887)
Date
1887-11-04
Page
Seite 176 (sequence 4)
Language
German
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den Vater haben vergessen vollen und unempfindlich für den Schmerz des Greises gewesen sein? Wie hat 1 es Josef nur vermocht, den Benjamin, wenn auch nur für kurze Zeit, von der Seite des so schwer geprüften Vaters zu reissen. Gegenüber diesen That- Sachen, die auf einen Mangel an menschlichem Ge* fühl schliessen lassen könnten, sehen wir anderseits wiederum, wie Josef seinen Brüdern die beruhigende Zusicherung giebt, dass sie ob seines Verkaufs als Sklaven nichts zu furchten hätten, wie er sie ermu* thigt mit den Worten : Ne vous affligez pas de m’avoir vendn comme esclave; c’est Dieu qui s’est servi de vous comme instruments de 8a volonte*) et qui m’avait destine a vous sauver de la faim, vous et vos famillis“ und wie er nach dem Tode des Vaters die Ver- Sicherung seiner unwandelbaren brüderlichen Liebe erneuert! Wie sei nun schliesslich das Verhalten des Jacob zu erklären, der nicht die leiseste Stimme des Vorwurfs gegen Josef erhebt, weil er ihn, den Vater, so lange in Ungewissheit über das Schicksal des Sohnes gelassen und warum erwähnt Jakob kurz vor seinem Tode mit keinem einzigen Worte der gewaltsamen Entfernung des Josef durch seine Brüder, während er mit den schärfsten Worten der Verwünschung des Levi und des Simeon gedenkt wegen ihres Verfahrens gegen Sichern?!Schluss folgt) Worte der Abwehr, Antwort auf die ״Briefe eines Arier’s an einen Semiten.“ Von Dr. D. Almogen. Leipzig 1887. Oscar Kufss. Dieses treffliche Sehriftchen verdankt seine Ent• stehuug der schmachvollen Ausgeburt jener rohen *) Der Herr Verfasser steht mit seiner Deutung, die er den Worten Josefs giebt, dass Gott seine Brüder von Anfang an als Werkzeuge seines Willens gebraucht habe, nicht vereinzelt da; auch Obadja Sphorno bemerkt in seinem Pentateuchcommentar zu den Worten Josefs ולחה לא אתם שלחתם א1תי ,Ul ״ הנהUnd nun nicht ihr habt mich hierher geschickt, sondem Gott (Oap. 45 v. 8)הנה בראותכם תכלית אלהי שלא היה מושג בזולת אלה הסכות הקודמות אין ספק שהטבות הקודמות היו נם כן ברצון אלדד לסבב וה התכלית, dass die veranlassenden Ursachen also zu dem Verkauf des Josef, da sie zur Erfüllung göttlichen Zweckes sich als nothwendig erwiesen, zweifellos auch nach dem Willen Gottes gewesen seien. Auch Mendelssohn in seinem Peutateuchcommentar scheint dieser Auffassung zu huldigen. So lange man nun freilich die Worte *ועתה לא אתם שלחתם אותי הנה ורגר als einen weiteren ermuthigenden Zu9pj..ch des Joseph an seine Brüder ansieht, liegt diese Auflassung, obschon sie, unseres Erachtens nach, wie wir gleich darthun wollen, gegen die Allweisheit Gottes streitet, nicht fern; es scheint jedoch, als ob Josef zum Minde- »teil andeutungsweise dem Gedanken begegnen wollte, dass die Brüder sich nicht schliesslich als die Urheber seines Glückes betrachten sollten. Ihr braucht, meint er, Eurer Handlungsweise wegen nicht niedergeschlagen zu sein; aber anderseits darf Euch auch nicht das stolze Bewusstsein erfüllen, dass ich durch Euch zur Grösse und zur beherrschenden Stellung in Egypten gelangt bin, sondern es ist dies einzig und allein göttliehe Veranstaltung. In diesem Sinne trägt er auch den Brüdern auf, dem Vater zu sagen כה אמר בנך יוסף שמני ״ אלה׳ לאדון וג,So spricht dein Joset: Gott hat mich gemacht zum Herrn u s. w. Die Allweisheit des Herrn sie hatte unendlich viele Wege, um ihn, den Joset, zu dieser Höhe des Gianzes emporsteigeu zu lassen: die Ankuntt desselben in Egypten musste doch nicht eine zwangsweise herheigetührte sein, sondein Joset konnte beispielsweise, gleich seinem Vater Jakob, freiwillig dem Bruderhasse weichend, das von Zank und Zwist erfüllte väterliche Hans verlassen und sich zeitweilig nach Egypten begeben. Mit dem Gedanken also, dass die Brüder des Joset nur Werkzeuge Gottes gewesen, rechtfertigen wir wohl ihr Verhalten vom Standpunkte der Humanität, zertrümmern jedoch auch die Lehre von der Willensfreiheit. Denn mit demselben Hechte könnte man sagen, der zur Zeit der Hungersnoth aus Bethlehem, seiner Heimath, auswandernde Elimelech sei ein Werkzeug in den Händen Gottes gewesen, damit durch seine Auswanderung in weiterer Folge die Geburt des David ermöglicht werde u. agl. mehr. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck voi Phantasie, die seit mehreren Jahren unter dem Namen ״Antisemitismus“ bekannt geworden und leider immer noch in Reden und Schriften herumspuckt. Der Verfasser, der erfahren, dass in dem Distrikt Husi (Rumänien) Bilder verbreitet wurden, die den gräss-״ , liehen Unsinn darstellten, wie die Juden von Tisza** Eszlav die Ester Solymosi schlachten, sieht mit Recht hierin eine Gefahr für seine Landsleute und erwirkt durch die Fürsprache zweier ״hoher geistlicher Würden» träger“ (eines Anonymus und des Dr. Beck, Prediger in Bukarest) das Verbot der Verbreitung jener unsinnigen Bilder. Bei dieser Gelegenheit wurde von jener hohen kirchlichen Persönlichkeit dem Autor oben genannte Streitschrift, über den Antisemitismus etc., übergeben mit dem Ersuchen, sich offen darüber zuäu8sem. DieseAeusserung macht den Inhalt derwarm empfundenen und durchaus überzeugenden ״Worte ן der Abwehr“ aus, die zwar nichts Neues besagen, d. h. nichts, was nicht schon zu wiederholten Malen gegen die bis zum Ekel laut gewordenen Expektorationen des Antisemitismus vorgebracht wurde, aber trotzdem immer wieder und wieder laut und beharrlieh so lange hinausgeschrieen werden müssen, bis sie^!■ nolens volens überzeugen und die antisemitischen 1 Gehässigkeiten verstummen machen. Wir dürfen uns darum begnügen, zum Zweck der Beurtheilung obiger Schrift, kurz den Inhalt derselben anzugeben, aus dem hervorgehen wird, dass dasselbe nioht bloss lesens» werth ist, sondern auch den Dank jedes wahren Menschenfreundes herausfordert. ״Macht, Einfluss und Stellung im Staate haben die Juden erschlichen“ be» hauptet, nach Art der Antisemiten, der Verfasser der ״Briefe eines Ariers eto.“ Heisst das nioht — meint der entgegnende Autor obiger Schrift mit Recht — ein Misskreditiren der Staaten, die derartige Eigen» schäften nicht ausschliesslich der Intelligenz und der Gapazität ersohliessen? Wäre es nicht trauric um einen Staat bestellt, wenn darin Stellung unf« Einfluss erschlichen werden können? Ferner will der Antisemit — nennen wir so den anonymen Verfasser, gegen den sich obiges Werkchen richtet, der Kürze wegen — nach weisen, dass der moderne Antisemitismus auch nach der nationalen Seite seine Berechtigung habe. Denn so wie in Amerika die Abneigung gegen die Chinesen, die auch Tugenden haben, die der Amerikaner aber ihnen als Fehler auslegt, 80 ungefähr ist8׳ mit dem europäischen Antisemitismus. Der Chinese, expektorirt der Antisemit, ist sparsam, isst Ratten, um kein Geld zu verbrauchen, arbeitet Tag und Nacht für die Hälfte des üblichen Lohnes eto. Unser Autor widerlegt derartige Ungereimtheiten mit aller Schärfe und Logik, nur dass er den Antisemiten % der ״unbewussten“, bis zum Fanatismus reichenden Befangenheit zieht. Nein, das ist ganz und vollkommen bewusste und bodenlose Voreingenommenheit gegen Juden, auf die nur das Eine anzuwenden ist: «was thut’8, der Jude wird verbrannt!“ Die Sparsamkeit des Juden — so heisst’s in obiger Schrift — besteht darin, dass er mässig ist in Speise und Trank und in diesem Sinne durch die Erziehung seiner Kinder einrichtet, und für diese Erziehung scheut er ebenso wenig Kosten wie den Vornehmsten der Arier einer — denn wir haben durch das Gewerbe und der Industrie nicht nur in Folge des Handels und des Verkehrs der Juden, sondern auch wegen seiner Consumtion durch sie ihnen sehr viel zu ver* danken. Der Staat und seine Produktionskraft finden gerade duroh die Juden ihre gute Rechnung. Und das Vaterland liebt der Jude, selbst wenn es ihn nur stiefmütterlich behandelt. Ist der Chinese auch so? fragt mit Recht der Verfasser. (Schluss folgt.) D. L. Woiff, Magdeburg. Verlag vod Robert Friese, Leipzig.

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