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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-09-09 · N° 37. (9.9.1887) · p. Seite 146

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 37. (9.9.1887)
Date
1887-09-09
Page
Seite 146 (sequence 4)
Language
German
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146 — unbefangenen modernen Lesers rechnen, wenn er nur auch die berechtigten formalen Anforderungen desselben erfüllt, eine nach bestimmten Gesichtspunkten unternommene Anordnung des Stoffes erkennen zu lassen und den Inhalt des Dargebotenen in ein gefälliges Gewand zu kleiden. Es kann freilich dann auch noch über den Werth dieser Gesichtspunkte, sowie über die Frage, ob dieselben im Verlaufe der Darstellung auch eine durchgreifende Würdigung unjd Anwendung erfahren haben, ein Gegensatz der Mfeinungen herrschen, der durch tiefere Untersuchung hervorgerufen ist; indess, den Anforderungen des Laien ist schon in ausreichender Weise entsprochen, wenn ihm durch einen klaren und lebendigen Fluss der Sprache, Zweck und Inhalt der Darstellung bekannt geworden ist. Von diesem letzteren Gesichtspunkte aus betrachtet, könnte man ein Unternehmen nur freudig begrüssen, welches wie dies in der voranstehend bezeichneten Schrift geschehen ist, die Sagen und die agadischen Elemente über das Leben des biblisohen Josef zu einem Gesammtbilde zu vereinigen sucht. Zweifellos kann eine solche Schrift zur ״ Unterhaltung und Belehrung“ dienen, wie dies ja auch der am Schlüsse der Einleitung ausgesprochene Zweck der Darstellung ist, zumal es auch eine wiederholt kundgegebene Absicht des Verfassers ist ״ein Steinchen beizutragen für den bevorstehenden grossen Aufbau einer vollständigen jüdischen Theologie und $iner vollständigen wissenschaftlichen Religionslehre“, indem durch die Zeichnung des Lebensbildes von Josef dargethan werde, dass der Gedanke der Vorherbe- Stimmung Gottes nicht im Widerspruche stehe mit der Lehre von der menschlichen Willensfreiheit'״), indem ferner zur Anschauung gebracht werde, dass auch in den Schicksalen des Josef und der ihn umgebenden Personen die göttliche Gerechtigkeit oder die göttliche Weltregierung sich bethätige. Die Idee zur Zeichnung eines solchen Lebensbildes wäre an und für sich selbst also eine glückliche zu nennen; auch besitzt der Herr Verfasser in hohem Grade die Gabe einer anmuthsvollen Darstellung. Aber es ist, *) Diesen so wichtigen Punkt behandelt der Herr Verfasser mit grosser Kürze und hat auch, unserer Ansicht nach, die Lösung dieses Problems nicht in genügend klarer Weise veranschaulicht, wenn er bloss sagt: ״Von den unzähligen, unendlichen Möglichkeiten, die Verheissung an Abraham, dass seine Nachkommen nach Aegypten kommen und dort dienen werden, zu verwirklichen, zeigt sich hier (in unserer Erzählung) eine durchgeführte, deren Ausgangspunkt die freiwillige Reise Jakobs nach Egypten bildet.“ Der Herr Verfasser hätte den allgemeinen Gedanken darstellen sollen, dass die Allweisheit Gottes die Verhältnisse, die durch die freiwilligen Handlungen der Menschen geschallen werden, zur Verwirklichung ihrer Absichten und Pläne benützt. Die Handlungen des Menschen sind frei; es liegt vollkommen in dessen Willkür,' ob er diese oder jene That volltühren will, oder nicht. Ist die That aber vollbracht, dann benützt, menschlich geredet, die Allweisheit Gottes die neu gesclinftene Situation für ihre Zwecke. Aus freiem Antriebe verkauften die Söhne Jakobs den ihnen verhassten Prüder: aus freiem Antriebe kaufen die nach Egypten ziehenden ismaelitischen Knutleute den Josef als Sklaven. So nun wird Josef nach Egypten gebracht. Er hätte sich alleidings durch die Flucht der Sklaverei eutziehon können, aber er bleibt freiwillig, wie dies ja auch dio Agada hervorliebt, in dem Dause des Potiphar. Kurz, jo mehr wir uns das Gewebe und den Zusammenhang der einzelnen Begebenheiten vergegenwärtigen, desto mehr erkennen wir, dass dieselben zunächst durch die freien Handlungen der Menschen hervorgerufen worden sind, die aber dann durch Gottes ״Fügungen“ sich zu den uns geschilderten geschichtlichen Vorgängen gestaltot l aben. In dieser oder in ähnlicher Weise hätte der Herr Verfasser iu der Einleitung schon die Lösung des thoologischi-’i Problems von der Vorherbestimmung und der Willonsfreihcit durch eine etwas ausführlichere Dar- Stellung des vermittelnden Grundgedankens und kuizo Hervorhebung der Hauptmomente in dem Leben Josets veranschaulichen sollen. im Bilde geredet, als ob der Herr Verfasser zu diessn Kindern der Sage und der agadischen Deutung ge- Sprocken hätte: Ihr seid zwar nicht alle von gleichem Alter; ich habe Euch jedoch, ohne Ausnahme, in ein gefälliges Gewand zu kleiden versucht; nun ziehet allesammt hinaus und erobert Euch die Herzen derer, die Euch schauen! — Wer jedoch mit sorgsam prüfendem Geiste dem Inhalte der in der Schrift des Herrn Verfassers dargestellten Sagen nachgeht und irgend welche Kenntniss besitzt von dem lauteren Geiste und den erhabenen Lehren des Judenthums, wird sich, wie wir mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen dürfen, doch des Zweifels nicht erwehren können, ob denn das Verfahren des Herrn Verfassers auch zu billigen ist, dass er ohne erkennbare sorgfaltige Auswahl des Stoffes, alle Sagen über Josef, aamtund sonders, wie sie sich ihm bei seinem allerdings fleissigen Quellenstudium dargeboten haben, zu einem Kranze vereinigt hat, in welchem sich auch gifthauohende Blumen befinden. ' (Schluss folgt.) Oppenheim Moritz, Professor. ״Bilder aus dem altjüdisohen Familienleben“, Heinrioh. Keller’s Verlag, Frankfurt a. M, in neuer vervoll-jH kommneter Ausgabe in Prachtband. 30 Mk. Diese sohönste Zierde eines jeden jüdischen Familienlisches darf nicht in neuer Festgewandung in die Welt gehen, ohne an dieser Stelle begrüsst und herzlichst bewillkommnet zu werden, denn so entspricht es dem Geiste eines jüdischen Litteratur- Blattes und das sind wir — so lange es jüdische Kreise und Familien giebt — dem (daduroh unsterbliehen ),Professor Oppenheim, das sind wir auch der wackern Keller’sehen Verlagshandlung schuldig, die durch treffliche, tadellose, geschmackvolle, äussere Ausstattung des Werkes das Ihrige dazu beigetragen hat, demselben in vielen Tausenden jüdischer Family!» Eingang zu verschaffen in Ost uud West und Sü / und Nord, so weit nur Juden wohnen. Und in der That, es giebt kein köstlicheres Festgeschenk für den Familienkreis und die Familienstube, als dieses klassisch schöne Werk. Es wirkt wahrhaft belebend und eleotrisirend auf jüdische Herzen uud ruft vielfach längst verklungene Klänge der Jugendzeit in uns wach. Zu den Fest- und Geburtstagen, zu Bar miz* wah’s und Konfirmationen, für Neuvermählte und besonders zu Neujahrsgeschenken giebt es keine schönere und passendere Festgabe, als diese ״Bilder aus dem altjüdischen Familienleben“. W. Litterarische Notiz. R. Die ״Deutsche Rundschau“ bringt im Juliheft dieses» Jahres einen Artikel über den Landgrafen Emst von Hessen- Rheinfols, der auch Einiges enthält, was speciell den Juden interessirt. So wird berichtet, dass im Staatsarchiv zu Marbürg eine Denkschrift des Landgrafen (1(171 verfasst) liegt, welche Toleranz gegen die Juden empfiehlt. Die Denkschrift führt den Titel: ltationes relevantur, quod Judaei in Christinnorum territoriis sunt sint tolerandi. Dann wird folgendes drollige Reiseerlebniss erzählt: Der junge Landgraf reiste mit seinem streng protestantischen Erziehet׳ Fabritius durch Hallen. Fabritius war der Ansicht, die Protestanten müssten an der in der Apostelgeschichte vorgeschriebenon ״Enthaltung vom Erstickten und vom Blute“ festhalten. Als ihnen nun in Ferrara ein more italico vergurgeltes Huhn und eine Blutwurst vorgesetzt wurde, rührten sie Nichts an. Der Wirlh rief erschrocken: perdio, .... soll Ebrei! und die beiden gewissenhaften Kalvinisten geriethen in Gotalir, als Juden vor die Inquisition geschleppt zu werden. — (Vgl. Apostolgeschichte Cap. 15 V. 21), wo die Heiden, die zum Christen- 11 thuni übortraton, ermahnt werden : Enthaltet Euch vom Götzendienst, vom Blut und vom Erstickten. Joel hat bekanntlich in seiner Eröffnungsrede der diesjährigen Generalversammlung des Rabbiuerverbaudes auf diese Stolle der Apostelgescli. augespielt.) Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmet, Magdeburg. Druck von D. L. VVoltf, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig

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