Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 32. (5.8.1887)
- Date
- 1887-08-05
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
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Kampf der verschiedenen protestantischen Biobtangen gegen einander? Und bildet denn auch nur die Ge• sammtheit der Katholiken trotz ihrer strammen Hierarchie durchweg eine Seele? Und kennt Herr L. nicht noch mehr Scheinchristen, die gleich ihm hinsichtlich Christi und des Christenthums denken und fühlen? Soll auch gegen diese Rekenntnisszwang oder Verbannung geübt werden? Freilich, nur nicht gegen Herrn L. Uebrigens täusche sich der Herr Professor nicht: die angebliche Furcht vor den Juden Deutschlands, von denen etwa ein halbes Dutzend unter Fünfhundert im Parlament sitzt, keiner Diplomat, keiner Eigenthümer von Latifundien ist, wie sie Christen gehören, fast jede Gemeinde zahlreiche nothleidende Mitglieder zählt — die angebliche Furcht vor den Juden, die in Deutschland ein Hundertstel der Bevölkerung ausmachen, wird je mehr und mehr einerseits als Heuchelei erkannt, andererseits, '06sonders im Auslande, als ein Gefühl intellektueller und moralischer Schwäche bezeichnet, durch dessen Kundgabe sich Deutschland selbst ein entehrendes Armuthszeugniss ausstelle. Wäre Herr L. wirklich ein Freund der ,,חכמה, di» sich auf ethisohem Gebiete äussert“, so würden wir ihm aus der Ethik der Altrabbinen (P. Aboth) zurufen: חכמים תהרו כדבריכם. Wie hoch erhaben steht doch über dem Herrn Professor das A. T. mit seinen Einbürgerungsgesetzen (cfr. uns. Collect. XIX. in No. 36 des Jüd. Litt.-Bl. 1884, sowie uns. Leitartikel in No. 37 der Isr. Woohenschrift dess. Jahrg.),d. N. T. mitseinerLehreApostelgesoh.tO,35 (״In allerlei Volk— wer Gott fürchtet und Recht thut, der ist ihm angenehm, cfr. Jes. 56,6), Prof. Dr. Rudolf v. Raumer, der in seiner Schrift ״Vom deutschen Geiste“ (II. Aufl., Erlangen, S. 184) sagt: Wo die volksthümlichen Kräfte nooh stark und lebendig sind, da sehen wir Männer sehr verschiedenen religiösen Glaubens von gleichem Patriotismus beseelt. Denn die Vaterlandsliebe gehört einem anderen Gebiete an und fliesst unmittelbar aus einer anderen Quelle als die confessionelle Ueberzeugung. Cfr. ib. Vorwort S. IX: In Betreff des Patriotismus findet man z. B. die ganze Stufenleiter der Ueberzeugungen unter den strengem Christen vertreten, von der begeisterten Vaterlandsliebe abwärts bis zu völliger Gleichgiltigkeit, ja grundsatzmässiger Verwerfung alles Patriotismus. (Eine solche Verwerfung alles Patriotismus wird allerdings im A. T. und im Talmud perhorrescirt.) Mit einer einzigen Zeile auf S. 162 will Herr L. den Juden eine zweii ausendjährige Verarmuug des Geistes und Gemüths anzaubern. Diese eine Zeile, von keinem Beweis gestützt, reicht ihm hin, Schriften wie die bereits in vielen Auflagen erschienene von dem verewigten Staatsrath Prof Dr. Schleiden über ״die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter“ (Leipzig, Baumgärtner) zu annulliren. Auf alle weiteren Tragikomödien des Herrn Professors wollen wir uns nicht einlassen, schon deshalb nicht, weil wir sonst einen dickleibigen Folianten schreiben müssten, was dieselben denn doch nicht werth sind. Nur den ergötzlichen Schluss der ״Mittheilungen“ wollen wir noch mit einem Tintentropfen silhouettiren: Der Herr Professor jubelt triumphirend, er habe hier — d. h. in den wissenschaftlich sein sollenden ״Mittheilungen“ — die Juden in vermuthlieh ausreichender Weise mit überzeugter Grobheit behandelt. Also die Grobheit war überzeugt. Nun ja, die personificirte Grobheit — war überzeugt, dass sie grob gewesen, und dies fühlte sie sich bemüssigt, ausdrücklich zu bemerken. Es erinnert das an jenen Scurra, der allen seinen faden Kalauern in Parenthese hiuzufdgte: ein pikanter Witz! (Die Leser lachten herzlich, nicht über die faden Kalauer, sondern über die parenthetische Bemerkung. Das haben gewiss auch die Leser der ״Mittheilungen“ in vermuthlich ausreichender Weise bei •les Herrn L. possierlichem S9lbstlob bezüglioh seiner ״Grobheit“ gethan. Wüsste Herr L. übrigens gleioh uns, in wie sehr ausreichender Weise auoh die meisten andere Stellen seiner ״Mittheilungen“ viele Leser derselben erheitert haben, er würde gewisä den sauertöpfischen Pessimismus, die hässliche ״Heulweiber-Philosophie“, zuweilen oder gar für immer an den Nagel hängen, mit dem bekannten Aesthetiker Friedrich Vischer (in ״Auch Einer“) gestehend: Eine Welt, in der so viel gelacht wird, kann nioht gar so schlimm sein. (Fortsetzung folgt) Erklärung der Tossaphoth-Stelie Taanith 16 a. Herr Dr. Kohn hält es für ein ״heiteres Moment“, wenn jemand aus der rubrioirten Tossaphoth-Stelle beweisen will, dass man zur Zeit der Misohna Leichen verbrannt habe, denn muss nioht jeder das sprachliche Quiproquo מעצמות st. מעצמות erkennen. — Nun so lange der Grundsatz gilt: אין מררא יוצא מידי פשוטו. so lange macht sich der nicht lächerlich, der eine Stelle so auffasst, wie sie Tausende vor ihm auffassten, nach dem einfachsten Wortsinn, am wenigsten aber dann, wenn die zu substituirende Erklärung und Anderslesung auf einer so geistreichen Hypothese beruht, wie die von Hr. Dr. Kohn gema chte Unterscheidung von durch Menschenkrafcu. durch Zufall entstandener Asche, und dass nur erstere als Symbol der Akeda dienen könne, weil dort auch ״Selbstthätigkeit“ etc. vorhanden gewesen. Wenn ich keiuen bessern תירוץ habe, darf ich den פשטן noch nioht lächerlich finden. Abgesehen von den pilpulistischen Einwürfen, die gegen diese pilpulistische Hypothese zu machen wären, wird man doch die so anzunehmende philosophische Ausdruoksweise der Tossaphoth an dieser Stelle als ganz unmotivirt ansehen müssen. Wer mit dem Jdiom der Tossaphot vertraut ist, würde nach der Kohn’schen Hypothese hier nicht מעצמות אדם, sondern einfach כידי אדם erwarten. Und doch hat Dr. Kohn mit seinen Ein würfen gegen die einfache Auffassung der rubrioirten Stelle Recht. Ein so massenhafter Gebrauch von Menschen-Asche würde von den Tossaphoth nicht bloss zur Erklärung des ״dass Er der Asche des Isaak für uns gedenke“ hypostatirt werden; auoh waren bei der Akeda wohl Menschen-K n 0 c h e n, aber keine Mensohen-Kuochen - Asche, und ebenso ist das כדבר הנשרף מעצמות א׳ dunkel. Herr Dr. Riehter-Filehne präsentirt in No. 30 eine andere Erklärung, er will lesen: *אותו אפר תשרו מעצמות אדם הוד. מדבר כדי לזכור. Abgesehen von dem schwierigen und ganz gegen das Tossaphitische Idiom verstossende הוד. מדבר setzt diese Conjectur noth• wendig einen 80 massenhaften Gebrauch von Menschen-Kuochen-A8che voraus, wie es Dr. Kohn unzweifelhaft mit Recht für ganz unmöglich hält. Dr. Riohter will sich, wie er sagt, aut die Gontroverse zwischen Kohn und Wiener nioht einlasseu; aber seine Conjunktur ist ja ganz Wiener’isoh und strikte gegen Kohn. — Sei es mir gestattet, in folgendem eine sehr einfache Erklärung zu geben. — loh fragte mich vor Allem: Wie kommen hier die ״Knochen “עצמות her? Zugegeben, es sei von Menschen- Asche die Rede, so würde man erwarten אפר אדם oder אפר משרפת אדם; wozu die עצמות? —