Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 31. (29.7.1887)
- Date
- 1887-07-29
- Page
- Seite 122 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
- Rashi 1× ep/1002670
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— 122 — blitzdurchzuckte — wer erkennt sie nicht unter den Völkern in dem despotisch-nihilistischen Ru ssland? Der klare Kopf, der geistreiche Denker, der denkend reiche Geist, der die!Parallele zieht, ist ... . Stadtrabbiner Dr. Schwabacher in Odessa! Deutschland ist der Original-Herd des Antisemitismus: Deutschland ist darum nicht mehr als Träger des grossen Menschheits-Gedankens aDzusehen. Russland, das durch seine Judenverfolgung, seine Krawalle gegen die Juden, seine Plünderung und Bedrückung der Juden beriichtigte Russland, wo die Juden noch unter Ausnahmegesetzen schmachten, mit einem Worte: Russland! — ihm hat der Genius der Menschheit sein edles Antlitz zugewandt und gesprochen: uu, o Russland, sollst mir sein auserwählt von allen Ländern und Völkern, du bist der Träger meiner heiligen Fahne! Russland der Träger des Menschheits-Gedankeus! Und das nach der Ueberzeugung unseres berühmten Dr. Sehwabaeher! Aber Dr. S. ist gefasst darauf, dass mau ihm die schwere Frage vorlegen werde: Weher kommen denn bei solch — (nach der vorhergehenden Schilderung des Dr. S.) — arkadischen Zuständen die Krawalle von Ostern 1 <S71, die blutigen Maiblüthen von 1881? — Nun denn — antwortet Herr Dr. Sch. darauf — gerade diese traurigen Episoden bestätigen, wie jede Ausnahme, die Regel, unsere Behauptung von der Gutmüthigkeit und Bravheit des russischen Volkscharakters. Wie schrecklich die Excesse auch waren, so waren doch, wie sonderbar es klingen mag, die Excedenten unschuldig daran, oder richtiger nicht schuldig, indem schuldig doch wohl nur der Mensch genannt werden kann, der mit Vorbedacht und schlechteignem Willen die schlechte That begeht. — Menschen aber, deren Verstand tagelang mit falschen Berichten und lügenhaften Erzähhingen fanatisirt, und das noch etwa übrig gebliebene Bestehen von Verstand mit Schnaps weggeschwemmt wird, kann man die denn verantwortlich machen, für das, was sie in diesem Zustaude thun? — Nein, das kann I man nicht, Sie sollen Recht haben : aber kann mau solche ]Menschen, ein Volk, das zum giüssteu Theile ans solchen Menschen besteht, zu Trägem des Menschheitsgedankens machen1׳ Vielleicht 1S87 vor der üblichen Zeitrechnung; aber doch nicht im 1!1 Jahrhundert nach Beginn derselben? Wo Herr Dr. Sehw. das schreibt? In einer; Brocbüre: ״Das Werk der Erinnerung, Weiherede zur; Eröffnung des zum Andenken Br. Ewinenz des Gott- ‘ seligen Erzbischofs Dimitri von der Odessaer israelitischen Gemeinde gestifteten Waisenstipendiums.“! Nun Ehre dem grossen Geistlichen, der es ver- : dient hat, dass der grosse Geistliche einer andern j Religion seinem Andenken eine Weiherede widmet, ן und Ehre diesem, der sie in Anerkennung der Ver- ] dienste auch bei Bekenuern einer fremden Religion! so aufrichtig und dankbar widmet, wie dies von! Seiten des Herrn Dr. Schwabacher geschieht. Aber! alle Schlüsse, die Iltrr Dr. S aus der Existenz des , Antisemitismus aut den deutschen Geist zieht, sind ein grosser, colossaler Irrthum. Dr. Schw. sieht aus der Ferne. Seit Jahrzehnten in Russsland wirkend, kennt er Deutschland nur als das Ideal seiner Jüug- Hngsträuine. In dies Ideal passt kein .... Stöcker und kein Böckel. Da er das Reale nicht besitzt, das Ideal ihm aber getrübt erscheint: was bleibt ihm übrig? Nichts! Er setzt sich hin au den Strömen Babels und weint über das Verklingen der heiligen Gesänge, die seine Universitäts-Jahre von dem Deutschjand der Zukunft umrauschten. Besässe er das reale Deutschland, er würde für sein verlorenes Ideal bald Ersatz genug in Deutschland finden. Aber er besitzt in der Realität nur . . . Russland — der Unglückliche! Nun idealisirt er sich sein Russland, seine Jünglings-Träume werden wieder lebendig, und ״Deine Lust und deine Wonne musst du an was immer sehen“, und da er nicht das Glück hat, diesem ewigen Bedürfnisse Befriedigung in Deutschland zu gewähren, so muss ״der Mohr Russland seine Schuldigkeit thun“. Nun wäscht er und wäscht er an seinem Mohren, bis dieser ihm weiss erscheint: wir können aber beim besten Willen nur einen Mohren sehen, und der sonnverbrannteste ,Kaukasier gilt una doch immer noch mehr als Vertreter unserer weissen Rasse, als der noch so weiss gewaschene Mohr. — Nur in einem Punkte habe ich meiue Freud« an der Verirrung des Herrn Dr. Schwabacher: Diese gilt mir als die eklatanteste Widerlegung der autisemit.ischen Anklage: Die Juden haben kein Vaterland. Was hat Herrn Dr. S. so verblendet? Doch nichts anderes als sein russischer Patriotismus. Nun, kann ein Jude ein russischer Patriot bis zur Verblenduug sein, um wie viel mehr ein deutscher, ein französischer, ein englischer, ein österreichischer, ein italienischer etc. Patriot! — Es giebt doch noch ״Neues unter der Sonne“! Ein Rabbiner, reinster deutscher, sc hwäbis c her Abkunft, Herr Dr. Schwabacher, ein Russophile, ein Pans 1 a vist, ein Schwärmer für Russland als Träger des grossen Menschheits-Gedankens! Notizen. Lexicalischea. Die 4 Arten der scliadenverursaehenden Güter benennt die Mischnah Nesikin nach der Ordnung, in welcher der Feutateucli lExod -1,2 2,5-—־) sie aufführt mit השרד הבור המ—צה וההבצר. Hiernach sind die Bezeichnungen für 1.2,4 rein biblisch, für 2 jedoch clialdäisch. Wenn min tu״ v die ö. Art ,המבצר auch die biblische Form המבציר am Platze gewesen wäre, so ist diese wohl aus dein Grunde vermieden worden, um nicht durch 2 Derivata von ein und derselben Radix das Versrändniss zu erschweren. Der Talmud B. Kama 2b lieht nun wegen der wirklichen Bedeutung des ,המבצר trotz der abweichenden Meinungen zwischen לב und שמואל, von denou der eine sagt: מבצר, 1", אדם and der andere: רבצה 1ה השן über jeden Zweifel hinweg, indem er aut die ursjirüngliehe Bedeutung der cliald. Iiadix כעי (hehr. ,יבצר• suchen, durchsuchen, absuchen durch Menschen oder Tliiere hinweist. — Da die hebräische Form des Verb. ,בצד nur im Kal und X’iphal vorkoinmt und die Form ,מבצר als reine Hiphilform sich im Hebräischen nicht vorfindet, so ist es klar, dass das מבעה der Miselmah ehald Vrsprnngs sein muss mul zwar die Aphelform der Rad. בצי. I •ieso linden wir auch Targ. Jer. zu Num. 22,:1 כלחוך השוד את ירק השדה mit היבמא דמבצי תורא ית ציסבא wie der Ochs ahsuclit — abtrisst — das Kraut des Feldes. (Vergl. Dr. Levy, Wörterbuch der Targumim). Dies vovausgeschickt muss es sehr befremden, dass in dem ■אוצר המלים הכלל von Herrn M. •Schulbaum (Lemberg 1880) zu der ltadix ,בצד sich dio B morkung findet: מבצה צ״ל מבעיר ראד. החלוץ ה״א מאמר שגגות תלמוד. Wo steckt denn der Jrrtliuni, da alle Talmudansgaben dieselbe Lesart haben und die Wortform מבצה sowohl etymologisch als grammatisch gerechtfertigt ist? L. Cohen-Rees a. Rhein. Zur t'ontroverse Wlener-Kohn. Dr. Kolm will in No. 30 das אין דרך לשורפו in T״ssaphoth Chuliu 1251, analog dein דרך הטומאה לצאת nehmen. Doch das ist unrichtig : לרך הטומאה לצאת in der Mischnah Oholoth IV, 2 bedeutet nicht: es ist. ״Usus, Uhl i cd!, dass die l'ureinheit Uerausgehracht wird“, sondern דח־ heisst an dieser Stelle einfach: ,.Weg“. Der Weg des in der תיבה sich befindenden 8^6)ע01־טימאה führt hinaus, es muss doch einmal notliwendigerweise herausgenommen werden, darum הבית טמא, uud vice versa א*ן דרכה להבנם, das ׳»«!ס-טומאה^ im בית muss doch nicht nothweudig in die תיבה kommen. R. Jose sagte aber: auch heraus muss es nicht als טומאה kommen. Das hst mit ״l'sus“ absolut nichts zu thun; לרך לצאת an dieser Stelle ist סופו לצאת, wie Raschi und Bertinoro ausdrücklich erklären צ״כ סופה לצאת דרך פתה זה. Dr. Goidschmidt-Birkenfeia. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert F riese, Leipzig.