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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-07-15 · N° 29. (15.7.1887) · p. Seite 112

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 29. (15.7.1887)
Date
1887-07-15
Page
Seite 112 (sequence 2)
Language
German
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112 — sich verbergenden Zeile bemerkt, dass in einem sohlesischen Kreise ״diegleiche Wechselreiterei von Christen betrieben wird.“ Wozu denn nur immer wieder diese Vogel-Strauss-Mauier! Glaubt Herr L. wirklich, die Welt kenne die Legionen namenchristlioher Sohwindler nicht, die Spitzeder, die Dumonceau, die Bontoux und wie sie alle heissen? Glaubt er wirklich, die Welt verstehe es nicht, wenn sm fast täglich von Dutzenden Verbrechen liest, weichesogen. Christen begangen? Freilieh wissen wir, dass es auch Namen jüdischer Schwindler u. andere Unholde, die Juden heissen, giebt; und wenn hierauch historische u. politische Gründe mitwirken oder vielmehr noch nachwirken, so hassen und verabscheuen wir und mit uns die weitüberwiegende Mehrzahl unserer Glaubensgenossen gleichwohl den Schwindel und die Verworfenheit unter sogen. Juden überhaupt noch mehr als unter sogen. Christen. Für gewisse Juden, namentlich auch für die charakterlosen, das gestehen wir beiläufig unumwunden, würden wir nicht einmal einen Tropfen Tinte verlieren; oder doch: wir haben uns vorgeuomraen, einmal das Sprichwort ״Wie es sich christelt, so jüdelt es sich“ recht lebendig zu veranschaulichen. — Aber von jenem hässlichen Treiben ein Kollektivurjtheil über die Juden — oder die Christen — abzuleiteu, halten wir für eine pathologische Erscheinung bedenklichster Art. Diese Ansicht dürfte wohl mehr zu treffen, als die, wonaoh jenes Koilektivurtheil eine bodenlose Niedertracht bekündet. Herr L. erzählt uns da*, ein kasuistisches Stückchen von einem ungenannten jüd. Gelehrten. Die volle Wahrheit einmal annehmend, ersuchen wir den Meister höflichst, dasselbe doch einmal mit Distinktionen wie ״An asinuspossithibere baptismum“ zu vergleichen, deren ihm gewiss eine stattliche Zahl »us d׳r patristisohen und scholastischen Litteratur gegenwärtig ist; auderntalls wollen wir dem Meister gern zu Diensten st.rhen Auf S. 153 f. unter einem Sternchen lässt der Herr Professor eineu grossen Stern — sein scharfblickendes Geistesauge leuohten: Was die Vossische Zeitung, dieses ״Judenblatt“,*) am (j. Juli 1886 in ihrem Leitartikel gebracht, stamme von ihm; das beweise allein der Ausdruck ״ab irato“, der auch in seinen deutschen Schriften einmal vorkomme. Welch’ ein Beweis, welch’ eine Begründung, welch’ eine Unwiderleglichkeit! Gewiss, so Jemand, sei er auch Mitarbeiter an einem ״Christenblatt“ (d. h. nach Herrn L einem antisemitischen Blatt), den Ausdruck ״ab irato“ gebraucht, so kann er ihn nur von Herrn L. haben, weder in dessen deutschen Schriften einmal vorkommt; ja, nicht nur dieser Ausdruck, sondern der ganze betr. Artikel des Bruders in Antisemitismo rührt dann von Herrn L. her. Und wenn Tausende von gewöhnlichen und nicht gewöhnlichen Mensohenkindem behaupten, jenen Ausdruck nebst Erklärung u. A. schon in jedem grossem Fremdwörterbuch gelesen zu haben, so ruht diese Behauptung auf dem leeren Grunde einer traumhaften Gesiohtserscheinung. Wir reichen zum Exempel dem Schüler, der sich an des Herrn Professors Uebersetzungstreue mitgetheiltermassen ergötzt, und der sich infolge dessen mit fabelhafter Eile an die Lektüre der ״Mittheilungen“ gemacht, auf seine Frage nach der sinngemässen Ueber- Setzung des ״ab irato“ ein Wörterbuch, und er findet und liest: ab irato aus Zorn, im Zorn verfasst, z. B. eine Verfügung etc. 0, ich Beklagenswerter, ruft der lose Schelm aus, ich habe falsch gelesen, *) das, nota bene, keinen einzigen jüdischen Iiedacteur hat. Kr. optUohe Täuschung, nichts als das! Und damit nicht genug, fragt uns der naseweise Junge noch: Sind die ״Mittheilungen“ ab irato oder sine ira verfasst? Die liturgische Notiz, die am Ende der Klagegesänge des 9. Ab steht, ist jedem nicht ganz unwissenden Juden bekannt. Was hat Herr Teohen aus dieser ״Subscription“, wie er die Notiz nennt, gemacht? Wir wollen es nicht wiederholen, stürmisohe Heiterkeit, homerisches Gelächter (äajteaxo; ךIXw;) hat sich ja darob bereits all der weiten Kreise bemächtigt, die von der Techenschen Erklärung Kenntniss erlangt. Hr. Prof. Kaufmann hatte nun bemerkt, dass die fragliche Weisheit für 10 Kreuzer in jedem jüdisohen Kalender (Luach) verkauft werde. Darauf lässt sich Herr Prof. L. S. 154 wörtlich also vernehmen: Es versteht sich für vernünftige Menschen von selbst, dass ein Studiosus philologiae (d. h. hier ein Doctorandus. Kr.) aus Wismar über die Geheimnisse, die einem jüdischen Kalendermaoher zu Gebote stehen, nicht verfügt. Ich bin, obwohl ein alter Professer, in keiner bessern Lage als jener Studiosus: ich habe nie Judenkalender herausgeben wollen, und habe mir darum die Vorzüge nicht anerzogen, die jene vortrefflichen Kalendermaoher ihr eigen nennen. Wir gestatten uns uur eine Parallele: Es versteht sich für vernünftige Mensche n von selbst, dass ein Stud. philologiae über die Geheimnisse, die einem römisohen Kalendermaoher zu Gebote stehen, welcher sich zum Exempel die Abbreviatur A. U. C. erlaubt und sie erklärt, nicht verfügt. Ich bin, obwohl ein alter Professor, in keiner bessern Lage als jener Studiosus. Wir dürfen aber gleichwohl qua Philologen das sonst öfter vorkommende A. U. G. nach zwerchfellerschütterndem Belieben missdeuten; wir haben nie Römerkalender herausgeben wollen und haben uns darum die Vorzüge nicht anerzogen, die jene vortrefflichen Kalendermaoher ihr eigen nennen. Mit vielem Aplomb betont Herr L. S. 157 : Uns Christen dünkt heiduisoh, die Pflege der Religion an die Abstammung zu binden — wie es bei den Juden der Fall ist, die ihre Cohns etc. haben **) Sind denn für den Meister Sohriftstellen wie 3. M. 19,2 (Rede zu der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und sprich zu ihnen: Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott), sowie 2 M. 19,6 (Ihr sollt mir ein Reich von Priestern-Kohanim- und ein heilig Volk werden) wirklich nicht vorhanden? Uebrigens wirkt es auf Jeden, der die Ansicht des Herrn L. über Christus kennt, geradezu komisch, wenn jener von ״uns Christen“ spricht. Nicht minder komisch wirkt es, wenn Herr L. ob der Bezeichnung eines hebräischen Wortes als ״unmöglich“ S. 158 ausrutt: Es ist kläglich zu erleben, wie tief Hass und Hoohmuth die Mensohen fallen machen Also jene Bezeichnung eines Wortes bekundet Hass und Hochmuth, aber die höhnende Bezeichnung ermordeter unschuldiger Kinder als ״Judenleiohen“ und eine Anzahl ähnlicher Proben aus dem antisemitischen thesaurus des Herrn L. sind eitel Liebe und Demuth. (Fortsetzung folgt.) **) Cohns statt Kohanim — eine der antisemitischen Halbwelt-Litteratur durchaus würdige Leistung! Was sagt der ״geehrte College“ Herr Prof. Cohn zu der Eime?-Waren übrigens die Kohanim auch ״Mittler“ zwischen Gott und Mensch oder gar ״Stellvertreter" Gottes etc. etc.? Dürften der Herr Professor nachgerade doch einsehen, dass man über gewisse Dinge besser schweigt? — _ — Kr.

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