Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 28. (7.7.1887)
- Date
- 1887-07-07
- Page
- Seite 110 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492408-5990847-5991219--1221-5368452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
_ 110 behauptet, häufig, sondern im Gegentheil sehr selten im Jahre zum Zwecke der Reinigung unbrauchbar. 4. ־Wir kommen nun zur Beantwortung der von Braun aufgewoifen.. Fragen über d׳e Bedeutung der Gewölbe, der Oeffnungen in denselben und der Zellen. Dass das Jadenbad nicht nach Art unserer Brunnen rundförmig, sondern vierseitig gestaltet ist, haben wir bereits angegeben. Aus dieser Beschaffenheit des Baues ergiebt sich aber unseres Erachtens die Bedeutung der Gewölbe von selbst. Sollten sie nicht dazu dienen, den unterirdischen Mauern namentlieh bei hohem Rheinpegel, beim Andrange des steigenden Grundwassers grössere Widerstandsfähigkeit und Dauerhaftigkeit zu verleihen? Aber noch ein anderer Zweck der Gewölbe lässt sich anfiihren Ofo genug nämlich steigt das Wasser im Bade mehrere Meter hoch, so dass die Benutzung desselben schlechterdings unmöglich wäre, fa״s sich nicht in bestimmten Zwischenräumen Gewölbe befunden, anf welche man ohne Gefahr in das deiüber stehende Wasser steigen konnte. Die som't durchaus nicht zweckwidrigen Gewölbe mussten sodann, damit das ohnehin spärliehe Licht rieht gänzli» \ abgehalten werde, passende, und den Badenden selbstverständlich ungefährliche Oednungen haben. Endlich lag es nahe, die Zelle zwischen den Gewölben zum An- und Auskleiden, was doch nicht füglich auf der Treppe geschehen konnte, zu benutzen. Wenn Iraun in diesen Zellen schauerliche Todtenkammeru erblickt und bemerkt, die Benutzung derselben, besonders nach dem Bade, würde jeder Arzt entschieden missbilligen, so hat er freilich darin nicht unrecht. Ja nicht nur gegen die Zellen, sondern überhaupt gegen die ganze Einrichtung u iirde derselbe Arzt mit Fug und Recht Protest erheben. Trotzdem abc-r haben nachweislich die Juden derartige Bäder gebraucht und gebrauchen müssen. (Forts, folgt.) Litteraturbericht. Recensionen. Prugue, H., Aunuaire des Archives Israelites pour l’an du monde 50-18. Paris chez l’auteur rne Richu 47. Das vorliegende Jahrbuch schliesst sich seinen Vorgängern würdig an, es entspricht allen Anforderungen. welche ein Franzose jüdischen Glaubens an eine derartige Arbeit stellen kann. Ausser den üblichen kalendarischen Bestimmungen, der Aufzählung der Consistorien von Frankreich, Belgien, der Schweiz und Elsass-Lothrn.gen, sowie der jütlischen Uuterrichts- und Wohlthätigkeitsanstalten von Paris uud des den jüdischen Cultus betreffenden Abschnittes des Staatsbudgets für■ ISST enthält der Kalender eine summarische Rundschau der Verhältnisse der Juden ru Deutschland, England, Oesterreich-Uirg!1 11, Spanien, חי den vereinigten Staaten NorJpmerka’s, den Niederlanden, Rumänien, Russland uud Frankreich. Au litterarischeu Beilagen enthält das Jahrbuch aus der Feder des verdienstvollen Gemeiudesecretärs Leon Kahn die Beschreibung eines aus Vertu! 1assung der Geburt dis ״Königs von Rom“ am 9. Juni 1811 in der Synagoge in Paris abgehalteuen feierlichen Te■• Deum, sowie eine Episode aus dem Leben Jean Jaques Offenbar h’s, der mit seinem Vater aus Cöln nach Paris kam. Der Vater wurde als Cantor und der Sohn als Chordirigeut der Pariser Gemeinde angestellt, der indess auf das Gutachten des Pariser Oberrabbiners Ennery entlassen wurde, weil er am Freitag Abend im Orchester eines Theaters mitgewirkt. Diese Entlassung war der Ausgangspunkt zu Offenbach’s rühm - gekrönter musikalischer Laufbahn. Auch eine kleine Erzählung — das Schneefest in Schildberg — von Hitzig bringt der Kalender, sowie eine Notiz über die Legende des Hostienmirakels in der rue des billebtes in Paris im Jahre 1290, die bis auf den heutigen Tag theils bildlioh, theils oratorisch in den Kirchen Frankreichs noch fortlebt, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine blosse Erfindung, auf eine — pia fraus — beruht. Mau sieht, Herr Prague bestrebte sich auch in diesem Jahre, recht reichhaltig zu sein, und ״wer Vieles bringt, wird Jedem etwas geben.“ Bei der politischen Uebersicht der Verhältnisse der Juden hätten wir über die deutschen Juden allerdings eine grössere Ausführlichkeit gewünscht, und wir wären dazu um so eher berechtigt gewesen, als der Verfasser des Jahrbuches im vergangenen Jahre eine Reise nach deutschen Kehillo’s gemacht und darüber in den ״Archives Israelites“ Reisebriefe veröffentlicht, die allerdings nicht nach unserem Geschmacke waren, da Herr Prague nur von Hirsch und Lehmann, denWormser Nissim und der MannheimerKlaus, einer Winkelsynagoge, zu erzählen wusste, aber Nichts von unseru grossen deutschen Rabbinern, wie unsern jüdischen Professoren in Heidelberg und Strassburg und auch Nichts von den grossartigen, allerdings — Nicht-Hirsch’schen philantropischen Anstalten der grossen isr. Gemeinde in Frankfurt a. M. Aber Heir Prague hat einmal Gefällen au unserer deutschen Hetzorthodoxie und — de gustibus non est disputandum. — In einem Biiefe Adolph Frank’s an Herrn Prague wünscht dieser greise uud grosse Gelehrte unter voller Anerkennung der Verdienste des Veifassers die Aufstellung einer Berufs- Statistik der Israeliten in Frankreich als die wirksat •te Zurückweisung der dortigen Antisemiten, und a’1!;׳־ wir schliessen aus diesem Wunsche, an, sowie, dass d’e J litterarischeu Beilagen dieses Volkskalenders mehr! Lebensbilder aus der Gegenwart, als archäologische Arbeiten enthalten mögen. Druck und Ausstattung des Jahr uches sind ausgezeichnet. Notiz. lMe l'essuclileier bei den Samaritanern. Am 14. Nissan geilt die ganze Gemeinde, deren Zald sieh auf l.r>ü beläuft, in das Thal des Berges Gerisim und schlage dort Zelto aut Ilieraut graben sie mitten im Thale eine Grube und eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang stellen sich die Männer in langen woissen Gewändern um die Gmlie, wahrend die Weiher in Zelten sitzend dem Werke Zusehen. Iter Pries* ־ steht in ihrer Mitte auf einem grossen Steine und singt Lieder, die Männer antworten i 111 Chore aus ihren Gebetbüchern, beugen ihre Knie, bedecken ihr Antlitz mit ihren Gewändern und kriechen auf den Gipfel des Borges. Zur Zeit des Gebetes kommen •י Knaben in woissen Gewändern und briugen sechs Lämmer, und während die Gemeinde betet und der Priester das Kapitel über den Auszug aus Egypten vorliest, schlachten die Knaben die Lämmer, tauchen ihre Finger ins Blut und b streichen damit Nase und Stirn der Kinder. Hierauf ziehen sie den Lämmern das Fell ah, und nachdem sie die Eingeweide herausgenommen, legen sie das Uebrige in einen Kessel, der in den Erdboden gestellt ist, und zünden ein Feuer darunter au. Um Mitternacht bei vollem Mondeuscheine nimmt man vor den Augen der ganzen Gemeinde den Deckel vom Kessel ab, aus dem ein dichter ljualm emporsteigt und nimmt die Lämmer he; aus. Die Männer aber ziehen ihre Schuhe an, nehmen ihre Stäbe zur Hand, umgürteu sich mit Stricken und essen die gebratenen Lämmer mit Eilfertigkeit. Nach zehn Minuten werten sie die Ueberreste in’s Feuer und kehren in die Stadt zurück. Einem Fremden ist der Zutri c zu dieser | Feier nicht gestattet. Verantwortlicher Kedacteur l)r. Kalimer, Magdeburg. Bruck von D. L. Wolft, Magdeburg. Verlag von Robe't Friese, Leipzig,