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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-07-01 · N° 27. (1.7.1887) · p. Seite 106

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 27. (1.7.1887)
Date
1887-07-01
Page
Seite 106 (sequence 4)
Language
German
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106 — liehe Befinden anseres heute noch einen durchaus ge• 1 sunden,!körperlichen und geistigen Organismus repräsentirenden Volkes, über die Ehrerbietung, die das Jndenthum gegen die Hingeschiedenen zur Herzenspflicht macht. An Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit lassen die Erörterungen des Verf.'s Nichts zu wünschen übrig. Aus Kanzelvorträgen — wie wir glauben — entstanden, setzen sie stets das grössere, jüdische Publikum voraus. Sie wirken durch Erbauung auf das jüdische Herz und Gemüth, durch Belehrung auf den modern geschulten jüdischen Geist. Sie respectiren das in der Jetztzeit doppelt wichtige מה VTI שתשיב. Der Verf. vertritt den streng positiv jüdischen Standpunkt in Uebereinstimmung mit den herrschenden socialen, intellectuellen und moralischen Anschauungen der Neuzeit. Ueberall ergiebt sich, dass das Judenthum die Anschauungen unserer Tage ebenso wenig zu scheuen hat, wie die ganz anders gearteten Systeme und Lehrmeinungen vergangener Zeiten und überwundener Standpunkte. Sohrau O.-S. Dr. Jmmanuel Deutsch. Ein Herr Victor Hehn, bisher nur in Fachkreisen bekannt, durch sein: ״Italien, Ansichten und Streiflichter“, ״Culturpflanzen und Hausthiere“ und ״Das Salz, eine Culturstudie“, hat einen Band ״Gedanken über Göthe“ (Berlin bei Gebr. Bornträger) herausgegeben, der viel schätzbares Material, aber auch viele unreife Einfälle und Aufstellung und — was das Schlimmste ist — auch viel antisemitisches Vorurtheil enthält. Wie schlimm es mit letzterem bestellt ist, geht schon daraus hervor, dass selbst die ״Köln. Zeit.“ darauf hinweist, wie der Antisemitismus dem Verfasser das Urtlieil getrübt. Sie schreibt: Was Hehn über Heine vorbringt, ist das reine Naobschwatzen der alten Seichtigkeiten und Legenden über den Dichter des ״Buches der Lieder“, ja, man möchte glauben, er hätte von Heine nie etwas gelesen oder es doch längst wieder vergessen. Aber das Räthsel erklärt sich: man wandelt nicht ungestraft unter Palmen, aber auch nioht unter den unverfrorenen Ansichten der Petersburger Gesellschaft und unter den halbbarbarischen Volksschichten an der Newa. So ist denn unser Deutsch-Russe ein Antisemit vom reinsten Wasser geworden: weil der russische Jude und erst recht der polnische iin Schlamme wühlen, so kann kein Mensch edel und rein, und kein Dichter hehr und schwungvoll sein, wenn er — Semitenblut in den Adern hat! Als ob es in Europa und Vorderasien noch Menschen ungemischten Blutes gäbe, als ob Victor Hehn sicher wäre, dass in ihm nicht neben Germanen- und Slavenblut auch ein Tropfen Semitenblut mitspiele! Seine Vorliebe für geistreiche Combinationen, sein riesiges Gedächtniss, nun, ist das nicht nach seiner eigenen Theorie ein verrätherisches Symptom? Wollten wir boshaft sein, so würden wir unser Urtheil mit dem für das Buch und seinen Verfasser nicht unzutreffenden Worte schliessen, womit er den jüdischen Denker, Dichter und Künstler kennzeichnet: ״Der Jude denkt in Gegensätzen und geht überall auf isolirende Scheidung, nicht auf genetischen Zusammenhang aus. Wie die natürlichen und historischen Processe, so liegt auch die Kunst dem jüdischeu Genius fern. Din Wellenlinie der Schönheit, ihre innere Harmonie und geschlossene Form bleibt diesem springenden, aufreizenden, in Witzen, Sprüngen, Sinn Worten, sich äussernden Geiste unerreichbar, und was Lessing in seinem Briefe an Campe sagt: ״Noch so viele Blitze machen keinen Tag,“ passt trefflich auf das jüdische Denken und Schreiben“ ... In Gegensätzen ist kein moderner Dichter grösser als Victor Hugo. War er ein Jude? Börne hat seine Vorliebe für zugespitzte Contraste von Jean Paul gelernt. War dieser ein Jude? Hehns ״Gedanken über Göthe“ sind reich an ״Sprüngen“ und ״aufreizend ohne geschlossene Form“ und er ist — Antisemit! Was aber den Mangel an ״genetischem Zusammenhang“ des jüdischen Genius betrifft, so soheint der genialste Denker, Spinoza, auf den ja doch auch sein Göthe grosse Stücke hielt, nicht ins Gewicht zu fallen. Die Kuust liegt aber dem jüdisohen Genius 80 ״fern“, dass der Hiob, die Psalmen, das Hohe Lied etc, die unsterblichen Schöpfungen des jüdischen Genius, seit Jahrtausenden in allen Sprachen gelesen und von Kennern bewundert wurden, nicht zum wenigsten vom deutschen Altmeister Göthe. Das sind Dinge, über die eigentlich kaum noch ein Wort zu verlieren wäre, wenn in unsern Tagen nicht die Antisemitenseuche wieder in einer Weise wüthete, dass sie selbst sonst klare Köpfe zu Uriheilen verleitet, die dem gesunden Menschenverstände und der historischen Bildung Hohn sprechen. Litterarische Notizen. Für die Kulturgeschichte des Mittelalters dürfte es interessant sein, zu ertahren, dass trotz der entschiedensten Antipathie Andersgläubiger gegen die jüdische Nation F ürsten und Gei stl ich e es nicht versclimäheten, sogar an Sonntagen mit Juden Geschäfte zu contrahiren. — Aus Wiener’s ״Regesten“ S. 159 No 380 ertahren wir, dass am lü. Februar 1398 Effert der Jude, einen Weingarten zu Weinziert bei Krems an Stephan, Pfarrer bei St. Egid zu Passau verkaufte. Desgl. S. lb'i No. 407: Magdalene, Herzogin zu Bayern, verpfändete am 16. December 1403 an die Veiäin, Jüdin zu Regensburg, um 100 Gulden eine silberne Schüssel. Das Datum beider Urkunden fiel auf einen Sonntag. Cohen-Rees a. Rhein. Jost Ober gewisse Kritiker. Ein recht bezeichnendes Wort Jost’s zur Characterisirung jener weitverzweigten Sorte grünschnäbliger Kritiker — man könnte sie eigentlich in einem gewissen Sinne unsterblich nennen, da wenigstens ihre Art nie aussterben wird — die, zu jedem eigenen Schaffen unfähig, sich hochmüthig vornehin in die Brust werfen, weil es ihnen, aut den Schultern irgend eines bahnbrechenden Geistesriesen stechend, gelungen ist, in diesem oder jenem Winkelchen, der für alle oder doch für lange Zeit weit hinausragenden Arbeiten des Meisters einen unzweifelhaften Fehler nachzuweisen und nun Jenen tür einen überwundenen Standpunkt erklären, theilt Heinrich Zirndort in seinen Erinnerungen an ״Jost und seine Freunde“ mit. In Veranlassung eines solchen Specialfalles sagte Jost eines Tages zu Zirndorf: ״Diese Stelle und noch viele andere habe ich den Fachmännern längst preisgegeben. Mehrere der hier gerügten Irrthüuier sind in meinen späteren Schriften, besonders in meinen ״Israelitischen Annalen“, inzwischen berichtigt; das kümmert aber jene Herren durchaus nicht, wenn sie nur eine Gelegenheit erspähen, sich durch splitterrichterliche Bemerkungen hervorzuthun. Welche grosse Kunst ist es auch am Ende, in gewissen Einzelnheiten besser unterrichtet zu sein, als ich es war. Als ob ich nicht selbst recht gut wüsste, dass die geschichtliche Spezialforschung jetzt weiter gediehen ist als damals, da ich mein historisches Buch schrieb.“ Ist es nicht, als ob man eben vorher einen jener zweitelhaften kritischen Grössen von gestern mit souveräner Kennermiene über Grätz, Zunz u. a. aburtheilen gehört, nachdem sie sich selbst hierzu die Waffen aus deren Arsenalen geholt diese heimlich in unverschämtester Weise geplündert und sich mit deren Federn geschmückt? Ich glaube es war Kley, der sich einmal bei einem dieser sonderbaren Helden tür den Genuss bedankte, den er ihm soeben durch den schönen Vortrag seiner Predigt bereitet und als dieser sich erfreut in die Brust warf, sich ihm vorstellte und hinznfügt«, er habe sich nie besser recitiren gehört. — ״Ach, wenn es eine litterarische Auferstehung gehe, sagt ein geistreicher Schrittsteller, und die Alten forderten ihre Gebeine wieder, was würde von mancher ״Grösse“ übrig bleiben! M. W. London. Dr. S. Louis hielt in der Gesellschalt für biblische Archäologie einen Vortrag über Palästinische Dämonologie. Verantwoi;lieber Redacteur Dr. Ra Inner, Magdeburg. Druck von D. L. Wollt, Magdeburg. Verlag von Robert F riese, Leipzig.

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