Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 27. (1.7.1887)
- Date
- 1887-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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lü-HJ Jüdisches 1 ä**fi Litt er atur-Blatt. Zar Beleachtaag aller Jadeatkaai aad lain betreffend•* Htterarleehea Br• •ebelaaagea aaf dem Qeblete der Philo* •ophie, Heacblebte, Ethaographle, Theo• logie, Orleatalla, Exegeoe, Bomlletlk, Litarglk, Pädagogik. Heransgegeben von Rabbiner Rr. Moritz Rabiner. 1. 3uti 1S8־j. Bicher der elMiehliglgeti Mtter«tMr,welch« der Bedietion xngMMdt werde■! Aulen fn diesem Blatte eingehende Bespreohnng Bel EUcendang ▼on xwel Becenslona• Exemplaren erfolgt einmalige knrxe firatis-lnsertion. Das ״Jüdisch« Littcratnr-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungön in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der -Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Ingerate werden mit MPf. lür die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 18 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu seuden. ME* Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25־ ji Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Das Andernacher Judenbad. — Zur Geschichte der Juden in Westfalen. Litteraturbericht: Recensionen: Mosse, B., >abbin d'Aviguon. Le Judaisme on l’expose historique et logat de la doctrine, de la morate et des mocurs israelites. — Ein Herr Victor Hehn etc. Litterarische Notizen. Nachdruck nur mit ■vol.t•! Quellenangabe gestattet. Das Andernacher Judenbad. Das im Hofraume des Rathhauses in Auderuacb gelegene und unter dem Namen ״Judenbad“ bekannte Gebäude ist wohl den meisten Lesern dies. Bl. weder aus unmittelbarer Anschauung, noch aus Beschrei• bungen bekannt. Wir halten es deshalb für angemessen, unserer Besprechung dieses interessanten Baudenkmales einige Notizen vorauszuschickeu. Das Gebäude ist zum allergrössten Theile unterirdisch und hat die Gestalt eines viereckigen Thurmes. Die Oberfläche bedeckt ein Gewölbe, das 1,38 Meter über den Hofraum emporragt und mit einem Ueberbau versehen ist, in welchem nach der Kramgasse hin der Eingang sich befindet. Die starken Umfangmauern sind aus Schiefersteinen mit Kalkmörtel aufgeführt; an einer derselben läuft auswärts eine ziemlich breite Stiege, deren Stufen aus Mendiger Haussteiuen bestehen, bis zur Sohle des Bades hinab. Das Innere des Baues ist durch Gewölbe in drei Räume getheilt. Das erste ist 2,13 Meter, das andere 3,12 Meter höher als die Sohle. In die beiden oberen Räume führen von der Treppe etwas unbequeme Eingänge, an welchen noch eiserne Spuren von früheren Thüren vorhanden sind. Die untern Gewölbe hatten ehemals Oeflnungen vou beträchtlicher Grösse, durch welche das Licht, wenn auch gebrochen, einfallen konnte. Das Mauerwerk ruht auf einem Roste von Eichenholz. Die Tiefe beträgt 10,83 Meter, das Wasser des Bassin, in das breite Stufen hinabführen, steigt und fällt mit dem Rheine und behält selbst bei niedrigstem Wasser- Stande eine Höhe von mehr als 00 Centimeter. Was war nun die ursprüngliche Bedeutung dieses merkwürdigen Gebäudes? Einige, wie Lang (Reise auf dem Rhein) und Min01a (Uebersicht u. s. w. S. 215) u. a. m. wollen darin ein römisches Bad erkennen. Diese Ansicht wird mit dem Charakter des Gebäudes "*begründet, das beim ersten Anblick den Eindruck seines hohen Alters hervorruft und eine solche Festigkeit und Dauerhaftigkeit zeigt, wie römische Bauten sie aufzuweisen pflegen. Auch beruft mau sich zu Gunsten dieser Annahme auf die bekannte Badesucht der Römer, welche es gewiss nicht versäumt hätten, in ihrem Casteilum Antunnacum ein solides Bad zu errichten. — Allein diese Deutuug hat bereits der Bonner Professor Dr. Braun in seiner Festschrift zur Winkel-, manns Geburtstagsfeier am 9. Dez. 1853 über ״das Judenbad zu Andernach“ mit triftigen Gründen widerlegt. Er weist zunächst hin auf den bekannten Luxus der reichen Römer, die überall, wo sie sich festsetzteD, prachtvolle Bäder erbauten und gewiss nicht 10—11 Meter tief unter die Erde, unter schauerliehe Gewölbe gestiegen seien. Sodann erinnert er an die grosse Sorge der Römer für die Gesundheit und demnach für Reinheit und Zuträglichkeit des Wassers; sie würden sich schwerlich dazu verstanden haben, ein Bad auzulegen, das nicht gerade leicht zu reinigen ist und somit fast notbwendig ein receptaculum sordium, ein Schmutzbehälter, hätte werden müssen. Ferner macht er auf den Wassermangel im Bade gerade zur Sommerzeit, der eigentlichen Badesaison, aufmerksam, sowie auf den Umstand, dass auoh der Boden im untersten Gemache keinerlei Spuren der Einrichtung eines römischen Bades enthält. ״Wozu hätten,“ fragt er dann weiter, ״diese zwei, drei Gewölbe über demselben, wozu die kleinen Zellen zwischen den Gewölben den Badenden dienen sollen? Gegen die Benutzung derselben, namentlich nach dem Bade, würde jetzt jeder Arzt lebhaften Einspruch ein- 'legen, wenn es unter gegebenen Verhältnissen irgend jemand in den Sinn kommen könnte, diese Räume zum Baden zu gebrauoheu. Wozu hätten die Oeffnungen in den Gewölben selbst dienen sollen? Damit das Licht einfalle? Aber warum beschränkte man denn das Licht überhaupt durch diese Gewölbe? Solche enge Zellen, schauerlichen Todteukammern vergleichbar, baut sich der Luxus nicht!“ Endlich sohliesst Dr. Braun seine Begründung mit dem Hinweis aut den Charakter des Mauerwerkes selbst, das allerdings wohl kaum jemand für römische Arbeit erklären und noch weit schwerer als solohe beweisen wird. Gewiss, ein römisches Luxusbad ist das unserige niemals gewesen und nur Unverstand hat es dafür erklären können! Andere versichern, das Gebäude sei nichts anders, als was der Name besage, nämlich ein jüdisches Bad. Sie gehen bei Begründung ihrer Meinung von der den Israeliten auferlegten Pflicht aus, nach gewissen Vorgängen in fliessendem Wasser zu baden uud sie stützen ihre Behauptung auf die mindestens bis ins Jahr 14.07 zurückreichende Tradition, ausserdem auf die Aehnliohkeit unseres Bades mit andern anerkannten Judeubädern. Diese Ansicht