Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 25. (16.6.1887)
- Date
- 1887-06-16
- Page
- Seite 96 (sequence 2)
- Language
- German
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96 — nischem Vorgänge als ״Christenleichen“ zu höhnen, so wüsste man den Grund hiervon ebenfalls . . . Die Leichen unschuldiger Kinder als ״Judenleichen“, ״Christeuleichen“, ״Türkeuleichen“, ״Heidenleichen“ zu bespötteln — ist das Bildung, ist das Gesittung auf dem Grunde moderner Schulerziehung, moderner Gelehrsamkeit? Soll diese Bildung, diese Gesittung allgemein werden? Dann Fluch der St unde, wo Eltern ihre Kinder den Schulen, den Hochschulen anvertrauen! Grosser Gott, lass mich diese Lästerung nicht denken. . . 0, Sie Freund alter christlicher Frömmigkeit, Sie werden als solcher mir vielleicht zugeben, dass diese Frömmigkeit verlangt, dem Beispiele dessen zu folgen, der gesagt: ״Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich“. Sie werden vielleicht auch wissen, dass diese Kinder, die Christus geherzt, geküsst und gesegnet hat, horribile dictu, horribile auditu! Judenkinder waren. Wie würde Christus über Sie, über Ihre Ironie auf die ״Judeuleichen“ geurtheilt haben? Wie einer seiner Jünger über Sie nrtheilt, können Sie aus 1. Korinth, 13 ersehen. Aber in denen, die so urtheilen, so gehandelt haben, floss ״jüdisches“ Blut, waltete ״jüdisches“ Gemütli!Spr. Sal. 10,12 —- Parallele zu 1. Kor. 13,4 bei Luther;, obgleich Sie das leugnen, gern hinwegwitzeln möchten Ist’s denn nur möglich? Herr L. bemerkt S. 123 buchstäblich: ״Nach Paulus Cassel war Jesus ein ,lüde“. Nur nach Paulus Cassel? Nicht auch nach Luther, der über den Gegenstand eine ganze Schrift verfasst? Nicht auch nackLessing? Und ist denn nicht das ganze ('hristenthum Auf’s Judenthum gebaut V Es hat mich ott Geärgert, hat mir Thränen g'nug gekostet, Wenn Christen gar s<> sehr vergessen konnten. Itnss unser Herr ja ■«elhst ein Jude war. (Der Klosterhr. im ״Nathan“.; Und war Christus nicht auch nach dem N. T. ein Jude? Beginnt das N. T. etwa nicht mit dem Versuch, die Abstammung Christi aus davidischem, d. i. ״jüdischem“ Hause zu erweisen und erwähnt es dabei nicht über ein halbes Hundert ״Juden“ und mehrere ״Jüdinnen“ als seine Ahnen und Ahnfrauen? Führt es nicht als Mutter Christi die ״Jüdiu“ Maria i Mirjam) namentlich an, und nennt nicht diese selbst j Luk.!,,IS den ״Juden“ Joseph seinen Vater? Sollte | die Mutter Maria den Vater ihres eigenen Sohnes; nicht besser gekannt haben als Herr Lagarde? Lässt das N. T. nicht gegen Schluss (Offenb. 22,16) Christus als ״Wurzel und Stamm Davids“ erscheinen? Bildet sonach nicht die davidische Abstammung Christi; das ״Alpha und Omega“ des N. T.? Wenn die j Kritik indess die davidische Abstammung bezweifelt — ob mit Recht oder nicht, kann hier füglieh unerörtert bleiben; der gläubige Christ, der Freund ״alter ckristl. Frömmigkeit“, wird und kann sie nicht bezweifeln — darf die Kritik aber auch die jüdische Abstammung des Stifters der christlichen Religion aufechten, ohne eine unsterbliche Lächerlichkeit zu begehen? Lässt das N. T. (Joh. 4,31) demselben von seinen ,Jüdischen“ Jüngern nicht den ,jüdischen“ Titel Rabbi (Meister) geben? Hält derselbe nicht nach der Bergpredigt (Matth. 5, 17—19) das ״jüdische“ Gesetz und die ,.jüdischen“ Propheten sehr hoch i Zeigt nicht schon ein Blick auf die in vielen Bibelausgaben verzeiebueten Parallelstellen, dass das Christenthum seine wichtigsten Lehren und Moralpnuzipien dem Judenthum entnommen und solchergestalt allerdings Kirche, Schule und Haus und die religiöse Litteratur der Christen stark ״verjudet“ sind und unablösiich im ״Judaismus“ wurzeln? Sind es nicht eigenste Worte Christi: ״Wir wissen, was wir anbeten, denn das Heil kommt von den Juden?“ (Joh. 4,22.) Sollte selbst Christus seine Abstammung nicht besser gekannt haben als Herr Lagarde? Dieser weiss und fühlt sehr wohl, dass der Antisemitismus nicht allein der That, sondern schon dem Namen nach eine beispiellose Verspottung des Christenthums, seines jüdischen Stifters und seiner jüdischen Jünger ist, und darum wusste nicht Lessing, wussten nicht die Skribenten des N. T., wusste sogar die eigene Mutter Christi nicht, ja wusste Christus selbst nicht, von wem er abstamme — nur Herr L. weiss das, nur Herr L. ״kann“. Allgemach scheint sich Herr L. über die ״jüdische Rasse“ zu beruhigen Denn er findet hin und wieder Angehörige derselben, die so zu sagen doch auch Menschen sind. Nachdem er Herrn Prof. Gustav Cohn seinen ״geehrten Kollegen“ genannt, giebt er S. 126 L. Dukes das Prädikat ״wacker“. Aber bedauerlicherweise ist die Beruhigung von kurzer Dauer. Schon S. 129 muss sich der urgermanische Herr Professor französischen Namens wieder über die ״zugereisten Juden“ eckauffiren, die seinen Lieblingsschiiler gebührend zu würdigen sich vermessen. , Auf S. 131 fi. stellt Herr L. seine eigene Ueber-! 1 setzung von Piutim mit denen Zunz’ zusammen, vorab (S. 1301 bemerkend, dass seine ״Dolmetschung von der Vollkommenheit weit entfernt“ sei. Welche rührende Bescheidenheit neben staunenerregender Vollkommenheit! Welche erquickende Harmonie von Demuth und Anmuoh! Veranschaulichen wir diese Anmuth der Sprache durch Reproduktion einiger Ueber- Setzungen des Stümpers Zunzresp des Meisters Lagarde! S. 136 übersetzt Stümper Zunz: Die Augen aufzusclilagen. Gebete nevzusagen, Dürtte wagen Der an Sünden schwer? Meister Lagarde überträgt: Wie soll ich ein meine Lippen Auttlmender sein, Ein eine Bitte, die um Gnade tleht. Ausschreiender zu seil {• Lch ein Mannsen schwer von Missethat etc Wundervolles Deutsch, nicht wahr? Wie schön nehmen sich vor Allem die Partizipien aus! Alle, die diese Uebertragung lesen, werden gewiss gleich den ״arischen“ Griechen leidenschaftliche tp׳.X0|iiTcx&t (Partizipieufreunde) werden und so die Schönheit unseres geliebten Deutsch nicht wenig erhöhen. S. 137 übersetzt Stümper Zuuz: Ich flehe mit grossen ,Schmerzen Tief in meinem Herzen. Meister Lagarde überträgt: Mein Schreien schreie ich Mit einem seufzenden Herzen. ״Mein Schreien schreie ich“ welche Treue 1 Möchte doch ״Karlohen“ sich diese Treue zum Vorbilde nehmen, so oft er eine figura etymologica übersetzen soll; zu wie hoher Freude seiues Lateinlehrers würde er dann vitam jucundam vivere ein angenehmes (Quartaner-) ״Leben leben“; und sollte er noch einmal dazu kommen, Griechisch zu lernen, zu wie hoher Freude seines Grieohischlehrers würde er dann j50f(v ßoäv (in den Flegeljahren) ״ein Schreien schreien“! Von andern poetischen Meister- und Musterj leistungen des Herrn Professors seien nur nooh kurz | erwähnt: die Erde der Vergessuug zur Aufrichtung, i Sträucher zur Grossziehung, Tränkung zur Hochziehung (S. 139); Embryonenbauereien und Wohlgeruch und Arzneien (S. 141). Wir bitten Setzerund Korrektor, das sprachliche Kleinod ״Embryoncil^- bauereien“ nicht zu verunstalten, sondern es in unverminderter Schönheit der Mitwelt und der Nachwelt zu überliefern. Dies Kleinod wird gewiss nie in ״Vergessung“ gerathen. Welch ein beneidenswerthes Glüok für Herrn Lagarde! (Fortsetzung folgt.)