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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-06-09 · N° 24. (9.6.1887) · p. Seite 92

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 24. (9.6.1887)
Date
1887-06-09
Page
Seite 92 (sequence 2)
Language
German
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02 Aber die Humanität selber hat uns einen Freibriet dazu aufgestelll — wir kunuen also ruhig bei dieser Praxis bleiben. Aber wie will die Humauität den iu der Cultur des Gefühls zurückbleibenden verdammen, wenn er in Folge dieses Freibriefes der Humanität nicht nachkommen konnte? Fassen wir diese Frage etwas speziell: in Folge der Theilung der Arbeit ist die Metzgerei ein besonderes Gewerbe geworden. Es giebt also eine ganze Klasse von Menschen, deren spezieller Lebensberut in der Ausübung der ohne Zweifel rohen Praxis der Thiertötung besteht. Wie verhält sich die Humanität zu dieser Klasse Menschen? Wie steht es mit dem Postulate der Cultur des Gefühles iu Bezug auf die Metzger? Soll diese ganze Klasse preisgegebeu sein, um der »hrigeu Menschheit die Cultur de« Gefühles zu ermöglichen? Soll das Schlachtvieh gegen einen unnützen Schmerz seitens des Metzgers geschützt sein, aber das Gemüth der Metzger zum Opfer fallen, damit die übrige Menschheit nur . . . Fleisch zu essen habe? — Diese Frage kann schon nicht mehr bejaht werden, denn die Humanität kann wohl mit den Thiei en, nicht aber mit der Humanität irgend eines Menschen frei schalten. — Das ist der wichtigste Punkt in dem ganzen Thierschutz-Problem: wie werden die Menschen, Die als Beherrscher der Thier weit, vor der naheliegenden Verrohung ihres Gemüthes und ihrer Gesinnung geschützt? — Nicht um Thierschutz, handelt es sich am letzten Ende, sondern um Menschenschutz: um Schutz der Humanität in den von Verlust der Humanität bedroht en Menschen. Ob das Judenthum dieses Problem in dieser Weise ins Auge gefasst hat, kann uur nach der Natur seiner Vorschriften und Institutionen beurtheilt werden, und manche Institution des Judenthums, ganz besonders die Institution des rituellen iSchlachtens, ist vorzüglich geeignet, diesen in Rede stehenden Schutz des Menschen vor Verlust des edelsten Schatzes: der Humanität, zu gewähren. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Wissenschaft in christlicher ßeleuchtung und umgekehrt. Von Dr. G. 1 י e ut s c 11. Beim Durchlesen der Recensiouen von Wünsche’s Uebersetzung der talmudischeu Hagadah, welche Herr Dr. Jmmanuel Deutsch-Sorau kürzlich iu diesem Blatte lieferte, fiel es mir so recht wieder auf, wie liebevoll wir den Fremdlingen auf unserem Gebiete begegnen, während man umgekehrt uns mit Hass und Hohn heimzahlt. Wir entschuldigen die gröbsten sachlichen Fehler als verzeihlich, während man uns schon eine angeblich falsche Auff'asung als Verbrechen anrechnet. Ja, es gilt unter den Herren Zuuftgelehrten für ausgemacht, dass ein Jude nicht im Stande sei, die Erscheinungen des christlichen Geisteslebens zu verstehen. Geht nun erst diesen Herren etwas wider den Strich, finden sie in dem Werke eines jüdischen Gelehrten irgend eine unangenehme Wahrheit, dann ist man sofort bereit, von der ״Selbstbespiegelung und dem Sündenerkenntnissmangel, welche geradezu jüdisch-nationale Schattenseiten heissen dürfen“, zu sprechen. ״Die letzte Affaire des Professors de Lagarde hat uns ja deutlich gezeigt, mit welchem Mangel an Gerechtigkeitssinn selbst hervorragende Gelehrte uns gegenüber aufzutreten für nöthig und gerecht halten; und man wäre fast versucht zu sagen, dass eine theologische Dissertation es nothwendig verlange, dass der Autor über alle, jüdisch-wissenschaftlichen Be- Strebungen möglichst abfällig urtheilte. Ein gewisser Paul Schmidt, Pfarrer in Schönbeck, leistet eine Dissertation über den Einfluss des Neuplatonismus auf das Christenthum, worin er über alle möglichen Dinge handelt, die bekanntesten Geschichten mit rührender Breite aufwärmt, aber doch nicht vergisst, immerwährend naserümpfend über Leute abzuurtheilen, die sich mit der Reform des Judenthums abgegeben haben, und darum die Geschichte jener Zeit nicht gehörig verstanden. Selbst ein Mann von Delitzsch’ billiger Denkungsart hält es für nothwendig, in einer seiner Missionsschriften: ״Redet mit Jerusalem freundlieh“. (Schriften des Inst. judaicumNo. 11 Leipzig 1 Ss7.“) pathetisch auszurufen; ״ Hat denn die neuere jüdische Litteratur auch nur einen einzigen — den gegenwärtigen Anforderungen der Wissenschaft genügenden — Commentar über eia alttestarnentarisches Buch aufzuweisen!“ Ebenso ist es seine Methode in der Apologetik seiner christologischen Auslegungen der poetischen Bücher der Bibel seine Gegner, wie Hitzig und Ewald, verächtlich ״judaisirende Exogeten“ zu nennen. Ja es ist sehr bequem, über die in Fleisch und Blut des Christenthums übergegangene falsche Exegese von der Jungfrau, die gebären wird, mit der Bernerkung hinwegzugleiten, dass diese Worte wohl nicht dieses christliche Dogma enthalten können, dass aber erst durch Erfüllung dieser Wortaussage die wahre Erklärung eingetreten sei, dann freilich ist es bequem zu sagen: ״Geist und Wesen, Kern und Stern des alten Testamentes wollen aus dem neuen Testament gelernt sein.“ Wir aber, die vom jüdischen Standpunkte aus Unbefangenheit und besonders Zurück- Setzung aller dogmatischen Vorurlheile von der Exegese erwarten, wir müssen mit gleicher Strenge eine \ solche Christologie richten, wie die Typologie der Kirchenväter und selbst der Reformatoren, bei denen wir ja doch des Abenteuerlichen genug finden. Ich will nur erinnern, dass selbst Calvin, dem man das ernste Bestreben, dem Geiste der Schrift gerecht zu werden, nicht absprechen kanD, in seiner Erklärung zur Genesis die Erzählung, dass Abraham seinen Sohn Isak acht Tage nach dessen Geburt beschnitten habe, wie der Herr ihm befohlen, dahin deutet, dass man, gleichfalls wie der Herr befohlen, nur zwei Sakramente anerkennen dürfe und alles Uebrige unrichtig sei. Nun kann aber niemand leugnen, dass alle Leistungen moderner Schrifterklärung wesentlich auf dem beruhen, was die Arbeit der Juden im Mittelalter geschallen hat, - dass Raschi, Jbn Esra und David Kimchi noch heute die Grundlage bilden, auf denen wir unsere Kenntniss der Bibel auf bauen —; und wenn auch in späterer Zeit das Studium der heiligen Schrift durch eine unselige Einseitigkeit in der geistigen Richtung des Judenth-ums zurüokgedrängt wurde, und wenn wir auch zugeben müssen, dass dasjenige, was Moses Mendelssohn und seine Schule Neues geschaffen haben, schon von christl icher Wissenschaft beeinflusst war, so dürfen wir doch die Leistungen dieser Männer nicht ganz und gar für nichtig erklären, wir müssen endlich anerkennen, dass die Neuzeit in SamuelDavid Luzzatto einen Exegeten besass, der nach jeder Richtung hin allen wissenschaf fliehen Anforderungen gewachsen war. Wir müssen endlich noch zugebeD, dass selbst ein Mann wie M a 1 b i m trotz seiner mitunter ganz absonderlichen Anschauungen von dem Charakter der Bibel doch nach erbaulicher Richtung d. h. etwa in dieser Riehtung, die Calvin und Luther ganz besonders pflegten,

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