Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 22. (26.5.1887)
- Date
- 1887-05-26
- Page
- Seite 86 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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"Der Jahresbericht des jüdisch-theologischen Semi- Dar8 zu Breslau bringt an seiner Spitze die oben angekündigte Schrift. Schon vor zwei Jahren nahmen wir bei der Publicirnng des ersten Heftes der ״Reime und Gedichte des Abraham Jbn Esra“ Veranlassung, auf die Anlage und den bleibenden Werth der litterarischen Leistung des Herrn J)r. Rosin hinzuweisen. Nach der Intention des geehrten Hrn. Herausgebers und Uebersetzers sollen diese übersichtlich znsammengestellten, text-kritisch auf das Sorgfältigste revidirten und metrisch möglichst treu wiedergegebenen Reime und Gedichte dazu beitragen, Jbn Esra’s Wechselreiches Leben und die einzelnen Phasen und Stadien seiner Arbeiten aus des Meisters eigenen Aeusserungen bei passenden Gelegenheiten kennen zu lernen. Wir können daher nur wiederholen, was wir bei der Ankündigung des ersten Heftes bereits zu bemerken Veranlassung hatten, dass die publicirten gereimten und poetischen Piecen wirklich schätzbares biographisches, litterarisches, zeitgeschichtliches, historisches Material von fesselndem Reize bieten, so dass aus ihnen vor den Augen des aufmerksamen Lesers die originelle, hoch interessante Persönlichkeit Jbn Esra’s sich recht anschaulich abhebt. Ein unläugbarer Vorzug dieses Heftes ist es, dass es uns nicht nur Reime, sondern auch Gedichte bringt, Gedichte von kunstvollem, poetischen Gepräge, Gedichte von hohem biographischen und psychologischen Werthe, Gedichte, welche uns einen ebenso discreten wie orientirenden Blick gestatten in die Stimmungen, in die Geistes- und Gemüthsanlage des leider so oft verkannten, meist nicht zur Genüge gewürdigten Menschen, Vaters und Freundes. Dazu rechnen wir z. B, was Herr Dr Rosin unter der Rubrik ״lyrische Gedichte“ veröffentlicht. Wer die peinliche Akribie des Herrn Dr. Rosin aus eigener Beobachtung kennt, dem braucht nicht erst gesagt zu werden, dass der Erstere sowohl bei der Fixirung und Vocalisirung des Textes als auch bei der gereimten, metrischen Uebertragung desselben alle ihm zugänglichen Vorarbeiten mit minutiösester Gewissenhaftigkeit zu Rathe gezogen hat. Seine Beherrschung des Materials und seine eigene vortreffliche Combinationsgabe haben ihm in vielen zweifelhaften Fällen sehr plausibele Conjecturen eingegeben, welche sich bald aus metrischen, bald aus sprachlichen, bald aus logischen Gründen als wirkliche Emendationen des Textes darstellen. Wir verzichten darauf, auf dieselben hier des Näheren einzugehen, oder gar mit ihm im Einzelnen über seine textkritischen Vorschläge zu rechten. Zumeist tragen sie ihre Berechtigung in sich. lu der metrischen Uebertragung ist Herr Dr. Rosin bemüht, bis auf die feinsten Pointen und äusseren Nuancen das Origiual möglichst treu wiederzugeben. Wo es nur irgendwie angeht, legt er sich auch im Deutschen dieselben formalen, metrischen und rhytmischen Beschränkungen auf, wie sein Autor, der die hebräische Sprachform, wie selbst seine Gegner neidlos anerkennen müssen, mit ungewöhnlicher Leichtigkeit und Gewandtheit zu meistern verstand. Offenbar war es ihm darum zu thun, uns so das Colorit der Dichtung bis auf die detaillirtesten Züge treu und unverfälscht vorzuführen. Allein wir füichten fast, dass Herr Dr, R. hierin bisweilen zu weit gegangen ist. Mit unseru Alten sind wir versucht zurufen: כל הטוסיף נ1רע. Die Art seiner Uebertragung birgt unstreitig einen grossen Vorzug in sich; allein — nolens volens — haftet ihr auch der Fehler des Vorzuges an Mit photographischer Treue — wenn wir so sagen dürfen — lassen sich hebräische 1\in.־,״יי׳bilde nicht, in metrische deutsche Form bringen, uim ׳ irgendwie in ästhetisch kirnstlerischer Beziehung von ihrem wahren Werthe einzubüssen. Was im Hebräischen uns oft noch als kunstvoll und gelungen anheimelt, kann im Deutschen gekünstelt, manierirt, schleppend, gezwungen und gewaltsam erscheinen. In solchen Fällen ist es vielleicht ein Postulat der poetischen Gerechtigkeit, manche Beschränkung äusserlicher und formaler Natur sich j zu versagen und den Geist der Dichtung frei in einer uns j mehr anmuthenden Form wiederzugebeu. Statt aller I theoretischen Deductionen sei hier auf ein praktisches j Beispiel hingewiesen. (Schluss folgt.) Litterarische Notizen. 1. Bekannt, ist die Stelle in Pesachim, welche berichtet, dass einst die Söhne Batira’s nahe darau waren, das Pessach- Opfer am 14. Tage Nissan desshalb nicht darzubringon, weit er auf einen Sabbath fiel. Da kam endlich Hillel, beseitigte die Prohibition, und wurde deshalb zum Nassi gewählt. Bekannt ist auch die Frage, die man aufwarf, wa-um mm sich! denn nicht auf einen früheren Fall berief. Zipser urgirt (B. Ch. .Tahrg. II. 400), dass beim Einzug Josua’s der 14. Tag Nissan auf einen Sabbath fiel, weil (nach Seder Olam) der '28. Tag Nissan, an welchem •lericho eingenommen wurde, auch ein Sabbath war, warum also berief man sich nicht aut diesen Präzedenzfall? Auch die Frage ist berechtigt: was hat Hille! Grosses geleistet, dass er deshalb die Nassi-Würde erhielt?’ Mir scheint, dass da ein Nationalproblem zu lösen war, und zwar galt es einer drohenden Trennung zwischen Grundbesitzern untt Besitzlosen, zwischen Aristokratie und Demokratie. Nach Pesachim 3,2 4 schickte ein Sohn Batira’s einen Heiden nach Jerusalem, dass er von dem besten Theilo des Passah- Lammes zu essen verlange, wodurch der Heide um das Lehen kam. Die Tossafot fragen, warum denn der Sohn Batira’s nicht nach Jerusalem gegangen war, um dort das Passah-Lamm zu gemessen. Sie antworten: weil er keinen Grundbesitz hatte. Diese Scheidung zwischen Aristokratie und Demokratie beim Nationalteste des Passah War gewiss eine Nachahmung der römischen Sitte, dem iudischen Boden gehört sie nicht an. Gleichwohl zweifelte die Familie Batira, welche, wie gesagt, keinen Grundbesitz hatte, ob sie mit ihrer problematischen Verpflichtung das Passah-Opter zu bringen, den Sabbath verdrängen dürfen. Hillel bewies ihnen diese Erlaubniss. Die Kluft war ausgetüllt, die Scheidewand gestürzt, die Nation war wieder eine einige, und Hillel wurde der Mann der Nation. Krakau. Dr. M. D u s c h a k. 2. Paris. Jean Marieid hat oin Buch verlasst unter dem Titel: La France ä Madagascar; in diesem Buche widmet er ein ganze3 Kapitel den Juden, die er unter Beschreibung des Landes einladet, nach Madagascar zu kommen, um dahier ״ein Vaterland“ zu finden, eventuell das Königreich Judiia unten wiederherzustellen; er fordert die jüdischen Millionäre auf, dem Lande ihre Millionen zuzuwenden. 111 einem vorzüglich geschriebenen und sachlich gehaltenen Artikel tritt in den ״Archives“ Jsidor Loeb dem Verfassor entgegen, sagt ihm, dass die Juden nicht nöthig hätten, sich ein Vaterland zu erwerben, da sie das Land ihrer Geburt heiss und innig als ihre Heimath lieben. Auch mit den fabelhatten Reichthümern der Juden stehe es schlecht, da DÜ0/״ der Juden arm sind. Es sei jetzt eine Manie, arme Israeliten in lerne Länder zu lassen, die in der Regel hiiltlos in Paris ankommen und enttäuscht wieder in ihre Heimath zurückkehren. Wenn auch Mariold gleich Lopez-Lapuya gute Absichten hätten, so verkennen beide dennoch die Absichten und Verhältnisse der Juden. jjj Beachtungsworth für (Ic- ׳[ ni lehrte,Dozenten,Candldaten, IT: ״! Forscher der hebräische« ' | Litteratur und Verleger |ll hebräischer Werke. [800 li jjj Zur sauberen und gejj! jjl schmackvollm Herstellung ןן| Sj Ilel»riiiscl1er Werke jf s zu billigsten Preisen empfiehlt!5 |n sich die ןן| p Buchuml Kunst-Druckerei 11 ״ von . j? ifl G. Zahn & H. Baendel, n jü Kii'chliain N.-D. jjj ■I ÄS SEi Eä.־S ^־s iS --־£> -US aiSi SSf S־S?fc> Berichtigungen, lu vor. Nr. 8. >3111, (N.110 1 1) goliö.t der 3atz: ״wie ג־ברך bis כר,אב' I hinter “פפעי Z• D). — lbid. Sp. b. Z. Ut. ist hinter pia t'raus hinzuzutiigen: dass das?> von einem Antikrematist interpolirt wurde.“ — Ibid. Z. 37 st ״orthodox“ lies ״Hyperorthodox“. — Ich möchte bei dieser Gelegenheit die IIH. (lollegen bitten, sich dieser Be- Zeichnung d. griechischen Kirche ni clit zu bedienen. Diese gebraucht sio im Gegensatz zur römischen Kirche, die von ihr als pseudodox betrachtet wird. Wenn wir dies nachahmmi, den starren Stabili.smus ״orthodox“ neunon, so wären ja alle liboraten, fortschrittlichen Theologen ps״ndo- oder heterodox. Wenn wir aber!loch schon der griech. Ivircue nachsprec am. so wollen wir den »tarreu Stahili.ssmuss ,,hyperorthodox“ nennen. W. Verantwortlicher Redacteur Dr. lUlimcr, Magdeburg. Druck von D. L. Wollt, Magdeburg. Verlag von Robert F riese , Leipzig,