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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-05-19 · N° 21. (19.5.1887) · p. Seite 82

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 21. (19.5.1887)
Date
1887-05-19
Page
Seite 82 (sequence 4)
Language
German
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— 82 werden?*) Die Cremation war in Israel selten, aber durchaus nicht verpönt, und sie galt wohl als die vornehmere Art der Todtenbestattung, und darum wurde sie nur bisweilen und namentlich an königliehen Leichen vollzogen.**) (Schluss folgt.) Recer.3ionen. | (ielbliiius, Dr. S. Rabbiner zu Nordhausen. Ueber Stoffe altdeutscher Poesie. Berlin, Stuhr’sche Büchhandl. Das vorliegende Buch will den Nachweis liefern, dass vielen deutschen Sagen, namentlich der Reineke- Sage, und deutschen Märchen jüdische u. z. war talmudiscli-agadische Elemente zu Grunde liegeD, d. 11. in dem Sinne, dass die geschichtliche Entstehung der betreffenden Sagen und Märchen thatsächlich von den zur Zeit in Deutschland wohnenden Juden ausgegangen sei. Diese Hypothese, die mancher mit Kopfschütteln zu begleiten sich geneigt führen durfte, stützt sich auf gewisse, den deutschen und talmudischagadischen Sagen gemeinsame Züge. Diese Züge haben nun in der That bisweilen eine so frappante Aehnlichkeit, dass man gewisse kausale Beziehungen anzunehmen kaum sich wehren kann. So namentlich in der Sage vom Kyffhäuser, die den ersten Platz im Buche einnimmt, die Aehnlichkeit zwischen Peter Klaus, der 20 Jahre auf dem Kyffhäuser geschlafen und Choni Hamagal (Hammeaggel), der, nach der agadischen Sage, 70 Jahre vom Schlafe befallen war Die Consequenzen des langen Schlafes: als ein fremder; im Kreise der Seinigen wieder einzutreten, sind in! der Sage, wie in der Agada gleich ergreifend ausge- : führt. — Dagegen findet der Verf. Aehnlichkeiten j und gemeinsame Züge, die etwas gesucht erscheinen, i Z. B. gleich die 2. Nummer: ״Die Sage vom Tarnhäuser, der in den Hörselberg stieg, um die Wunder; der Frau Venus zu schauen. Nachdem der Ritter daselbst beseligendo Wonne genossen, zieht er nach; Rom, dem Papst Urban seine Sünde zu bekennen.; Der Träger der Tiara hält einen Stecken in der Hand! und sagt: So wenig dieser Stab grünnen könne, also wenig könne der Tannhäuser Vergebung erlangen und; selig werden. Der Tannhäuser verzweifelt und ver-! lässt die Stadt in Jammer und in Leiden. Am 3. Tage aber fängt der Stecken zu grünnen an. und der Papst Urban erblickt darin ein Zeichen, dass er dem Tannhäuser vergeben sollte. Er sendet Boten um ihn zu suchen, der Tannhäuser war aber nicht mehr zu finden. Er war in dem Berg zurückgekehrt, wo er sich noch jetzt befindet“. — Gestatte mir nun der Leser Leben diese Sage gleich folgende Agada zu setzen. ״Der Prophet Elisa hatte einen Diener Namens Gechasi. Eines Tages ging der Prophet mit ihm nach Sanem. Dort war eine Frau mit einnehmender Erscheinung. Als sie wegen ihres kranken Kindes , zu Elisa kam, warf Gechasi seine Augen auf sie. I Als ihm Elisa seinen Stab, den er in der Hand hielt, gab, um dem Kinde beizustehtn, da blieb seine Sendüng fruchtlos, wegen der Unwürdigkeit des Gechasi. Nachdem er beim syrischen Feldhauptmanu Naaman Geld und Kieider erschlichen, wurde er mit dem I Fluche des Meisters bestraft. Da verliess Gechasi I den Gott Israels, ging hin und huldigte dem Götzen i *) Aus der grossen Menge von Beispielen seien nur ±01- I gende hervorgehoben: וישר. לו und ואהבת לרעך ,וישקהו und I ואהבתם את הנר, statt aes sonst selbstverständlichen Accus. \ doch 2 הרגו לאבנר. sam. 3,30. jerem. 40,2 רקח לירמיהו. **) In einem rabbinischen Commentar, den ich jetzt leider nicht auifinden kann, fand ich die Bemerkung, dass bei der Verbrennung mancher israel. Könige auch nur desshalb viele Specereien verwendet wurden, um den unangenehmen Geruch zu verdrängen, der durch den Leichenbrand entstand. Jerobeams. Er nahm einen Magnetstein und hing ihn in die Höhe, so dass der Götze zwischen Himmel und Erde schwebte. Wie Elisa dies hörte, ging er zu Gechasi nach Damesek, um ihn zur Busse zu bewegen, aber es war fruchtlos. Gechasi blieb verstockt in seiner Sünde. Gechasi aber hat keinen Antheil am künftigen Leben.“ — Hat diese agadische Erzählung mit der Tannhäuser-Sage etwas gemein? Der Verf. — denn mit seinen Worten steht diese von ihm aus Splittern construirte Gechasi-Sage hier — sagt S. 12: ״Es ist leicht ersichtlich, dass die Tannhäuser-Sage mit der Gechasi-Sage viele gemeinsame Züge hat“. Denn ״der Götze Jerobeams ist ein Conglomerat der phönikischen Astarte, der egyptischen Jsis, und der griechischen Jo.“ ״Die Frau Venus des Hörselberges ist aber nicht die Aphrodite Anadyomene, sondern eine Mischung von Astarte, Jsis und Jo.“ Besonders sind die Merkmale der Jo und das wüthende Heer, in dessen Begleitung Frau Holle Venus durch die Luft fährt, sind eins. Die Luftfahrt ist aber auch dem Götzen der Gechasi-Sage eigen, denn Gechasi sieht seine Göttin zwischen Himmel und Erde schweben. Der Prophetendiener wurde zeitgemäss in einen Ritter verwandelt. Elisa wurde zum Papste. Der Stecken, den Elisa dem Gechasi giebt, wurde zum päpstlichen Stab, die Frau zu Sunem wurde zu einer Frau im Hörseiberge. Der Frau Sunem-Astarte steht die Frau Venus- Hulda gegenüber 2!Frau -j- Göttin). Elisa und Papst Urban wollen dem zuerst, Verstossenen nachher verzeihen. Gechasi und Tannhäuser haben beide keinen Antheil am ewigen Leben. ״Die Tannhäuser- Sage — so scbliesst Herr Dr. G.— ist daher eine Wiederspiegelung der Gechasi-Sage in modificirter Gestalt.“ ״Durch die Juden wurde sie christlichen Kreisen zugeführt, und die Kirche brachte sie nach > Deutschland“. — Ich glaube nicht, dass ein Lesery, hier Hr. Dr. G. beistimmen wird. Zwischen Gechasi und Tannhäuser mag noch so viel gemeinsam sein und doch ist die Tannhäuser-Sage nicht aus der Gechasi-Sage entstanden. Sie könnte ebensogut und mit noch bessern Gründen aus der biblischen Geschichte des Paradieses entstanden sein. Die Schlange hatte, nach dem Midrasch, auch ein Auge auf Eva geworfen: אתה בקשת להרוג את אדם ורישא את חיה (Rabba 20). Wie Frau Holle schwebt hier die verbotene Frucht in der Luft. In beiden wird der Sünder ohne Verzeihung verjagt, die verbotene Frucht wird geschildert נחמד להשכיל יומיכ ל2>ףאףן Und wie viel Aehnlichkeiten könnte man noch entdecken, wenn man man wollte? Aus dem strafenden Gotte könnte leicht der Stellvertreter Christi werden; die beseligende Wonne des Tannhäuser und der Paradies-Bewohner; die bekannte Midrasch- Sage von der Busse Adams und Tannhäuser’s u. s. w. Man sieht, dass mau nach dieser Methode, die ich wohl nicht mit Unrecht die ״pilpulistische“ nennen darf, aus Allem Alles machen kann. — Und diese Methode hat Herr Dr. Gelb haus durchgängig äugewaudt, wie ich in der Folge zeigen werde. Ich will aber gleich jetzt bemerken, dass das vorliegende Buch ein höchst interessantes ist. Die Gegenüber- Stellung der gemeinsamen Elemente der deutschen und talmudischen Sagen sind, wenn auch nioht gesohichtlich-pragmatisch, so doch völkerpsychologisoh höchst interessant und wichtig. Das Buch hat alsa immer seinen Werth, selbst wenn der Leser mir beistimmen sollte, dass die Consequenzen für die gesohichtliche Entstehung der deutschen Sagen und Märchen nicht stets berechtigt seien. Ich werde diese meine Kritik in einem besondern Artikel noch im folgenden einzeln begründen. Magdeburg. Druck vonD. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert F ries e, Leipzig

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