Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 20. (12.5.1887)
- Date
- 1887-05-12
- Page
- Seite 78 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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weitere Bemerkung angeführt. Bei den fremden Riten entstammenden Dichtungen wird der Autor genannt und auf Zunz hingewiesen. Die von Zunz nioht erwähnten Stücke werden näher beschrieben. Ein wahres Meisterstück liturgischer Forschung ist S. 20 die Abhandlung über das Targum Wajoscha. Auf den Schultern des Altmeisters Zunz stehend zeigt der Verfasser, wie man aus den angehäuften Schätzen vollwichtige und gangbare Münzen zu schlagen im Stande ist. So trocken die Materie zu sein scheint, so interessant und fesselnd wird sie, wenn man sich in sie vertieft, die kritischen Anmerkungen aber zu der Aufzählung und Beschreibung der Stücke zeigen, wie eingehend und liebevoll der Autor auch die entlegen sten Gebiete der Liturgik durchforscht und erfasst hat Einzelne Stellen, wo man über den Autor eines Stückes anderer Meinung sein könnte, sind zu j wenig belangreich, um sie hier zu nennen. Vorzügj lieh gelungen ist dem Verfasser der Ezcurs über den j Commentar des Machsor N. Durch die Vergleichung; mit ü anderen Commentarhandschriften hat er den j im Machsor N vorliegenden als eine Compilation aus! verschiedenen Pijuterklärungen erkannt. Das Haupt-! contingent a er zum Commentar im Machsor N. stellt Abraham b. Asriel aus Böhmen in seinem Arugath- Habossem. Nächst diesem zeigt sich R. Eliesar ben Natan betheiligt, Erklärungen des Josef Kara, Menachem b. Chelbo, Raschi, Kalonymos b. Juda, Kalonymos b. Schabbatai, Meschulam b. Mose, Mose b. Jtiel, Mose Hadarschan u. v. A. wurden von Schülern und Lehrern angeführt und finden sich zerstreut nioht nur im Cofnmentar des Machsor N., sondern auch vieler anderer Machsorim. Obwohl nun die klare, eingehende, übersichtliche und kritisch angelegte und durchgeführte Arbeit Ziemlich’s nioht in einem Athemzuge mit Techen’s blödem Machwerk genannt werden darf, so machen wir dooh noch gerade im Hinblick auf jenes Auftreten de Lagarde’s auf die Noth- Wendigkeit aufmerksam, die Schätze der synagogalen Poesie des .Mittelalters zu heben und zur allgemeineren Kenntniss zu bringen, so wie es in lichtvoller Weise durch Ziemlich’s Monographie geschieht. Caro-Pilsen. Münz, Dr. L. Rabbiner in Kempen (Prov. Posen). Religiöse Zeitfragen. Berlin, Verlag von M. Driesner. Aus dem Titel des vorliegenden Buches ist nicht zu erkennen, dass wir es mit einer Predigtsammlung zu thun haben. Es soheint aber dem Verfasser in erster Linie nicht darum zu thun gewesen zu sein, einige wohlgelungene Predigten durch den Druck weiteren Kreisen zugänglich zu machen; nicht als Kanzelredner will er sich uns vorstellen, nicht um die Form, sondern um den Inhalt, um die Lösung religiöser Zeitfragen, handelt es sich ihm. Die Form der Predigt wählte er offenbar nur, weil er mit seinen Ideen zunächst den engeren Kreis seiner Gemeinde bekannt machen wollte. Dass die Kanzelrede sich auch mit derartigen Stoffen beschäftigen könne, dass, wie der Verf. in der Vorrede sagt, der gottesdienstliehe Vortrag dazu benutzt werden kann, den Verstand aufzuklären, die Vernunft zu erhellen und das Reich des Gedankens zu erweitern und nioht nur auf Erweckung des Gemüthes ausgehen muss, bedarf erst keines Beweises. Wenn wir von den fünf Predigten, in denen die ״religiösen Zeitfragen“ besprochen werden, anssagen, dass wir sie mit hohem Interesse und grosser Spannung gelesen haben, so glauben wir ihnen das grösste Lob ertheilt zu haben, dass man Predigten ertheilen kann. Die Sprache ist edel und beredt, dabei einfaoh und leicht verständlich; der Gebrauch, der von Bibelstellen und Midraschim gemaoht wird, ist ein mässiger, und die Auswahl der letzteren eine glückliche. Dass die einzelnen Predigten weit über das Längenmass hinausgehen, an das die Zuhörer der Gegenwart sich gewöhnt haben, stört den Leser nicht; übrigens bildeten ja früher stundenlange Predigten die Regel. Von diesen fünf Predigten behandelt die erste die Aufgabe des Seelsorgers in der jetzigen Zeit, die zweite hat die Jugenderziehung zum Inhalte und verlangt, dass man sich nicht darauf beschränke, der Jugend religiöse Gesinnung einzupflanzen, sondern, dass man ihnen auch religiöse Ueberzeugung beibringen müsse. Die dritte beantwortet die Frage: ״Was hat in der neuen Zeit den Niedergang des religiösen Geistes bei den Juden herbeigeführt“ mit dem Hinweise auf die veränderten Cultur- und gewerbliehen Verhältnisse. Die vierte ist mehr geschiehtliehen Inhaltes, die fünfte gilt der Messiasidee. Der rothe Faden, der sich durch alle diese Predigten hindurchzieht, ist die Ansicht, dass das Judenthum eine Vernunftreligion sei, dass alle seine Lehrsätze sich mit der Vernunft beweisen lassen, und dass vorzugsweise dieser Umstand zur Befestigung der Religion im Innern und zur Anerkennung nach Aussen fuhren muss. Es ist die Ansicht, die bei den aufgeklärten Rabbinen der älteren Generationen allgemein verbreitet war, die jedoch nur cum grano salis zu verstehen ist, denn wir wissen recht wohl, dass so manche Lehrsätze der Religion sich niemals mit derselben Unumstösslichkeit wie etwa mathematische Lehrsätze beweisen lassen. Die Uebereinstimmung von Glauben und Denken im Judenthum hat nur den Sinn, dass unsere Religion nichts lehrt, was durch die Vernunft widerlegt wird, sie fordert kein blindes Glauben. Ueber einzelne Punkte und Behauptungen möchten wir mit dem Verfasser nicht streiten und können nur annehmen, dass er in seinem Wirkungskreise andere Erfahrungen gemacht hat, als wir in dem unseren. Jeder Rabbiner muss natürlich am besten wissen, wo es in seiner Gemeinde fehlt. — Ein Wort können wir jedoch nicht unwidersprochen lassen. Auf die Frage (S. 49) warum, während nooh vor einem Jahrzehnt die öffentliche Meinung zu unsern Gunsten sprach, wir jetzt die Sympathien verloren haben, antwortet er kurzweg: ״Die Schuld, die haben wir uns selbst zuzuschreiben.“ Solch ein Satz ohne Einschränkung sollte einem Redner nicht einmal im Feuer der Rede entfahren, sieht man ihn gedruckt vor sich, so erschrickt man förmlich; was sollen denn die Antisemiten sagen, wenn wir so spreohen 1 Hätte der Redner gesagt, dass wir nioht ganz ohne Schuld seien, so hätte er damit ein genügendes Zugeständniss gemacht. Der Hauptgrund des Umschwunges liegt ja doch nur in dem Neid, den der äussere Erfolg der Juden auf allen Gebieten hervorgerufen hat. Wir 80hliessen mit dem Wunsche, dass es dem \ Verfasser gelingen möge, durch sein Buch Sinn für; Cultur und Wissenschaft vereint mit Religion zu verbreiten. Bernburg. Dr. S. Flasch uer. Litterarisohe Notiz. Paris. Unter dem Vorsitze Jules Simon hielt Adolphe Frank am 13. d. M. in der nationalen Liga zur Bekämptung | des Atheismus einen Vortrag ״über die Idee Gottes in der Gei schichte der Menschheit“. Verantwortlic h er Redacteur Dr. RahmerJ Magdeburg. Druck von D. L. Woltf, Magdeburg. Verlag von Robert Friese,L01p