Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 7. (10.2.1887)
- Date
- 1887-02-10
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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semitismus französisch geworden. Man bildete sich ein, in der antisemitischen Bewegung eine pathologische Erscheinung des europäischen Ostens zu erblickeu und siehe da! sogar in dem republikanischen Westen spuckt das antisemitische Gespenst. Drumont und Stöcker reichen sich über die Ardeunen und Vogesen hinüber die Bruderhand zur Judenhetze. Drumont’s in Gift und Galle getauchte Feder führen legitimistische Aspirationen und feudi -nltramontan-clericale Tendenzen. Um eine Parforce-Jagd auf best gehasste Menschenklassen im Grossen zu Stande zu bringen, wird für den infamen Semitismus eine absonderliche Propaganda gemacht. Alle Personen, Elemente, Institutionen, welche den royalistisch-legitimistisch-clerical-feudalen Heissspornen ä la Drumont missliebig erscheinen, werden saus gene et avec phrase als semitisch gebrandmarkt. Das herrschende Regiernngssystem. Waddiugton, Jules Favre, Gambetta u. s. w., sie werden alle in einen i Topf geworfen und als Semiten stigmatisirt. Reynaud folgt seinem Gegner Schritt für Schritt und, ob wir auch manche Piecen seiner hoch interessanten Schrift als hors d’oeuvre kennzeichnen müssen, versetzt er ihm doch an vielen passenden Stellen so wuchtige Hiebe, dass der philosemitische Leser den Eindruck empfängt, Drumont sei nach dem ‘1. oder I. Waffeugange ein lodter Mann. Bei den übrigen Evolutionen vermag daher Reynaud — wenn wir so sagen dürfen — nur j einen Todten zu köpfen.! Den ganzen Drumont vermag man auf die Dauer; nicht ernst oder gar tragisch zu nehmen. Sein Machwerk ist. gerichtet durch Moutnigne’s schönes Wort, weiches Reynaud's Schrift als Motto an ihrer Spitze; tragt: ״(;’ est niettre >es emjjeettvr)־s ä bien haut prix ' que dVu faire cuire un honune tout. vif.“ Drumont passt — das gclji mit Evidenz aus Reynaud'.' Schrift! hervor— zum faualisirt■mlen Hetzapostel, der conrineis-faut Meusclienklassen und Menocheuraceu gegen einander wüthen lässt. Seine monströsen Ungeheuerlichkeiten sind genährt au der Ammenhrust der Un wissenheit, der Arroganz, der Verlogenheit. Tout comuie chez nous. Als scliliesslicher Ell'ect stellt sioh bei j jedem unbefangenen Leser der Fluch uer Lächerlichj keit. heraus.. Bei dem geistlosen Ragout, das Drumont i uns in seiuer Schand- und Schundschrift: La Frauce! juive vorsetzf, fallen uns unwillkürlich Heiue’s beisseude Stachelreime aus seinem Gedichte Kobes 1. ein: ״Er schwätzt uud flennt und flennt und schwätzt, ״Worte mit hingen Ohren! ״Eine schwangere Kran, die ihn reden gehört. ״llat. einen Esel geboren.“ Diese literarischen Nichtigkeiten Drumom's blossgelegt zu haben, ist, das unläugbar hohe Verdienst Reynaud’s welcher ganz unparteiisch weder den Serniten zu Lh-b noch den Juden zu Leid, sondern ausschliesslich, um der objeetiven Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, seine Schrift abgefasst, hat. Dass Reyi.aua’s Ausführungen den Nagel auf deu Kopf getroöeii, beweist die Anerkennung seiuer Gegner. Mit. vielem Geräusche machen die französischen Antisemiteil das treilich längst verbrauchte Argument geltend, der Vertheidiger der Semiten, Reynaud, sei durch das Geld der Jaden erkauft, uud bestochen. Auch deutsche Leser, die zugleich Freunde der Wahrheit sind, werden mit grösster Befriedigung sich in Reynaud's überaus anregendes Buch vertiefen. Solirau O/S. Dr. Immanuel Deutsch. Litterari sehe Notizen. 1. Oh R. Chama b. Tobiah (Sv uh. hüb) identisch ist mit R. Chama Ibb, ist, für meine Auffassung ziemlich gleichgiltig, und wenn ich ihn einen Unwissenden in rabbinicis nannte, so meinte Verantwortlicher Redacteur Dr. Rah mer, Magdeburg. Druck von ich dies nicht nach me ine r Ansicht und l'eborzeuguug, sondern . im 8i11ne der Oemara: wie kann man von einem Rabbi weg-; wertender sprechen, als wenu man ihn einen ®B'ü, einen Idio- ‘ ten nennt?! Und wäre er identisch mit R. Chama b. Tobiah — das Gegentheil ist mir bei der Unsicherheit der diesbezüg- 1 liehen Tradition*, gar nicht erwiesen, und wie in nesern Tal- 1 mudausgahen, wird ihm auch von Seherira der Titel Rabbi beigelegt,**) — so wäre er für mich nnr eine desto höhere Autorität dadurch, dass er unbeiiTi von willkürlichen Interpretationen und imitioiieller. Deuteleien dem nüchternen exegetischen Gewissen Kechnumr trägt פשישו ,TO אין המקרא "יצא• und wie 1 er dort bei der Verbrennung der l’nestertochter an dem "Worte der Schritt *מאש השרף nicht )leutein uud ändern lässt, so ist sein Schweigen auf die!•'rage התורה מי״ן JO קבורה sein• hereilt: er, sein exegetisches Gewissen, sträubt sich dagegen, die רבר des תקברני >'s Beweis anzuführen. ))der auch das לא i משמע ליה Wäre nach R. Hai nicht wie hei Raschi auf!Schaber j (לגוי), sondern auf ii. Chama /.u beziehen. U. Chama war sich bewusst, )lass Herz und Geist, Verstand und Humanität — die sind eben die höchste תורה gebieten uns die Bestattung, sei es Beerdigung oder eine andere Bestattungsweise und zwar für jeden Todten ohne Unterschied, aber die geschriebene תורה handelt von )•inen ganz anderen Ko 11 einem •lustiticirten, und beabsichtigt mit ihren intensiven קבר תקברנו nur die Un- Sichtbarmachung des Hingerichteten noch au demselben Tage. -. 111)1 nun löse ich auch mein Versprochen. die die Besitzer des Landaüschen Aruch. such solche, die ihn nicht hesitzen, gewiss s׳»hr interessiren wird, die Rec.tificirung der Aruolistolle s. v. ארגו. ■Sie lautet wörtlich: 1רב האי גאון היה שונה ארוג ופי׳ ר חמא סבר כי לך למצוד, נאמר דבר זה שלא ללשוח ההרוג ארגז לראי ולא קבלי פי׳ ארגז כמו כסוי שמכסק אותו אבל •יפר אי־ במקרא זה• Das ist ganz unverstündlich, und es kann gar nicht zweifelhaft sein, dass die Lesart sehr corrumpirt ist. Durch die Güte unseres geehrten College», Rabbiner Dr. Koseuthal-Beuthen, erhielt ich die in der Koliufsehen Ausgabe nach oinigen Handschriften corrigirte Lesart, wie sic bereits in der ott allegirlen No. •14 der ״Jüdischeu Presse“ 1 >“•'>"> abgedruckt worden und also lautet: .... פי׳ ר׳ חמא סבר כי דא נאמר דבר זה א ל א ללשות לל ההרוג סימן ארוג לראי ולא קבל• יפי׳ ארגז במו בסי* שמכמין 1 .אותו •בי׳ >ic eigentliche uud unzweifelhaftere Oprrectur in. der \ erbesserten Ausgabe besteht in dem Worte אלא anstatt | לא• und in;״" יילשות על ההרוstatt ללשות ההרוג• ich halt« es noch Inr höchst, unwahrscheinlich, dass anstatt *O'D, das keinen Sinn giebt und Rahh. Dr. Hildesheimer zu einer gezwungenen und )loch nicht befriedigenden Lösung veranlasst, במין zu lesen ist. •letzt ist der früher so dunkle, un verstandliehe Sinn ganz klar und deutlich. K. Hai Gaon liest nicht ארגו. welches Aruch statt des talnnulisehen ארין wählte, sondern אר1ג und erklärt unsere so oft ve.ntilirte Stelle, dass nicht bloss Schaber, sondern auch K. Chama selber dafür hielt, dass dieses Wort דבר זה, näinlh li לבור und die רבד תקברני, wenn aus der Thora )las Hebet der Beerdigung nachte wiesen sein soll, nur לא אלא das Gebot enthält über )len Hingerichteten צל ההרוג• irgend eine Art (למק) Beliiiltniss, wie stchs gerade trifft. (לראי) airzufertigen. aber nicht ein beständiges Behältnis« קבע־• dass man ihn etwa iustlrah legen müsste. 1אר1ג so führt dann die Erklärung fort, ist ganz dasselbe wie ארגז, nämlich irgend etwas, womit man die Leiche bedeckt***), ahei von Erde; ״ von Beerdigung sei in diesem Verse לא תלל . ... כי קבר תקברנו nicht die Rede ,1 .אבל לפך אין במקרא זד>a wäre also zur Abwehr des Verbotes der Beerdigung, von der Srhabor bekehrt werden sollte, der vermeintlich so ernste, feierliche Beweis nicht nur von Schaber nicht acceptirt, sondern nach dem Gaon R. Uni auch von dem Resch Methibtba desavouirt worden, auch diesem galt קבירה nur als ימנהנא בללמא als (•ine blosse, aber doch in Israel schon von der Patriarchenzeit her bestehende heilige Sitte. Wiener. *1 Wird doch in den. Agadahwerk ל,? 'לקב der von R• Acha so injuriitc Rabbi nicht Chaiua, sondern Ohisda genannt. **) Ebenso kommt שמלק ב׳ לזאי bald mit, bald ohne Titel רב vor. Wenn der Mann ein Todesurtheil vollzog, muss er doch itgend eine Autorität, Vorsitzender eines Gerichtshofes, gewesen sein; fehlt der Titel, nun da bleibt das גדול מרבן שמו. v iellcieht aber ist die Weglassung des Titels in so fern eine teudeutiüse, dass Raseüi und Nimuke •fosoph de» Mann desshalh herahsetzen wollteu — בדורות אחרונים היה — weil er ihm nicht pharisäisch genug, sondern sadducaisch angehaucht erschien, da er sielt immer au den Wortlaut der Thora hielt. ***) Rabh. Dr. Hildesheimer glaubt in den verschiedenen Bezeichnungen ארגז und ארזג eine verschiedene Art derBedeckung der Leiche angedeutet, was durchaus nicht der Fall ist, sondern die Worte besagen eben, dass in der Transposition der Buchstaben kein Unterschied in der Art dor Bedeckung כסר zu suchen sei. D. L. Wolff, Magdeburg. "Verlag von Robert Fries e , Leipzig.