Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 7. (10.2.1887)
- Date
- 1887-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M Jüdisches Jahrg. XVI. Litteratur-Blatt. lar Btleirhtnii aller JalenthaM •04 Jade* betreffend** )ltterarleehea Kr* Mhaiaaiftea auf dem Oabiet« der Philo* •opkit, flenrhjrhte, Ktbaographle, Theo• logle, Orleatalla, Gxegtae, HonMettk. tttanrik, Pidagogik. Herausgegebeu ▼on Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. €JR.a^3e6vit^, 10. aFeßt׳v*a1; 1887, Blchftr der «i11ch|j|t|n I.lttprat11r,welrl1• der Rsdaet <!■> *uttcuadt werden, Anden In dleaem Hielte eingehende Beepreehun« Bel Blnaendung ron iwet Rereneian«• Exemplaren erfolgt einmalige karre (Irntla-Inatrtlen. Das ״JBäische LIUeraturBlatÖ‘ erscheint wöchentlich iu eiuem halhen Bogen Preis hei allen Buchhandlungen (in Leipzig hei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark. 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Die symbolische Handlung der Beerdigung, heisst es im Talmud, wird nur an denjenigen vollzogen, die sich im Leben wirklich ihrer ״Niedrigkeit“ bewusst waren; die Frevler (רשעים) aber, die in der Sterbestunde, im Angesichte des Todes, nachdem sich die Grabes-Pforten bereits geöffnet, noch immer in ihrem Trotze verharren*), noch immer störrig, hartnackig sind und sich vor Gott nicht bücken noch beugen wollen, an denen soll der sühnende Akt der Beerdigung nicht vollzogen werden, ״ לא יקברוdiese sollen nicht ״begraben“ werden“. (Jerem. 8.2.)**) Und mit Recht sagt der Talmud von dem Abtrünnigen der da sprioht, ״ — לא בעינא דלקברוניich will nicht dieses Symbol der Menschenerniedrigung an mir vollzogen haben, ich will nicht in jüdischer Weise begraben, sondern in heidnischer, ״vornehmer“, mens oben würdiger e r Weise bestattet, sei es von Vögeln gefressen, sei es verbrannt, nur nicht ״beerdigt“ werden“, mit Recht, sagen wir, ruft der Talmud ▼on diesem die jüdische Sitte sohmähenden und verwerfenden Abtrünnigen הא אמר לא ״ בעינא כפרהer sagt doch ausdrücklich, er will und mag das Symbol jüdischer Demuth, er will und mag das jüd. ״Sühne-Mittel“ der ״Beerdigung“-nicht ואי נמי קכרי ליה לא מתכפר! Also nicht, wie Herr Dr. Wiener vermuthet, dass es etwa ein physischer Schmerz des todten Körpers ist, etwa״Grabesweh“ oder ״Fegefeuer“, was die ״Sühne“ herbeifiihrt — daran denkt kein Israelit, — sondern der vernichtende Schmerz, den Menschen, den wir vor Tagen, Stunden noch herrschen, regieren gesellen, jetzt in die finsteren Tiefen der Erde werfen, stürzen zu müssen, (8. Rasch! z. st.). שאף על פתח קכרם לא היו חוורין c *0 האי דצדיק הוא דתיהוי ליה כפרה, הנך לא להד להו א .כפרה. Rabbinowitsch דקדוקי סופרים. Heine Handschrift hat nach diesen Worten שמע מינה. Die Frage ob ,כפרד oder בדונא ist also im Sinne für כפרה entschieden. So schreibt a״ch r. chananei: וסוניא שלקא דטשום כפרה dieser Jammer weokt Demuth und Frömmigkeit in uds, wie in der unsterblichen Seele des Todten, und diese Demuth und Selbsterkenntnis« gereicht uns und den Todten zur ״Sühne“. Wie Versöhnuugstag, Leideustag und Sterbetag die Seele des Menschen duroh Demuth reinigen und läutern, so wirkt auch die ״Beerdigung“, der Aublick des offenen Grabes reiuigend und läuternd auf den Menschen, und gereicht ihm zur ״Sühne“. In diesem Sinne und Geiste sagt der tromme König: ״Vor ihm knieen Alle, die iu den Staub sinken“ (Psalm 30.״). In diesem Sinne und Geiste lehrt Akabjah beu Mehallel (Aboth 111,1.1: ״Denke au drei Dinge, und du wir-t nie sündigen, denke, du gehst einst ״an einen Ort, wo es nur Staub uud Maden und Würmer giebt“ — und dein Herz füllet sich mit Demuth und Bescheidenheit.“ *) Es ist also offenbar kein Widerspruch vorhanden zwischen der Stelle iu Joma 80 a .מיתה ממדקר und der iu Synhedrin 40 b קבורה משיב כפרה; im Gegentheil, sie sagen eines und dasselbe, ״Demuth sühnt die Sünden der Menschen“: es sind zwei Hälften, die einander ergänzen. Bedürfen wir zu dieser auf den Grundvesten der Vernunft und der Ethik ruhenden Wahrheit erst der Hilfe und Stütze der Kabbaiah;? Ist die Theorie קבירה משים כפרה nicht rationell, einleuchtend, einfach, natürlich und unumstösslich wahr? In der That, wo giebt es etwas, das so erschütternd, ergreifend, niederschmetternd, demffthigend auf den Menschen wirkt, wie der Akt der Beerdigung? Wen überläuft’s nicht eiskalt, wem fahrt’s nicht durch Mark und Bein, wenn mau auch nur von der Ferne hört ״Chibbut Hakeber“, das donnerähniiehe Rollen, wenn der Sarg mit jenem dumpfen unheimliehen Getöse in die Gruft, in die Tiefen hiuabfährt? Welcher Gottesdienst, welche religiöse Handlung kann sich an Wirksamkeit und tiefen Eindruck messen oder auch nur vergleichen mit der Beerdigung?! Wir können uns eine Gemeinde denken, die nach eiuem Gottesdienst, nach einer Predigt, ja nach einem Jom Kippur lustig und guter Dinge, zuweilen vielleicht ohne jede sittliche Besserung das Gotteshaus verlässt; wir können uns aber keinen Menschen denken, der nach einer Beerdigung nicht zerknirsoht, voll Deznuth und Selbsterkenntnis im Herzen die Stätte der Gräber, den ״Friedhof‘, verliesse! *) Demselben, von der Ethik des .)udeuthuin« dictirteu Gedanken, gebon R. Jos. Schoscban und R. Lipm. Heller Ausdruck, indem sie das Wort der Mischnab (Aboth 2.7) מרכה בשר מרבה רמה erklären .. . ״Der Mensch bedenke schmerzerfüllt, dass sein Ende doch Maden und Würmer sind, und wende daher mehr Sorgfalt dem geistigen, als dem physischen Lobon zu“. — —