Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 51. (16.12.1886)
- Date
- 1886-12-16
- Page
- Seite 200 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 200 — schränkt mit Ansschluss der ethisch gleichgültigen Lust, so wird auch diese Idee synonym mit dem Ganzen der Sittlichkeit, und nicht viel anders steht es mit der Idee der Vereinigung; es bleibt also genau genommen nur die Idee des Rechts allein übrig. Aber die praktische Philosophie ist mehr als eine Philosophie des Rechts. — Alles dies ist aber die nothwendige Folge des rigoristischen Bestrebens, die ethischen Gefühle als solch• zu objectiviren, und dadurch die Kluft zu überbrücken, weiche den Reaiismus und Idealismus trennt. Für mich ist dies nur ein Beweis, dass auf diesem Wege die Kluft nicht zu überbrücken ist, dass diese Brücke vielmehr nur zu schlagen ist, wenn man auihört, das Psychische einseitig blos nach den Gesetzen des Physischen zu oonstruiren, sondern auch nach der andern Seite sich das Sein an sich der Dinge nach dem Sein an sich des Physischen analog der Leibnitz’schen Monadenlehre nach dem Vorgänge Schopenhauers lind Beneke’s zu construiren. Das innere Sein ist un8 viel klarer als das äussere, seit der Herbart- 1 Beneke’schen Reform der Psychologie; das innere Sein der Seele wird mit absoluter Erkenntniss in der Identität des Seins und des Denkens erkannt, und von da müssen wir ausgehen, um in das Wesen der Dinge an sich so weit als der Schluss der Analogie in Uebereinstimmung mit der realen, mechanistischen Naturerkenntniss es gestattet. Nicht blos von der Physiologie zur Psychologie, sondern auch von der Psychologie zur Physiologie und von dieser zur — Chemie herab muss der Weg gebahnt werden: Wundt’s ״Physiologische Psychologie“ muss durch eine ״Psychologische Physiologie“ ergänzt werden; dann wird das Problem gelöst sein: Mechanismus und Idealismus versöhnt, oder . . identificirt zu sehen. Dem Materialismus ist nur beizukommen durch Auffassung des inneren Wesens der Materie nach Analogie des Psychischen, von welchem uns allein eine Erkenntniss des Dinges an sich und überhaupt eine tiefe und kolossal ausgedehnte Erkenntniss möglich ist, während uns das Materielle niemals an sich, sondern immer nur in seinen Wirkungen, u. z. nur insofern solche auf unsere Sinne erfolgen könne, also in verhältnissmässig höcht geringfügiger Dimension. Früher oder später, aber mit Nothwendigkeit, wird die Wissenschart doch endlich das 8elbstve18tändliche Princip acceptiren und cultiviren, das Unbekannte und Unerkennbare nach Analogie des Bekannten und vorzüglich Erkennbaren, den Theil nach dem Ganzen — denn alle unsere Erkenntniss des Materiellen ist nur Erkenntniss der Wirkungen desselben auf unsere Seele, also nur ein Theil des Ganzen psychischen Lebens — zu demonstriren, und nicht umgekehrt. Dann werden auch keine besonderen Veranstaltungen nöthig sein, um den Idea- Iismus gegen den Mechanismus zu vertheidigen. Die Erkenntniss des Seelenlebens auf breitester empirischer Grundlage und metaphysiche Construktion der psychischen Substanz und der Gesetze derselben nach Massgabe der empirischen Basis, und Fortschreiten von dieser an sioh und absolut in der Identität des Subjects und Objeots gegebenen Erkenntniss zu der nur als relativ als Object gegebenen E׳ kenntniss zur Beleuchtung der letztem nach der erstem-das ist die sicherste Gewähr dafür, dass die Bäume der mechanistischen Weltauffassung nicht in den Bimmel wachsen. —• Uud dass die Wissenschaft endlich diesen Weg einschlagen wird — wer hat dafür mehr vorgearbeitet, als gerade Prof. Steinthal und Prof. Lazarus durch ihre ausgebreiteten Forschungen und geradezu klassiscben Arbeiten auf dem Gebiete des Seelenlebens? Wenn neben der immensen Litteratur der mechanistisohen Naturwissenschaft uns alle Werke des Idealismus durch einen unglücklichen Zufall verloren gingen und eine gütige Vorsehung uus nichts weiter von allen idealen Producten der Menschheit übrig liesse, als-Steinthals ״Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft“ und Lazarus ״Leben der Seele“: der Genius der Gesohichte würde läohelnd auf diese beiden Werke hinblioken und dem Niagara- Tumult des Mechanisten zurufen: Tobt nur immer weiter, Ihr beruhigt Euch dooh endlich zum Strom idealistischer Wahrheit! (Schluss folgt.) Schönfeld, Ad. Drei Chanukkah-Lieder, der israelitischen Jugend gewidmet. Posen, Selbstverlag. An Ueberproduktion von religiösen Gesängen für die israelitische Volksschule, resp. Religionsschule haben wir, wie dies für Synagogenchöre der Fall ist, gewiss nicht zu leiden. Deshalb ist es recht dankenswerth, wenn der Componist auch einmal an die kleinen jüdischen Schüler gedacht hat. Es ist ja eine erfreuliehe Thatsache, dass die Feier des Chanukkahfestes von Jahr zu Jahr in den jüdischen Gemeinden immer mehr an Ausdehnung gewinnt. Das erste dieser drei Lieder ist unsere bekannte Chanukkahmelodie mit dem Texte ״Moauss zur j’schuossi“, alle sechs Strophen durchgeführt, in zweistimmigem Satze. Diese Durchführung ziehe ich nicht nur der Rhythmik der hebräisehen Poesie wegen, sondern auch der Bequemlichkeit für die Hand der Kinder halber, vor. Hervorheben will ich, dass der Componist, bei der Textunterlage der Aooentuation ihr Recht gelassen. — Das zweite Lied betitelt sich ״Nationalgesang zur Erinnerung an die Siege der Makkabäer.“ Es ist dieselbe Melodie, aber dreistimmig gestetzt. Der Text ist von Professor M. Stössel. Auch hier ist die Stimmführung fliessend. — Das dritte Lied, ״Chanukkah-Lichtel“, Gedioht vou Kulke, zweistimmig, in F-dur Andante 8/8, ist eigene Composition und durchaus ausprechend. Aber nur die älteren, fortgeschritteneren Schüler werden es verwenden können, schon des Stimmenumfanges wegen. Der Mittelsatz, Moderato 9/4 in D-moll beginnend, bietet als Solo die nöthige Abwechselung. Er schliesst mit da capo al fine. — Diese drei Lieder sind jedenfalls eine interessante Gabe für das Chanukkahfest. Mögen sie auch von unseren lieben Kleinen oft gesungen werden. Wir können unsere Besprechung nur mit dem Wunsche schliessen, dass der Componist, der uns schon lange aus seinen Gesäugen für den Gottesdienst in den Ehrlich’schen Sammlungen bekannt war und mehr als gewöhnliches Interesse abgenöthigt hat, noch öfter die 41׳ Jugend mit seinen Geistesprodukton erfreuen möge. Essen. Siegfried Graf. Liitterarische Notizen. 1. Die epigraphische Notiz des Herrn Cohen-Rees in voriger Nummer des Litteraturbl. bedarf einer Berichtigung, denn nach der mir vorliegenden Biographie Heine’s (von Gustav Karpeles?) als 13. Band der neuesten Ausgabe (Hoffmann & Campe) beigegeben, iat Heine’s Grossmutter nicht Gattin des Doktors Gottschalk de Geldern, sondern des Hoffaktors Lazarus von Geldern gewesen, als dessen Tochter Peira v. G, Heine’s Mutter (später Betty genannt) am 21. November 1771 in Düsseldorf geboren wurde. — Die Familie von Geldern, deren Stammvater Jsaak v. G., war um das Jahr 1700 aus Holland in Deutschland eingewandert. Erst in Deutschland scheint das ״van“ in ״von“ umgewandelt zu sein, denn es wird zuerst in einem Aktenstück erwähnt, welches für die Bedeutung der Familie sehr charakteristisch war. In demselben nennt der Kurfürst Carl Philipp im Jahre 1727 den Sohn Jsaak's, Lazarus v. G., zu seinem Hofläktor. Welche Angaben sind nun die richtigsten? Lehrer Kaufmann in Essen. Verantwortlicher RedacleurDr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Fr iese, Leipzig.