Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 50. (9.12.1886)
- Date
- 1886-12-09
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Allgemeine Ethik von Dr. H. Steinthal, ausserordentlicher Professor für allgemeine Sprachwissenschaft etc. Berlin. Georg Reimer 1885. (Forts) Kein Sittengebot befiehlt also, sagt Prof. Steintbal, jemanden durch Wohlthaten zu eitreuen. Aber ״da die Vernunft Gesundheit für sich braucht, 80 muss sie auch dafür sorgen, dass Freude herrsche als Erfolg der Gesundheit des Leibes und der Seele etc... Darum ist es sitttlich, das Wohlbefinden des Andern zu fördern, sein Uebelbefinden aufzuheben.“ Ich gestehe, dass mir das ganz unverständlich ist. Was liegt am Symptom der Gesundheit, wenn nur die Gesundheit vorhanden ist? Gutes, frisches Aussehen ist Symptom leiblicher Gesundheit: wird man neben den hygienischen Anforderungen zur Erhaltung der Gesundheit noch Massnahmen zur Erbaltung des frischen Aussehens treffen? Gewiss nicht. Höchstens der Eitle, der sein wahres Aussehen verfälschen will. So wenig aber kann, wenn die Freude nur als Sy m ptom der sittlichen Gesundheit Bedeutung hat, die Sorgfalt für diese Symptome berechtigt sein; dann würde Erregung fremder Freude und Beseitigung fremden Scherzes doch nur Verfälschung der Symptome sein, was doch gewiss gar nicht erwünscht sein kann. — Der ethische Rigorismus des Herrn Professor Steiuthal ist eben eonsequent; Steinthal hat den Mutb, das letzte Wort auszuspreehen, das logisch aus der von Kant ausgegangenen unerbittlichen Strenge gegen allen Eudämonismus in der Ethik folgt. Wenn die Lust kein ethisches Princip ist, dann gilt dies nicht bloss von der eigenen, sondern auch von der fremden Lust. — Aber was hilft es? Steinthal kommt eben so wenig ohne ein Lustprincip, wie irgend ein Ethiker aus. Hören wir ihn selbst: ״Und fragst du nun wirklich nach der ewigen und unverbrüchlichen Verbindlicbkeit, die den ethischen Ideen zukommt? Hat jemand Lust, unwürdig zu sein vor sich selbst und vor den Mitmenschen verurtheilt, verdammt zu sein? Wir könnten ihn nicht hindern . . . Gefällt dir der Glanz der Ideen? ... So nimm Theil daran! Ein anderer Grund der Verbindlichkeit des Sittlichen als deine Wahl, deine formelle Lust, ist undenkbar.“ |S. 417) — ״Lust“ — wie kann nach Steinthals Rigorismus die Lust als das ethische Princip aufgestellt werden? — Freilich hat Herr Prof. Steinthal die ״formale Lust“ über die Sphäre der subjectiven pathologischen Gefühle erhoben; er hat die ethischen und ästhetischen Gefühle zur Höhe der Objectivität erhoben. ״Dieser Gegenstand ist schön, dieser Gegenstand ist gut“, soll ebenso etwas Objectives vom Gegenstände aussagen, wie: ״dieses Thier ist schwarz“ etc. (S. 50). Was hilft aber das? Lust ist Lust! — Aber zugegeben, die ״objective, formale, ideale“ Lust sei nicht egoistisch, sondern geeignet zu ethischen und ästhetischen Principier, so treten ja aber die bekannten Schwierigkeilen für Ethik und Aesthetik um so mehr hervor: Warum so viele Abweichungen von der ethischen Norm, warum de gustibus non est disputandum, (worauf schon Kant in seiner Kritik der Urtheilskraft hinweist) wenn die ästhetischen und ethischen Gefühle ebenso objectiv sind, wie die sinnlichen Empfindüngen? Warum ist bei dieser Krankheit, z. B. Farbenblindheit, nur seltene Ausnahme, und die Tugend, wie die Schönheit, nur Ideale, denen im Leben nie etwas adäquat ist? — Zweitens aber: was hilft uns alles Gefühl, es sei immer von der höchsten Objectivität, wo es sich nicht um ein Urtheil a ist ■=> br sondern um das ethische Urtheil a soll b sein, handelt? Das ästhetische Gefühl sagt uns, wie die Dinge sind, schön oder hässlich — das kann uns genügen. Das ethische Gefühl sagt uns, wie ein Ding, der Wille, ist, gut oder schlecht: das hilft uns gar nichts! denn das Problem, das hier zu lösen ist, das ist die Brücke, die vom Sein zum Sollen führt. Das hat ja gerade Meister Herbart, wie vor ihm keiner klar gemacht. Zu jedem ״Sollen“ gehören 2 Willen, der eine als Gesetzgeber, der andere als der Gehörchende. Keine Einsicht, nur ein Wille kann das Soll aussprechen: was hilft uns also die Objectivität der formalen Gefühle zur Basirung des ethischen Imperativs: ״Du sollst“? — Herbart hat ja glücklich diese Klippe umschifft, und er ist in der bisherigen Geschichte der Philosophie der einzige, dem dies gelungen. Er kennt, nicht wie Prof. Steinthal, neben den ästhetischen keine besondern ethischen i Gefühle und Urtheile, sondern einzig und allein ästhe- , tische. Zu ethischen Gefühlen und Urtheilen werden | die ästhetischen erst, wenn der Wille entstanden ist, I niemals mehr etwas zu wollen, was mit den ethischen Ideen der innern Freiheit, der Vollkommenheit, des Wohlwollens, des Rechts und der Billigkeit nicht übereinstimmt. Dieser Wille ist für alle zukünftigen Willeusregungen der gesetzgebrische, und durch diesen Willen eetsteht das: du sollst! Professor Steinthai nimmt aber ursprüngliche ethische Gefühle neben den ästhetischen an, auf welchen erstere, die Ethik, beruht: da fehlt aber eben das eigentliche Element der Ethik, das ״du sollst“! — (Schluss folgt.) Literarische Notizen. Epigrapkisclie Notiz. Im ״Beitrage zur Geschichte des Niederrheins“ Bd. I., Düsseldorf 18Mb, verötfentlicht Herr Ribbiner Dr. AVedell Heinrich He ine’s Stammbaum miitterlicherseits nach Angaben des jungst in Siegburg verstorbenen Gemeindevorstehers Samuel Bürger “)'ן׳, der als Sohn eines Vetters von II. Heine den Stammbaum desselben bis in’s 9. Geschlecht hinauf nachweist, der in seinen Einzelheiten mit dem Memoriale der Düsseldorfer Synagogen-Gemeinde auch übereinstimmt. Veranlassung zu dieser interessanten Arbeit gab der im .Jahre 1884 auf dem alten jüdischee Friedhöfe zu Düsseldorf ca. 10 Meter tief neben andern aufgefundene Grabstein der Grossmutter H. Heine’s, Nameus Sara Bock!Cohen), Tochter des David Bock aus Siegburg und Gattin des Arztes Dr. Gottschalk de Geldern, welche, nachdem sie am Sabbat gestorben, am folgenden Sonntag, 15. Tebet 55:19 (3. Januar 1779) beerdigt wurde. Von der in Photographiedruck beigegebenen Inschrift des Denkmals sind leider die 2 vorletzten Zeilen nicht zu ent- Ziffern, weil einige Buchstaben zum Theil fehlen. Eines andern gleichzeitig aufgetundenen Grabsteines der Gattin des Rabbiner Brandes, frühem Oberrabbiners von Jülich und Berg, wird ebenfalls Erwähnung getlian und sprich! Herr Dr. WedeH mit Recht sein Befremden darüber aus, wie diese und andere dort noch aufgetundene Grabsteine und Gräber bei der Ueberführung der Reste der Beerdigten nach dem neuen Friedhofe haben zurückbleiben können. Cohen-Rees a. Rhein. 2. Exegetische Notiz. In dom Verse 2. B. M. 44,11: המבלי אין קברים כמצרים wird der Sarkasmus noch spitzer, wenn man an den ausserordentlichen Gräbercultua (Pyramiden etc.) in Egypten denkt. Erklärung. Die Unterzeichnete Redactioo erklärt — mit Bezug auf eine von Professor de I.agarde veröffentlichte Verinutbung —, dass der in Nr. 24 d. Bl. (juhrg. 1885) erschienene Artikel: ״Ans der Schule de l.agardeV‘ T/der von Frankl, Bacher, Rahiner, noch Uberhanpt von einem Verfasser, dessen Namen aus secliH Buchstaben besteht, herriikrt. Die Kedaetion den ״Jiid. UtteratnrblattM‘*. Briefkasten. Herr Rabb. Dr. W ien er-Oppeln theilt mit, dass er nach dem (in nächster Nummer abschliessenden) K o 11 n ’sehen Artikel erwidern werde. Verantwortlicher Redaeteur Dr. Rahiner, Magdeburg. Druck von D. L. Wo 1 ff, Magdeburg. Verlag von Robert Fr ie8e, Leipzig