Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 48. (25.11.1886)
- Date
- 1886-11-25
- Page
- Seite 188 (sequence 4)
- Language
- German
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— 188 - schaftlichen Interessen Steiuthal’s in Verbindung mit den spezifisch psychologischen Interessen des Prof. Lazarus eine neue Disciplin: Völkerpsychologie, erblühen liess. Die Seele in den allgemeinen Gesetzen ihres Seins, in ihrer Besouderung als Denken und in ihrer Erscheinung als Sprache hat in den bisherigen Steinthal’sohen Forschungen die wichtigste Beleuchtung gewonnen; nun ist es die Seele in ihrer Erscheinung als Handeln, der sich die Forschung dieses eminenten Philosophen zugewandt hat. Wahrlieh, es ist eine schwere Pflicht für den Recensenten, über Werke solcher Männer zu referiren! Soll er, wenn er ihnen beipflichtet, nichts weiter als Weihrauch streuen, Männern Weihrauch streuen, die übersatt dieses berückenden Duftes sind? Noch schlimmer, wenn er nicht mit ihnen übereinstimmt: soll er Richter sein über das Werk von Männern, die er als seine Lehrer und als Lehrer der Menschheit verehrt? — Richter gewiss nicht, aber — — Schüler, um Aufklärung bittender Schüler über Punkte, die ihm dunkel, unbegründet, ja unrichtig erschienen sind. Ja, ich gestehe es, sehr schwerwiegende Bedenken, zum Theil von grundlegender Bedeutung, haben sich mir beim Studium der Steinthal’schen Ethik autgedrängt. Ich hoffe, der hochverehrte Herr Verfasser wird in dem Ernste, mit dem ich mich in sein Werk vertieft habe, und iu dem aufrichtigen intensiven Bestreben, seine Theorien zu erfassen und mir anzueignen, anzueignen als Theil und Bereicherung meiner Erkenntniss und Weltanschauung, eine Legitimation erblicken, die Gründe vorzutragen, die dieses Streben nicht von Erfolg gekrönt sein Hessen. — Der Verf. hat sich eine hohe Aufgabe gestellt, die höchste, die der Fortschritt der mechanistischen Naturwissenschaft der Menschheit gestellt hat: ״Neu aufzurichten, was zerfallen ist?“ Eine neue Ethik! Und zwar eine durchaus ideale Ethik! Weil es keine andere giebt! Welche aber allen Angriffen seitens der mechanischen Natur- und Geistes- Wissenschaften dadurch entzogen ist, dass sie ganz innerhalb der Mechanik bleibt, dieser nirgends widerspricht und keinen transcendenten noch transcendentalen Schritt thut“ (2. Seite der Widmung an Lazarus) Positivismus und Idealismus sollen in dieser Ethik eine Versöhnung feiern; auch der noch 90 positivistisch gesonnene, die strengste Causalität überall ausuahmslos voraussetzende Denker soll hier eine Theorie der Sittlichkeit finden, die trotz ihrer Idealität ihm die Autorität des ״du sollst“ zu einer imponirenden macht. — Ich konnte diese ״Ethik“ so recht als an meine und meiner Gesinnungsgenossen Adresse gerichtet, betrachten, denn von der Teleologie in der Naturerklärung hat mich Kant gründlich geheilt und von dem ״Ding an sich“ und dessen autonomistischer Autorität das Leben und ich und die von Herbart- Beneke begründete Reform der Psychologie. Diese beiden letzten Philosophen haben uns nun zwar je eine so tief psychologisch begründete und durch die Realität fest gefügte Ethik geliefert, dass alle Befurohtungen des zimperlichen Idealisten von der mechanistischen Naturwissenschaft für die Sittlichkeit der Menschheit, ohne jede Begründung sind. Indessen ist die Herbart'sche Ethik, als auf der ethischen Ideen-Lehre basirl, naturgemäss so ideal, dass ihr eine Bearbeitung und Abänderung nach der mechanisch-realistischen Seite nur willkommen sein muss. Solches erwartete ich nach den citirten Sätzen von der vorliegenden Ethik. Meine Erwartung blieb unerfüllt: Die Steinthal’sche Ethik, die sich selbstverständlich und ausdrücklich an die Herbart’sche Philosophie anlehnt, ist nicht eine Annäherung an die Wirklichkeit und den Realismus, vielmehr eine Erweiterung der Kluft zwischen der mechanistischen und idealistischen Weltanschauung, oder sagen wir einfacher: zwischen der Weltanschauung des gemeinen Lebens und der philosophischen. Was hilft mir die Rettung der ״Freiheit“ trotz mechanistischer Psychologie, wenn die darauf basirte Sittenlehre dadurch nur noch unnatürlicher und gekünstelter, also ohnmächtiger zum Eintritt ins Leben wird? Der Utilitarismus kann nicht Prinzip der Ethik sein; aber die Ethik muss doch eine pädagogische Utilität besitzen, wenn sie mit unserer mechanistischen Zeitrichtung Hand in Hand gehen will; sie muss populär, popularisirbar sein. Das scheint mir die Steinthal’sche Ethik weniger als irgend eine, selbst die Kant’sche nicht ausgenommen, zu sein. Steinthals Theorie von dem ethischen Werthe der Lust würde mir, abgesehen von allem andern, diese Ueberzeugung aufgedrängt haben. — Hören wir den Verf. selbst: 282 §״. Freude, Lust, Genuss ist nicht geboten; ist an sich nicht sittlich; aber auch nicht unsittlich, ist eben nothwendiger Erfolg eines zweckmässigeu Verhaltens in einem gesunden, kräftigen Dasein. Da nun die Vernunft Gesundheit für sich braucht, so muss sie auch dafür sorgen, dass Freude herrsche, als Erfolg der Gesundheit des Leibes und der Seele — nicht als ob an der Freude an sich etwas läge, aber weil sie Symptom der Möglichkeit der Vernunft ist. Wenn kein Sittengebot befiehlt, sich zu freuen, so kann es auch nicht sittlich sein, Jemanden durch Wohlthaten zu erfreuen. Aber höchste Sittlichkeit ist es, Jemanden in der Sittlichkeit zu fördern, und weil Jeder, der in seinem Wohlbefinden gehoben wird, mehr Kraft zur Sittlichkeit erworben hat, Sohmerz und Uebelbefinden dagegen Symptom der Kraftminderung ist: darum ist es sittlich, das Wohlbefinden des Andern zu fördern, sein Uebelbefinden aufzuheben. Und aus demselben Grunde soll mau nach dem Sittengebot für sich selber sorgen, die Freude mehrend, die Schmerzen beseitigend. Kurz: gut ist, was das in telligible Leben fördert, sei es durch Erzeugung intelligibler Werke, sei es durch Förderung solcher Kräfte, welche das Intelligible erzeugen können, oder Beseitigung dessen, woduroh das Intelligible gehemmt wird. Für Freude brauchen wir dann nicht zu sorgen; sie wird sich unfehlbar einstellen, und gegen den Schmerz haben wir nichts zu thun: er wird aber durch unser Thun, schwinden. Nicht Freude macht das Leben werth und würdig, und Schmerz nicht un werth und unwürdig; Werth und Würde erhält es allein im Dienste des Intelligiblen. Der Kampf gegen das Uebel durch. Natur und durch Bosheit ist Vernunft und Güte ך. auch das zufällige Uebel dient dem Reiche des Intelligiblen, indem es die Kräfte reizt und stärkt, mit denen die Vernunft zu arbeiten hat. So heisst es in dem Religionsbuch: ״Gott schafft das Wohl und das Wehe“ — beides soll den Menschen zum Guten führen Eine Ethik, die zu dem Resultate führt: ״Wenn kein Sittengebot befiehlt, sich zu freuen, so kann es auch nicht sittlich sein, Jemanden durch Wohlthaten zu erfreuen“ — könnte meiner Ueberzeugung nach nur auf gekünstelten Voraus- Setzungen beruhen, selbst wenn es mir nicht gelänge, die Künstelei der Voraussetzungen zu ergründen. Erfreuung Anderer, die höchste Blüthe der Humanität, hat keinen sittlichen Werth, hat nur abgeleiteten Werth, ist nur mittelbare Tugend-das kann absolut nioht richtig sein! Das muss nothwendig mit Unrechten Dingen zugehen! (Fortsetzung folgt־) Verantwortlicher Redacteur Dr. R a Inner, Magdeburg. Druck von D. L. Wol ff, Magdeburg. Verlag von Robert F r iese, Leipzig