Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 46. (11.11.1886)
- Date
- 1886-11-11
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492408-5990841-5991175--1049-5368312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
180 — Die Aufgabe, dieses Buch zu recensieren, setzt mich, ich muss es gestehen, einigermassen in Verlegenheit. Zunächst ist es die im jüdischen Publikum noch immer sorgfältig gemiedene Discussion der in Betracht kommenden Fragen, dann das heikle Moment, das darin liegt, ein noch nicht vollendetes Buch zu besprechcr Da aber das Publikum ein Interesse daran hat, auf eine bedeutende litterarische Erscheinung rechtzeitig aufmerksam gemacht zu werden, habe ich mich dieser Aufgabe unterzogen. Dieses allgemeine Urtheil voranschickend, muss ich gestehen, dass zwei Dinge mich beirren, erstlich die Form des Buches, welche den Titel ״Einleitung“ gar nicht rechtfertigt und zweitens der Terminus ״Hexateuch“ für die Thora und das Buch Josua. Was nun das erstere betrifft, so halte ich daran fest, dass eine Einleitung ihrem propädeutischen Charakter nie verleugnen darf. Die Einleitungswissenschaft ist entstanden mit der Absicht, dem Theologen die grundlegenden Kenntnisse über den Begriff des Canon und der Inspirationslehre, die Entstehung und litterarhche Würdigung der einzelnen Bücher, die äussere Geschichte der Bibel, die Geschichte ihrer Ueber- Setzungen und ihrer exegetischen Behandlung zu bieten. Sie ist nun freilich bei der Ansicht, dass die Bibel ebenso wie jedes profane Werk kritisch behandelt werden müsse, eine Litteraturgeschichte, darf aber diesen Namen nicht tragen, weil die Litteraturgesehichte die äusseren Momente, Person und Leben des Autors, Abfassungen der Schrift etc. voraussetzt und daran die litterarische Würdigung knüpft, hingegen hat die biblische Einleitungswissenscbaft erst aus den Resultaten der literarischen Kritik die Muthmassungen über Leben, Persönlichkeit, geistige Bedeulung des Autors zu folgern. Die richtige Reihenfolge der Capitel einer Bibel-Einleitung wäre daher Begriff und Geschichte der Wissenschaft, Geschichte des Canons und seiner Entstehung, Kritik der einzelnen Bücher, äussere Geschichte der Bibel, Versionen und Commentare. Das vorliegende Werk aber fängt nach einer kurzen Einleitung über die zur Anwendung gekommene Methode gleich mit einem Capitel: ״Der Hexateuch“ an, in welchem nach Analyse des Inhalts sofort die detaillirte Darstellung der kritischen Fragen in Angriff genommen wird. Zugegeben muss jedoch werden, dass dieser Fehler den Uebersetzer und nicht den Verfasser trifft, denn das holländische Original trägt den Titel ״ Kritische Untersuchung der Entstehung und Sammlung der Bücher des alten Bundes“ (״Historisch-kritischer Onderzoek naar het outstaau en de verzameling van de boeken des Ouden Verbonds“). Der Begriff Hexateuch kann als einheitlicher von zwei Gründen beeinflusst sein, entweder 8011 er bedeuten, dass der Pentateuch und das Buch Josua einen Verfasser haben, was ja Kuenen sicherlich nicht zugeben will, oder es sind diese Büoher von einer uud derselben Hand aus verschiedenen Quellen compiliert, und das ist es, was der Verfasser unseres Buches unzweifelhaft andeuten will, doch ist diese Grundanschauung sicherlich eine falsche, denn die Thora hat geschichtlich als einheitliches Buch längst bestanden, ehe die Propheten zu einem Bande vereinigt wurden, denn nur 80 ist die im ganzen Canon nie zweifelhaft gewordene Dreitheilung zu verstehen; überdies ist das Buch Josua unbedingt eines der jüngsten in der ganzen Bibel, was bewiesen wird theils durch seinen sprachlichen, theils durch seinen litterarischen Charakter. Die sprachlichen Eigenthümlichkeiten zeigen zunäoht eine lose 8yntax, die an das Neuhebräische erinnert,|Jz, B.!D'BTVI 2.22 ,עד שבו, wo das klassische Hebräisch den Infinitiv setzen würde, vgl. Gen. 27 45, desgleichen Anden wir das auf spätere Zeit hinweisende Vorherrschen des verbum finitum statt des Participiums, z. B. 15־8 נטבלו und 4.15 נתקו, wo wir nach Analogie von Hiob 1.6, Gen. 19.1 ein עוד mit dem Participium erwarten sollten. (Vgl. Gesenius Gramm. § 134, 2 c.) Ist das C statt אשר ein Beweis für die späte Abfassungszeit eines Buches, wie es sich übh. nur im Hohenlied, in Koheleth, in einigen Psalmen findet und in der Mischnahsprache Regel ist, so ist das in seiner Art einzige 10.24 ,ההלכוא, ein Beweis für die späte Abfassung, da es ohne Analogon dastehen dürfte, denn die Ansicht Jbn Esra’s, dass הייטב Lev. 10.19 mit dem Artikel versehenes Imperfect sei, ist sehr fraglich und von den von ihm angeführten Heispielen ist nur I. Chron. 29.17 gesichert. (Das א in ההלכוא ist •von dem nachfolgenden אתו wiederholt.) Der Form 2.17 השבעתנו für השבעתני wollen wir, weil die Anomalie blos in der Vocalisation liegt, keinen Werth beimessen, doch dürfte schon das Gesagte genügen, um meine Behauptung über das Alter des Buches Josua zu erhärten, welche durch di« lexikalischen und orthographischen Eigenthümlichkeiten des Buches auch noch unterstützt wird. Ist schon יאמר 2.2 in der Bedeutung von רונד auffällig, so ist die Ausdrucksweise השליך גודל für 8 ,18 הפיל und 10 höchst bedenklioh, zumal es wahrscheinlich aus der poetischen Redensart (Micha 2.5) משליכי חבל בגורל entstanden ist; unzweifelhaft sehr späten Ursprunges ist das nur noch in Chronik und Kohelet vorkommende 8 22 נכבים. Die Orthographie, welche die mater lectionis für Zere hat, z. ß. 6.3 הקיף, und Hinweglassung der stummen Consonanten, z. B. 2.16 ינחבתם, stimmt auch völlig mit dieser Annahme überein. Ich habe dabei nur auf’s Gerathewohl Einiges aus meinen Notizen herausgegriffen, welche ich für eine grössere Abhandlung, die ich zur Zerstörung der Fabel vom Hexateuch zu schreiben beabsichtige, vorbereitet habe. - (Schluss folgt.) Litterarische Notizen. 1. ש' הגדול. Auch die Kabbalisteu haben mit der Interretation des ש׳ הג־יל sich beschäftigt. Einige meinen, er hiesse eshalb so, weil der Sabbath vor dem Auszuge aus Egypten der erste Sabbath war, den die Israeliten heiligen durften, darum nannte mau ihn den grossen Sabbath. Andere sagen: weil der erste Tag des Passah-Festes auch Sabbath genannt wurde ממחרת השבת! darum wollte man auf den Unterschied aufmerksam machen, eine Demonstration gegen die Sadducäer. Noch Andere meinen, der Sabbat, welcher auf den 10. Nissan fiel, war, wie der 10. Tischri, eine Art von Versöhnungstag, mal» berutt sich auf Midrasch Pelia משכי ירחי לכם הה״ ד .׳ בשובה ונחת תושעק■ Endlich fand ich in diesem kabbalistisehen Werke, ש״ה heisse nicht der grosse Sabbat, sondern der Sabbat ^es Grossen, denn Gott manitestirte sich als den גדול מכל אלהים■ Auch im L.-Bl. wird corrigirt, dass es heissen müsste השבת הגדול, wenn letzteres eine Bestimmung des Sabbats wäre. Dabei kam ich auf folgende Hypothese: Die Mohamedaner haben das Bekenntniss : Alla ist gross. Die arabischen Juden nannten daher Gott vorzugsweise האל הגדיל. und mag in der arabischen Periode der Name ״der Sabbat des הגדול" entstanden sein. Die französischen Juden aber wussten hiervon nichts, daher die Tosafot zu einer Sage ihre Zuflucht nahmen, die dann von Joset Karo aufgenomiuen wurde. Krakau. Rabb. Dr. M. Du sc hak. 2. Erklärung. Dass mir bei den ״Daten-Berichtigungen“ zu Grätz' ״Geschichte der Juden“ die erste Auflage Vorgelegen, habe ich in der Einleitung deutlich bemerkt una freue mich, nun, durch die N0ti2 2 in vor. No. belehrt worden zu sein, dass in der 2. Aufl. die Berichtigung ad 0 gegenstandslos geworden ist. Hoffentlich ist dieses auch in den jüngern Auflagen bei den übrigen in der 1. Aufl. Vorgefundenen Irrthümem der Fall und würde es mir angenehm sein, solches in Bezug aut dieselben zu erfahren. Immerhin werden die Besitzer der 1. Aufl. diese nach meinen ״Berichtigungen“ zu corrigiren im Stande sein und. mir die Anerkennung nicht versagen, dass ich mit der grössten Vorsicht zu Werke gegangen bin. Cohen- Rees a. Rhein. Verantwortlicher Redacteur Dr. R all mer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg, Verlag von Robert Fries e,L eipzig.