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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-10-07 · N° 41. (7.10.1886) · p. Seite 162

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 41. (7.10.1886)
Date
1886-10-07
Page
Seite 162 (sequence 4)
Language
German
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— 162 — zunächst die Einleitung zum Buche der Richter citirt haben, die sich zu einer akademischen Vorksung über dieses Buch ganz vorzüglich eignen würde. Mehr und mehr drängte sich mir bei der Lektüre vorliegenden Werkes die Ueberzeugung auf, dass dasselbe nur für die reifere Jugend bestimmt sei. — Zu dieser Annahme zwingt mich auch der Umstand, dass Verf. eine Reihe anstössiger Stellen, die man beim Pentateuchunterricht ganz und gar übergeht, ebenso exegetische Schwierigkeiten, die, weil sie das Ver-! ständniss der bibl. Geschichte ungemein erschweren, j diesem Unterrichte fern bleiben müssen, theilweise ganz wörtlich übersetzt. Das vorliegende, in getragenem Tone erzählende, für die reifere Jugend und fast durchweg in formrollendem Stile abgefasste Geschichtswerk dürfte also zu empfehlen sein; es wäre nur zu wünschen gewesen, dass der Herr Verf. sich selbst im Vorworte über die Verwerthnng seines Buches ausgesprochen hätte. Wir kommen zu Nr. 3: Bäck’s Erzählungen und Religionssätze der heiligen »Schrift. ,Ich habe,“ sagt der Verf. in der Vorrede, ״die Erfahrung gemacht, dass die Schuljugend den in systematischen Lehrbüchern und Katechismen gelehrten und definirten Religionssätzen weniger Freudigkeit entgegen bringt, als den religiösen Lehren, die an die bibl. Erzählung angeknüpft, gleichsam aus derselben hervorwachsend, ihr geboten werden.“ Gewiss wird jeder Lehrer dem Verf. darin beistimmen. Ein systematisch-wissenschaftlicher Religionsunterricht, wie er noch immer in manchen Schulen oft schon im zartesten Kindesalter ertheilt wird, lässt Herz und Gemüth des Kindes kalt, ja wirkt in vielen Fällen auf das spätere religiös - sittliche Leben des Kindes sehr schädlich ein, indem eben durch einen solchen Unterricht der Grund zur Abneigung und zum Indifferentismus gegen die Religion überhaupt gelegt wird. Die religiöse Belehrung hingegen, die sich an ein lebendiges Beispiel der bibl. Geschichte anschliesst, sitzt, wenn sie einmal ganz und voll erfasst ist, für immer tief in des Kindes Herzen; man braucht nur wahrzunehmen, wie sichtlich das Kind seine sittliche Freude an Beispielen, wie Abrahams Friedfertigkeit, an Eliesers Treue, Rebecka’s Freundlichkeit, Josef’s Gottesfurcht u. 8. w., zeigt Diesen erziehlichen Vortheil hat die Lehrerwelt auch längt eingesehen, und immer mehr gestaltet sich der bibl. Geschichtsunterricht in den Schulen zum Religionsunterricht Also bezüglieh des grundlegenden Princips: religiöse Belehrung in Verbindung mit dem bibl. Geschichtsunterrichte, gebührt dem Veif. unbedingte Zustimmung, aber über das Wie, die Art und Weise dieser Verbindung dürfte meine Ansicht und wahrscheinlich auch die der meisten jüd. Lehrer, die sich von der Dressur gelehrter und definirter Religionssätze emancipirt haben, von der des Verf.’s weit auseinaudergehen. Ich hatte nach des Verf.’s Vorrede geglaubt und gehofft, nun wirklich lebendige, religiöse Lehren an der Hand bibl. Beispiele entwickelt zu sehen, aber der Herr Verf. hat das, wovon er selbst 80 sehr erfüllt war, in seinem Buche nicht zur Ausführung gebracht. Da begrüssten mich als alte Bekannte aus der Schulzeit dieselben ״gelehrten und definirten Religionssätze“, wie sie sich im Büdinger, Herxheimer u. dgl. Büchern vorfinden, nur mit dem Unterschiede, dass sie dort organisch Zusammenhängen, währeud sie hier zerstreut, gelegentlieh unterbracht und äusserlich augeknüpft sind. Beispiele: S. 1 beginnt die Einleitung mit folgenden Worten: ״Den Glauben an Gott, die Erkenntniss und Verehrung Gottes, sowie das Wollen und Handein, das durch dieselben geordnet und bestimmt wird, nennen wir Religion. Die Religion ist entweder Vernunft- oder Offenbarungsreligion“, woran sich danji eine ebenso gelehrte Definition der beiden Ausdrücke anschliesst. Ob dem das Kind — wir können doch nur ein Alter von höchstens 10 Jahren voraussetzen — wirklich eine Freudigkeit entgegenbringt? Doch gehen wir über diese Einleitung hinweg. Das Bedürfniss des Kindes, religiöse Belehrung zu erhalten, muss befriedigt werden, darum werden ihm gelegentlieh der Schöpfung des Weibes die Pflichten der Ehegatten (!) mit folgenden Worten klar gelegt: ״Diese Erzählung will uns andenten, dass der Bund zwischen Mann und Weib duroh Gottes Hand geschlossen, eine von Gott geheiligte Verbindung ist. Durch den Bund der Ehe verpflichten sich die Ehegatten, einander zu achten und zu lieben, einander zur Tugend und Weisheit aufzumuntern und Alles zu meiden, was den heiligen Bund der ehelichen Treue verletzen, würde. Gott ist Zeuge zwischen Dir und dem Weibe Deiner Jugend, sie ist die Gefährtin Deines Lebens und das Weib Deines Bundes. Verharret in Eurer Neigung, und werde dem Weibe Deiner Jagend nicht untreu“ (Mat. 2, 24.15). Gewiss wird nach solch eindringlicher Belehrung der Sextaner es sich heilig geloben, nie dem Weibe seiner Jugend (!) untreu zu werden. Interessant sind noch manche derartige ״religiösen Lehren“. So S. 21 ״der Thurmbau zu Babel warnt uns vor Hochmuth und Stolz. Hochmuth ist die Ueberhebung der eigenen Persönlichkeit, die um des Besitzes äusserer Gütter willen sich mehr und besser als andere dünkt. Mit dem Hoohmuthe schleicht sich der Stolz in unser Herz. Stolz ist die Ueber- Schätzung unseres eigenen Werthes, der uns verleitet, den Werth und die Vorzüge unserer Nebenmensohen gering zu achten; beide führen zum Uebermuth, der gegen Gott und seine Gebote sich auflehnt“. Was soll man zu solchen hochwissenschaftlichen Ausein־ andersetzungen sagen?*) Sehr voriheilhaft hebt sich dagegen der Ton der biblischen Erzählungen im vorliegenden Werke von den wissenschaftlichen Religionssätzen ab, und ihm verdankt unstreitig das Buch die zweite Auflage; dooh unterlasse ich es, hierauf näher einzugehen, da ich ja nicht eine Recension des Baches schreiben, sondern nur darüber mich äusseru wollte, wie dem Herrn Verf. die angestrebte Verbindung der Religion mit der bibl. Geschichte in der Ausführung gelungen ist. _ (Schluss folgt.) Litterarische Notizen. Exegetische Notiz. II. Samuel, Cap. 14 V. 8 ff. gehört sicher zu den schwierigsten Stellen dieses Buches. Rede und Gegenrede zwischen dem König und der Tekoarin bleiben in der gewöhnlichen Auffassung des Textes nahezu Unverstandlieh. Wir schlagen im Folgenden eine neue vor, mit welcher wir zu einem erträglichen Sinn gelangen. V. '■•. Die Frau wendet ein, dass eine Verschleppung der Angelegenheit gefährlich wäre. Würde unterdessen der Sohn umgebracht, so würde das den König wenig berühren. V. 10. Diesem Zweitel an des Ernst, in der Sache zu interveniren, wird begegnet. ייאמר und er sprach: המלך ״ המדבר אליךder König ist es, der zu Dir spricht“. Du daitst aber nicht glauben, es seien eben nur Worte, sondern, ich will durch die That eingreiten והבאתו אלי bring’ ihn (Deinen Sohn) zu mir und es wird Dich fortan Niemand belästigen. V. 11. Dieser Vorschlag erscheint der Frau noch grössere Gefahren bergend; sie spricht: Gedenke doch, o König, des Herrn Deines Gottes, dass nicht der Bluträcher ein noch grösseres Uebel anrichte und sie nicht meinen Sohn vertilgen. (Daa grössere Uebel wäre der Mord am Hofe des Königs.) David aber verspricht für seine Sicherheit sorgen zu wollen. So wahr der Herr lebt, es soll Deinem Sohn kein Haar gekrümmt werden. Caro-Pilsen. *) Diese sind wohl mehr Anleitungen für den Lehrer. (Red.) Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck vouD. L. Wolf f, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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