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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-09-23 · N° 39. (23.9.1886) · p. Seite 152

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 39. (23.9.1886)
Date
1886-09-23
Page
Seite 152 (sequence 2)
Language
German
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15Z — Ein anderes Steinchen sagt: ־Wie bist du uns entrissen, ach so bald, Du lieblich Kind, ein Engel ▼on Gestalt, So hold und rein, der Eltern Stolz und Glück, Vom Himmel uns geschenkt, kehrst du zurück, Was wir nun thun und denken gut und rein, Wird stets mit deinem Bild verbunden sein. Bedarf es hier eines weiteren Commentars? Oder wenn es auf einem andern Steinchen heisst: Ein zartes Blümchen ist verblüht, Vom Hauch des kalten Bord gastreift, Ein schönes Leben oben glüht, Da, wo zur Frucht die Blüthe reift. Ueberhaupt ist eine ganz eigene Wehmuth um die Gräber derer ausgebreitet, ״die vom Sturme geknickt, eh’ noch der Herbst sie entblättert“. Wie stimmt es uns weich und wie nimmt es unser Mitgelühl gefangen, wenn wir lesen: ״Entfernt von den Seinen, in der Blüthe seines Lebens, schlummert hier“ 11. s w. oder: ״Früh, sehr früh hast du uns verlassen und nur die Hoffnung, dich in einer bessern Welt wiederzufinden, vermag uns in unserm grossen Schmerz zu trösten“. oder: Geistig geweckt, stets freundlich, gut und mild, So stellt vor uns dein unvergesslich Bild, Der Frühlingsblume gleich sankst früh zur Erde nieder, Blühst nun im Himmelreich, dort sehen wir uns wieder. Auf dem Grabstein eines jungen Mädchens finde ich folgende schöne Worte: Wie in nebelgrauer Ferne Liegt uns das vergangne Glück, Nur an einem schönen Sterne Weilt mit Lieho noch der Blick, Aber wie des tilenies Pracht Ist es nur ein Schein der Nacht Kann der Liebe süss’ Verlangen, Jenny! kann’s vergänglich sein? Was dahin ist und vergangen, Jenny! kann’s die Liebo sein? Ihrer Flamme Himmelsgluth, Stirbt sie wie ein irdisch Gut? Und auf dem Grabhügel daneben lese ich: Du wurdest früh des Todes Haub, Der gern die Blüthen bricht, Doch deine Hülle ward nur Staub, Die Seele ewig nicht! Doch wie verblasst das Alles gegen die kurzen, markerschütternden Worte aut dem Urabe einer jungen Frau: Dein Herzenswunsch blieb unerfüllt, Die Tochter noch zu sehen, Nun achlumm're, armes Mutterherz, Es giebt ein Wiedersehen. Wer möchte solchem herzzerreissenden Ausbruoh des Schmerzes gegenüber nicht gern daran glauben, wenn wir auf dem benachbarten Grabeshügel lesen: Was hier getrennt duroh Todes Hand, Wird in der Sehnsuoht. Heimathland Sich besser wiederfinden Und ewig sich verbinden. Ja, Wilhelm von Humboldt hat Recht mit seinem schönen Worte, ״dass wenn man ein Wesen todt hat, das man liebt, man sioh einheimisch fühle in zwei Welten“. Worin sollte sonst auch das verwaiste Kind, dem die Mutter fortgetragen, der greise Vater, dem die Stütze und der Stolz seines Alters genommen, der Gatte, dem das geliebte Weib von seiner Seite g<2rissen, wie sollten sie den Schmerz und das Leben ertragen, wenn nicht diese Hoffnung, nein, diese Zuversioht ihnen geblieben und in ihnen fortlebte? Und andererseits: Wie Mancher möohte noch was sagen, Und muss es mit hinübertragen. . . . Je weiter ich vordringe, desto heimischer werde ich auf dieser Friedensstätte. Hier stehe ich vor dem Grabmal einer jungen Frau, die ich eben noch lebend, frisch und in erster Jugendblüthe gekannt. Jetzt lese ich auf ihrem Hügel des Psalmisteu treffend wahres Wort: ״Der Mensch blüht wie eine Blume auf dem Felde, wenn der Wind vorüber geht, so ist sie nimmer da “ Und wenige Schritte davon sind die Ruhestätten zweier edlen Frauen, die mitten aus dem vollem Leben heraus, losgerissen aus dem schönsten Kranze der sie umgebenden Familie, deren Glanz und Stolz sie waren, in der Blüthe ihrer Tage nach diesem stillen Ort getragen. Auf dem einen Grabe steht: Verklärter Geist, der hier in Frieden ruht, Du theures Herz, das edel, hilfreich, gut, Mit vollstem Schlag dem Höchsten war geweiht, Des Gatten Zier, der Kinder Seligkeit, Ach! allzufrüh bist du von uns gegangen. — Doch ob wir auch von tiefstem Schmerz umfangen, Wir preisen Gott, dass wir dich einst besessen, Uns bleibt dein Bild auf ewig unvergessen, Du sollst uns leuchtend alle Zeit umgeben Und unsem Muth mit heil’gem Trost erheben. Es war die edle Gattin des um das stäiti-sohe, wie jüdische Gemeinwesen unserer Stadt hochverdientenOberstabsarztesDr Rosen thal,des Mitschöpfers unseres Wittwen- und Waisenfonds etc. Und den andern Grabstein schmücken die Worte: Edlem P r i e s t e r geschlecht entstammt, Uebtest du dein Priesteramt Mit treuem Herzen, lauterm Sinn Als Gattin, Mutter und Rabbinerin. Ein Friedensengel, segnend mild, So steht vor uns dein lieblich Bild! Es ist das Grab der auch meinem. Herzen ewig unvergesslichen Gattin uud Rsbbiners dieser Gemeinde, des Redacteurs dieser Blätter. Nicht ohne Rührung kann ich auoh an dem Grabe des Mannes Vorbeigehen, mit dem ich manch’ trauliohes Wort im Leben gewechselt, der mehr als 25 Jahr lehrend in hiesiger Gemeinde segensreich gewirkt, des Oberkantors und Lehrers Nathansohn, dessen Grabstein die schönen Worte zieren : Wie eine Eiche, die der Sturm gefällt, Als sicher wir geruht in ihrem Schatten So sankst du hm und wir in rauher Welt, Wir trauern um den Vater, um den Gatten, Doch nur die Hülle legten wir in’s Grab, Es bleibt uns deine Liebe allerwegen Und wie uns deine Sorge sanft umgab, So sendest schützend du uns deinen Segen. Das Grabmal des langjährigen treuen Leiters dieser Gemeinde, der mit Gewissenhaftigkeit und Hingebung seines Amtes waltete, des Herrn Moritz Nathan, sohmückt das ewig schöne Wort des Hohen liedes: Mächtiger als der Tod ist die Liebe. Mit besonderer Rührung gehe ich an dem Grabe jener vielgeprüften edlen Frau vorüber, deren Wirken weit hinausragt über die kurze Spanne Zeit ihres Erdenwallens und deren Andenken fortleben wird, so lange hoohherziges Denken und'Thun ein Andenken sichern im Gedäohtniss überlebender Geschlechter. Es ist das Grab der duroh ihre gemeinnützigen Vermächtnisse und Stiftungen für Blinde und Elende der hiesigen Gemeinde unvergesslichen Frau Johanna Elbthal, mit der neidenswerthen Nachschrift hinter ihrem Namen: ״In der hiesigen Gemeinde, für die sie so viel Gutes gethan, wird ihr Andenken gesegnet bleiben “ Ihr zur Seite ruht ihre einzige unglückliche Tochter, die ihr in den Tod vorangegangen und

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