Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 36. (2.9.1886)
- Date
- 1886-09-02
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
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— 140 — ״Heiland seiner Seele und seinem süssen Evangelio“ (Vorwort der ״Briefe“) — und der Hannoveraner, abhold jener ״Schwärmerei für die Person Jesn, in welcher Vernunft und Wissenschaft als sündliohe Versuoherinnen bekämpft werden“ (S. 22 der ״Gedanken eines Juden“)! Beide Libelle haben in den religiösen, richtiger kirchlichen Hauptfragen niohts weiter mit einander gemein, als den Rath der ״Liebe“, dass wir Juden uns taufen. Welohen ״Glauben“ wir erschachern sollen, diesbezüglich ist ihr Rath himmel- und höllenweit von einander verschieden. Schliessen wir uns dem Glauben des einen Seligmachers an, verdammt uns der andere. Nichts vermag in der That ihre Traktätlein besser zu widerlegen, als diese einander selbst widerlegen. Wir hätten wohl Lust, jedem die Schrift des Bruders zuzusenden, wenn wir ihren ״süssen Frieden“ stören wollten. Gehen wir nun zu den ״Anmerkungen“ über. Ad 1. Dass Gott ״seinen eingebornen Sohn gab, anf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh.;5,16); dass folglich Millionen braver Menschen, die nicht au ihn glauben, ewig verloren werden, ״schon gerichtet sind“ (Joh. 3,18, welche Nachbarstelle als conceptverderbend vom Verf. nicht berührt wird): darin hat der Briefsteller die göttliche Liebe ״erkannt und geglaubet“; in dieser Liebesthat erblickt er ״den konkreten Gegenstand seiner Glaubenserkenntniss.“ Die Lehren des ״nur vorbereitenden“ A. T., dass der Geist (überhaupt, der Geist aller Menschen) zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben (Pred. 12,7), und des ״verschrobenen“ Talmudismus, dass die Tugendhaften aller Nationen Antheil am ewigen Leben haben, erscheinen uns denn doch etwas gottes- und menschenwürdiger. Ad 2. Die Vorschrift über Nächstenliebe erscheintd em Verf. im 3. B. M. C 19 V. 18 als nebensächlich. Also eine Vorschrift, die an ein ganzes Volk und an jedes Individuum desselben (8. V. 2 und den häufigen Wechsel des Sing, und Plur. verbi im Kap.) gerichtet und durch das -allerhöchste Sittengesetz, das Gebot der Selbstheiligung des Menschen nach dem ewigen Ur- und Vorbilde des heiligen Gottes eingeleitet und mit nochmaligem Hinweis auf dieses Ur- und Vorbild (Ani Adonai) geschlossen wird, soll als nebensächlich erscheinen! Und neben solchem Geschwätz giebt sich der Briefschreiber den Anschein, als strebe er nach ״wissenschaftlicher Wahrheit“! Ad 3. Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht, und wenn er strauchelt, frohlocke dein Herz nicht; dass es nicht der Ewige sehe und es ihm missfalle, auch kann er von ihm seinen Zorn wenden. Spr. Sal. 24, 17—18. Die Begründung V. 18 heisst doch wohl nichts anderes, als dass dem Allsehenden deine Schadenfreude missfällt, und dass sie auoh sehr beschämend für dich werden kann, da Gott leicht deinem Nächsten helfen kann. (|S von ״ פנהwenden“ deutet zunächst auf eiue Wendung — vielleicht, wie leicht; dann auch auf eine Abwendung — dass nicht.) Diese Begründung durch das Missfallen des Allschauenden, durch seine leicht mögliche Wiederaufrichtung des Nächsten und durch die eintretenden Falls um so grössere Beschämung des Schadenfrohen nennt der Verf. eine ״noch geradezu heidnische.“ Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo,rückwärts, rückwärts bis zur — tiefsten Selbstbeschämung. Noch ahnt der Neophyt nicht, wohin er sich verrannt hat und weiter verrennt ... Wir bedauern ihn trotz Allem und Allem . . . Wir sind fest überzeugt, dass, wenn aioh noch irgend ein Funke Schamgefühl in ihm regt — und das müssen wir bei seiner Scheu, den Antisemitismus za besprechen, annehmen — das tiefe Sohamroth ehrlicher Ebene wegen seiner Schreibebriefe and besonders wegen des fremden Annexums vor aller Welt offenbar hervortreten werde. Denn — sagen wir es schon hier — der Briefsohreiber weiss ebenso wenig vom Judenthum, wie vom Christenthum; die ״Anmerkungen“ eignen seinen Bekehrern oder deren Geistesverwandten, die in ihrem Bekehrungseifer oft nicht merken, welche Faustscbläge sie der wissenschaftlichen Wahrheit und — dem N. T. versetzen. Der sogen. Verf. will seine Rodomontaden auch durch Spr. Sal. 25, 21—22 veranschaulichen: ״Wenn deinen Feind hungert, gieb ihm Brod zu essen, und wenn ihn dürstet, gieb ihm Wasser zu trinken; denn Kohlen sammelst du auf sein Haupt, und der Ewige wird es dir vergelten“. Der letzte Vers will doch wohl nichts anderes besagen, als dass jene beschämende Liebe den Feind schmerzen, aber doch zur Versöhnung führen werde. Auch diese Motivirung ist ״nur pädagogisch vorbereitet und noch geradezu heiduisch“! Wenn wir nun aber dem Neophyben nachweisen, dass sein ״süsses Evangelium“ in einem Kapitel, dem Luther die Ueberschrift ״Christliche Lebensregeln“ giebt, die beiden salomonischen Sprüche wiederholt, dass dort ein christlicher Briefsteller, den der Neophyt verhimmelt, den er seinem Libell das erste Motto geben lässt, ebendieselben Sprüche dringend zur Beherzigung und Bethätigung empfiehlt, ei wie dann? Sie erschrecken, Sie beben, Sie Verächter des Glaubens Ihrer Eltern und Voreltern? Ja, Sie haben Grund, viel Grand dazu . . . Oder wähnen Sie, das ״süsse Evangelium“ könne unmöglich ״nur pädagogisoh vorbereitete uud geradezu heidnisch motivirte Feindesliebe“ lehren, wähnen Sie, Ihre Bekehrer, die Ihnen jene Rodomontaden huldreich überlassen, um sich damit zu schmücken —■ seien unfehlbar? Sie vertrauensseliger Nachbeter Ihrer Bekehrer, glauben uns, dem Rabbi, nicht, bis Sie mit eigenen Augen das Entsetzliche schauen? Nun denn, sehen Sie sich bei Lnther die Ueberschrift des 13. (zwölften] Kapitels der Epistel Pauli an die Römer und sodann Vers 20 (zwanzig) daselbst an! Sie verhüllen beschämt Ihr Haupt? Trösten Sie sich, Sie haben eine Leidensgefährtin: die deutsche Wissenschaft wird auoh beschämt ihr Haupt verhüllen . . . Hierneben nur noch einige Fragen an Ihre Souffleure: Warum haben Ihnen dieselben nicht auch V. 29 desselben Kapitels der Proverbia (Sprich nicht: so wie er mir gethan, so will ich ihm thun, ich will Jedermann vergelten nach seinem Thun), aus dem sie Ihnen V. 17—18 vorgeschrieben, gezeigt; warum nicht ferner Spruoh 10, 12 (Hass erregt Zank, aber alle Vergeben deckt die Liebe), dessen zweites Hemistich I. Petr. 4,8 wörtlich wiederkehrt, wonach also selbst der Alles bedeckende ״Mantel christlicher Liebe“ dem Judenthum entlehnt ist? Warum haben sie Ihnen nicht gesagt, dass ״nur pädagogisch vorbereitete und geradezu heidnische“ Spruohweisheit Salomo’s etwa ein vierteiimiidertnial im N. T. zur Beachtung empfohlen wird? Schon wenn Sie das gewusst hätten, würden Sie als erstes Motto Ihrer Briefe vielleicht nicht Römer 1,16 gewählt haben? Beruhigen Sie 6ich, wir sagen gleichfalls: ״Ich schäme mich des Evangelii nicht“, freilich fügen wir hinzu: soweit es jüdisch ist. Und zum grössten Verdruss aller Judenfeinde, aller Rassenjäger, aller Dunkelmänner ist es zu einem recht beträchtlichen Theile echtjüdisch. Ja, insofern sind wir Juden stolz auf dieses Evangelium, stolz dürfen wir mit Johannes Scherr (Mohammed