Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 35. (26.8.1886)
- Date
- 1886-08-26
- Page
- Seite 138 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 188 — das Vorhandensein von guten mittelhochdeutschen ־Worten, wie sie im Nibelungenlied und ähnlichen Dichtungen des Mittelalters nur noch anzutreffen sind und die die jüdische deutsche Mundart anderer Länder nicht mehr kennt. Dies deutet aut die allerälteste Einwanderung der Juden in Polen hin, etwa um die Zeit der Piasten. So heisst ״schnell“ in der russisch-jüdischen Mundart ״gich“ und in der polnischjüdischen ״gach“, also wie im mittelhochdeutschen ״gäch“, woaus jach und jähe entstanden ist. Ebenso sind die Wörter: ״toren“ für dürfen (von turren), ״Fadem und fädemen“ für Faden und fädeln (von vademe und vedemen), ״heinfc‘■ für heute (von hint), ״nechten“ für für gestern (von nehten), ״zerlosen“ für ausgelassen (von lose), ״gel“ für gelb, ״ken“ für gen, ״gereit“ für bereit, ״klauben“ für sammeln und pflücken, (von klüben), ״Klaus“ für Betstube und ״Klausner“ für frommer Betbruder (von Klosenaere) ״Greis und greisen“ für Fehler, Fehler machen u. v. a. unzweifelhaft mittelhochdeutschen Ursprungs. Recht bezeichnend ist es, dass ״schmecken“, ״der Gescmack“, ganz wie im Mittelhochdeutschen (smak, gesmak, smeken), von dem Geruchsinn der Nase gesagt wird, aber auch Tabakschnupfen bedutet. Widersinnig klingt die gang und gäbe Frage: ״Hörst du, wie es schmeckt? — Es erübrigt uns noch der hebräisch-jüdischen Worte zu gedenken, die das Judenthum für seine grosse Anleihe in durchaus werthloser Münze an das Deutschthum abgegeben, als da sind: Dalles, Schaute, meschugge, Masel, koscher, kapores und wie se alle heissen. Auch das Rothwelsch des deutschen Gaunerthums wimmelt von solchen hebräisshen Entlehnungen, wie ״Ganew“ (Dieb), ״ganwenen“ (stehlen), ״baldowern“ (ausspähen), ״Chawrusse“ (Diebesbande), ״Zarfes“ (Franzose für Dietrich) u. a. Das Wort ״Schlemihl“, gleichbedeutend mit Pechvogel, hat durch unsern deutschen Dichter Chamisso deutsches Bürgerrecht erlangt, jedoch ohne begründete Berechtigung, denn diesen Namen führt nach Numeri c. I, Vers 6 ein Fürst aus dem Stamme Simon, dessen Schicksal mit jener Bezeichnung nichts gemein hat. Dagegen heisst Unglück im hebräischen ״Sehlimasei und ein Mensch, dem Alles widerrätli, wird jüdisch-volksthümlich ״Schlimasalnik“ genannt. Endlich ist auch der Kaufmann, dessen eigentliehe Domäne ja das Anleihegeschäft ist, nicht zurückgeblieben. Wer kennt nicht die Wörter: Schacher, schachern, pleite und schofel? S. Wiener. Litteraturbericht. ftecensionen. Honvitz, A., Hebräische Fibel. Leipzig, Rossberg. Elfte Auflage 188(5. Von den zahlreich vorhandenen hebr. Fibeln gebührt der Horwitz’schen sicherlich unter den besseren ein Platz und es sind in der neuen Auflage nur wenige kleine Mängel hervorzuheben. Dass die Uebung 1 mit - T beginnt und erst Uebung 10 die Vokale bringt, lässt sich methodisch nicht rechtfertigen. (Die Rahmer’sche Fibel beginnt methodischer mit•.•,••,•). Ebenso wäre es richtiger, dass in den Uebungen 2, 3 und 4 die Vokale nicht immer in derselben Reihenfolge aufeinander folgen, weil infolgedessen die Kinder gewöhnlich auswendig lesen. Vermisst werden unter No. 15 Uebangen mit dem vooalisirten Mappik-He ה und in No. 18 Uebnngen mit J; in No. 11 Z. 6 ist der Doppelpunkt auf dem ש wohl nur ein Druckfehler, denn der Schin-Punkt gilt auch als Cholem. — Ziemlich werthlos sind die Vokabeln auf den letzten Seiten der Fibel, da dieselben nicht auf eine praktische Verwerthung Rücksicht nehmen, sondern des Reimes wegen bunt untereinander gewürfelt sind; denn was sollen Kinder im ersten Schuljahre mit Vokabeln, wie מפתח Sohlüssel, קערה Schüssel? ״ גלילRing“ ist zu dem gamicht richtig. — Auch der Druck lässt an manchen Stellen zu wünschen übrig, so sind 1 ג ת oft undeutlich, der Unterschied zwischen ב und כ nicht immer deutlich genug hervorgehoben. M. St. Litterarische Notizen. 1. Eid. Die neutestamentliche Bergpredigt liebt mit anderen Lngenauigkeiten auch hervor, dass die alte Lehre den Eid zulasse, die neue aber ihn authebe und einfaches ״Ja“ und ״Nein“ als genügend erkläre. Doch derselbe Grundsatz und Aussprach findet sich im Talmud (Bab. K. 93, a) über הן und לאו. Der Stifter des Christenthums steht auch hier wieder aut dem Boden des Judenthums. Seine Rede eifert nur ganz im Sinne jüdischer Lehrer und Propheten gegen den Missbrauch des Schwörens. Auch der Dekalog, unsere sinaitische Bergpredigt, eifert nicht nur gegen den falschen Eid, sondern gegen den Eid überhaupt. Der neunte Ausspruch von der falschen Zeugen- ■ aussage wird im Talmud so aufgefasst, dass mit Berufung darauf schon die einfache Aussage, auch ohne Eid, genüge, denn eine falsche Aussage sei in gleicher Weise eine Uebertretung des Zehngebots, wie der falsche Eid. So wurde es auch noch bei dem Eide more judaico seitens christlicher Richter nach jüdischem Rechtsverfahren gehalten. Die Zeugenaussage von Juden gegen Juden bedurfte nur einer Berufung auf den neunten Ausspruch des Dekalogs, keines Eides. Spätere Gesetzeslehrer sind zwar wegen des schwindenden Vertrauens der Beschränkung des Eides nicht mehr entgegen getreten. Anders ist es auch nach mosaischem Gesetze nicht. Denn zunächst spricht der dritte Ausspruch des Dekalogs nicht direkt vom Meineide, sondern verbietet, den Namen ״Ewiger Gott“ den falschen, vergänglichen Wesen beizulegen, die keine Göfter sind. Die Bezielmng auf den Meineid wird nur aus einer indirekten Deutung gefolgert. Dann heisst es Lev. 19,12: ״Ihr sollet bei dem Namen Gottes nicht falsch schwören“, d. h. Ihr sollet überhaupt nicht schwören, aber wenn ihr schwöret, sollet ihr nicht falsch schwöreu. Deut. (5,13 heisst es: ״Ihr sollet bei seinem (Gottes) Namen schwören1', also auch wieder in dem gleichen Sinne: Ihr sollet nicht schwören, aber wenn, nur bei Gott, nicht bei den falschen Göttern. Denn השבע heisst ursprünglich beim Saturn (שב, dem siebenten Gotte der Heiden, unserm Teufel entsprechend) sich verwünschen, d. i. schwören. Maimonides erklärt darum das Schwören bei Gott einem öffentlichen Bekenntniss des wahren Gottes gleich, ähnlich dem ויקרא 3שם des Abraham. Denn bei Gericht kann der menschliche Richter des Eides nicht entbeliren. So erklärt es Exod. 22,10 trotz Dekalog, und heute noch der christliche Richter trotz Bergpredigt. R.-A. 2. Die Bezeichnung Roms mit אדם ist wohl historisch aut Herodes zurückzuführen, der, einldumäer, durch Rom gestützt und geschützt wurde, so dass Rom dadurch in den Augen der Juden selbst ״idumäisch“ geworden war. Aber auch das christliche Rom wird mit אדם tortbezeichnet, weil durch das Christenthum, die Tochterreligion Israels, Rom eigentlich mit Israel verbrüdert worden ist: die christlichen Völker gelten als Brudervölker Israels, wie Edom (Esaut der leibliche Bruder Jakobs war. Man rede daher nicht von Feindschaft Israels gegen die Christen, Israel hat von Anfang an den Christen die treue Bruderhand entgegen gehalten. Des ist die Bezeichnung des christlichen Rom mit Edom Zeuge. Aber das christliche Rom war feindseliger gegen die Juden, als das heidnische. ״Ein ferner Freund ist oft besser, als ein naher Bruder“. Es liegt demnach heute eiue schmerzliche Rückerinnerung darin, wenn wir Rom mit א1ם bezeichnen; nicht Hass ist es, sondem ein Ausdruck bitterer Ironie und Enttäuschung. R.-A. 3. Herr Dr. Goldschmidt-Weilburg führt die Sage von den 3 Ringen auf eine Erzählung von Schesrit Israel zurück. Von litterarischem Interesse dürfte 03 sein, zu bemerken, dass dieselbe Erzählung, und zwar ausführlicher, sich schon in dem älteren Schew. Jehuda von Sal. Jbn Verga findet; cfr. ed. Wiener S. 54 (deutsch § 32). R.-A. (Herr Dr. G. kommt in nächster Nr. selbst hierauf zurück. Red.) Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahm e r Magdeburg. Druck von D. L. Wol ff. Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.