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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-08-12 · N° 33. (12.8.1886) · p. Seite 128

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 33. (12.8.1886)
Date
1886-08-12
Page
Seite 128 (sequence 2)
Language
German
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— 128 — mung des missliebigen Strebens jener Männer als jüdisch — dies camgrano salis aufgefasst. Eine der Thesen der evangelisch-lutherischen August-Konferenz vom Jahre 1885 lautete wörtlich: ״Die Leugner der Gottheit Christi, auch wenn sie äusserlich zu einer Kirchengemeinschaft gehören, sind in Wahrheit Angehörige einer andern Religion“. Eine verschämte Paraphrase für: Judenthum! Diese, nach unserer Ansicht unter einer naheliegenden Voraus- Setzung zum Theil richtige, These fand allgemeinen Beifall. So sprechen, schreiben, predigen heut die offiziellen Vertreter des Christenthums zum weitaus grössten Theil, so denken noch Millionen Anhänger desselben, in diesem Sinne lehrt jedes christliche Religionsbuch, in diesem Sinne muss jeder christliche Religionslehrer einer staatlich beautsiohtigteu Schule unterrichten, von jedem getauften Juden, der das Amt eines solchen Lehrers oder ein mit dem Christenthum auch nur in einiger Beziehung stehendes öffentliches Amt erstrebt, setzen die christlichen Staatsregierungen voraus, dass er die Gottheit Christi anerkenne. Wage es doch einmal ein getaufter Jude, bei Bewerbung um ein solches Staatsamt zu erklären, er leugne die Gottheit Christi, er verehre ihn nur als einen ״Mann, der sich zu freier Gesinnung durchgekämpft“ (S 1!• der ״Gedanken“). Freilich werden selten Täuflinge, zumeist ״klug wie die Schlangen“, dies bei Bewerbung um irgend ein Staatsamt auch nur merken lassen. Aber da sie wissen, dass die Staatsregierungen die Anerkennung der Gottheit Christi bei ihnen voraussetzen — sind solche ״klugen“ Amtsbewerber nicht ganz erbärmliohe Heuchler und Betrüger, ja, sind sie nicht — hier dürfte das Wort am rechten Platze sein — ganz erbärmliche ״Schacherjuden“ oder noch richtiger Schacherohristen!׳ — Weiter: Ausser dem Trinitätsdogma soll Alles im Christenthum, genauer in der evang. Kirche, von untergeordneter Bedeutung sein! Aber ist das denn wirklich wahr? Kennt der Verf. der ״Gedanken“ nicht die christliche Lehre von der dem Menschen eingeborenen Sündhaftigkeit, das Dogma von der Erbsünde, die nur durch den Kreuzestod Christi und durch den Glauben an dessen erlösende Kraft getilgt werden könne? Sind ihm die entsprechenden neutestamentlichen Lehren (Job. 3,16. 1. Joh. 1,7. Römer 5,12 u. v. a. St.) nichts, gar nichts? Doch ״genauer“: Die kath. Kirche lehrt, dass des Menschen Befähigung zum Guten durch die Erbsünde so geschwächt ist, dass er nur durch die unfehlbare Kirche und ihre Heflsraittel sein Heil finden kann. Beweis: Conc. Trid. Sess. 5. Cat. Rom. 1, 10, 10, 17, 19. Insbesondere lehrt die kath. Kirche ihre eigene Unfehlbarkeit in Dingen des Glaubens und der Sitte, erklärt jede andere ״Kirche“ für ״Teufelswerk“. Cat. Rom. 1, 10, 18. Die evang. Kirche überbietet die kath. in der Erbsündenlehre noch, indem sie sagt, dass nach dem Sündenfalle die Natur aller Menschen absolut verdorben und zum Guten in jeder Beziehung unfähig sei. Beweis: Aug. Conf. 9. Apolog. A. C. 51. 53. 55. Art. Sm. p. 317. Form. Conc. p. 573. 574. 610. Ebenso die reformirten Symbole: Conf. Helv. II, 8. 9. Conf. Gail. 9. Conf. Scot. 3. Conf. Belg. 15. Um so mehr musste auch diese Kirche den Grundsatz festhalten, dass ״ausserhalb der Kirche kein Heil“ sei. C. A. p. 10; Cat. maior. p. 500 ff. C. Helv. H., 17. Conf. Belg. 28: Extra ecciesiam nulla salus! Sie lehrt ebenfalls ihre eigene Unfehlbarkeit. Apol. C. A. IV., 20. Conf. Helv. II, 17. Apol. C. A. IV., 27: Conf. Helv. 2. 2. Ecclesia Dei . . non errat! Die Erbsündentheorie muss eine Grundlehre des Christenthums sein; denn fällt diese Theorie, 80 fällt ja auch die Nothwendigkeit einer Erlösung durch Christum hinweg. Wie ganz anders, wie Vernunft- und schriftgemäss ward und wird dagegen jüdischerseits gelehrt! Mehrere jüdische Bibelforscher nahmen in der Er- Zahlung vom sog. Süudenfall die Schlange als Sinnbild, um den innern Kampf der Sinnlichkeit mit der Tugend zu veranschaulichen; aber auch diejenigen jüdischen Forscher, welche sich einer andern Auffassung zuneigen, vertheidigea auf Grund der Vernunft und der Schrift (1. M. 4,7: Du kannst und sollst über die Sünde herrschen, und 5. M. 24,16; 30,15 und 19; ferner Jechesk. 18,20 ff, Jes. 43,25; 44,6. Pred. 7,29. J. Sirach 10,21 und Luthers V. 22: Der Mensch ist nicht böse geschaffen. Das. 15,14 ff.) die Selbsterlösung, die Sol b stversöhnung mit Gott, die Selbstheiligung. Demgemäss heisst es in dem Morgengebet der Israeliten so wahr wie schön: ״ Mein Gott! Die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein; denn Du — Reiner — hast sie geschaffen, Du sie gebildet, Du sie mir eingehaucht und Du bewahrst sie in mir“. Welch ein würdiger Gottes- und Menschenbegrifl! Leider ahneu manche Juden nicht einmal den unvergleichlichen Schatz , den ihre Gebete bergen “) Kohelet predigt ganz allgemein, ohne irgend welche Ausschliessung, ״der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben“ (12,7); dementsprechend erkennt der Talmudismus ״den Gerechten aller Völker Antheil am ewigen Leben“ zu. Allerdings lehrt auch das Christenthum: Nun, ich habe es in der That erfahren, dass bei Gott kein Ansehen der Person gilt, sondern in allerlei Volk, wer Gott fürchtet und Recht übt, der ist ihm angenehm; Preis, Ehre und Friede Jedem, der Gutes thut, besonders dem Juden, aber auch dem Heiden, denn bei Gott gilt kein Ansehen der Person (Apostelg. 10,34 und 35 resp. Römer 2,10 und 11). Diese, ausweislich der zahlreichen alttestamentarisohea Parallelstellen bei Luther, durch und durch jüdischen Lehren sind indess eben — jüdisch und werden im Christenthum, wenigstens im historischen, überwuchert von den entgegengesetzten paulinischen und verwandten Dogmen. Wir fragen nun jeden vorurtheilslosen Menschen: In welcher Religion prävalirt die wahre Willensfreiheit, die Selbstheiligung, die Nächstenliebe ohne Glaubens-, Stammes- und Standesunterschied, in welcher erscheint die Einheit Gottes und die Einheit des Menschengeschlechts — das der Psalmist so unübertrefflich schön mit Mischpechot ammim Völkerfamilien bezeichnet — als Kern und Stern, in welcher bekundet sich für Diesseits und Jenseits, für Zeit und Ewigkeit Universalität, in welcher über das *) Unterm •'i. Juni d. J. fragte uns ein Herr ״J. K.“ aus Berlin an, warum wir in No. 52 des Jiid. Litt.-Bl. Jahrg. 1385 — wo wir den ״Gedanken“ der Formonschünheit aller Kiichenlieder beleucliteten — nicht• auch das liekaunte Kirchenlied anführten: ״Ich hin ein altes Rabenaas — Ein trocher Sündenliimmel‘• etc. Antwort: weil die meisten neuern Gesangbücher da» Lied mclit mehr bringen: nur au» diesen weilten wir Beispiele vollendeter ״Fonnonschönheit“ anführen. Aus demselben Grunde haben wir u. A. auch da» Lied von Johann Hist: ״Kommt her, ihr Menschenkinder“ nicht erwähnen mögen, da» die Hölleniiualen also schildert: ״Du wirst für Stank vergehen, — Wenn du dein Aas musst sehen, — Dein Mund wird lauter Gail — Und Hüllenwermuth schmecken, — Des Teuf61s Speichel lecken, — Ja fressen Kotli im finstern Stall. Es wird uie Gluth dich brennen, — Die Teufel werden treunen — Die Adern, Fleisch und Bein. Sie werden dich zerreissen, — Sie werden dich zerschmeissen, — Und ewig deine Henker sein!“ Wenn uns übrigens der Herr Fragesteller seinen vollen Namen angebeu wird, wollen wir ihm bereitwilligst auch seine übrigen Fragen beantworten. Kr.

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