Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 29 (15.7.1886)
- Date
- 1886-07-15
- Page
- Seite 114 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Litteraturbericht. Recensionen. Geiger Ladwig, Professor, Dr. Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland. Band I. Heft 1. Braunschweig C. A. Schwetschke und Sohn. 1886. (Schluss). Die Munckersche Arbeit ist eine kritische kleine Studie wie sie sein soll. Ihre Urtheile basiren auf eigenem Studium, ihre Behauptungen sind wohl motivirt und die knappe Form, in der das Ganze gehalten ist, stehen ihr wohl zu Gesichte. Recht anziehend ist die Schilderung und Auseinandersetzung der Be• deutung M’s. als Uebersetzer, insbesondere als Bibel• Übersetzer. Ueber letztem sagt Muncker u. A.: ״Wie Luthers Bibel, so war auch Mendelssohn’s Ueber- Setzung des alten Testaments nicht allein eine litterarische, sondern eine nationale That von unbereohenbarer kulturhistorischer Wirkung. Ueberall bessernd und bildend, drang sie bald in die verschiedensten Schichten der Juden in Deutschland ein . . . Die meiste Mühe bei der Arbeit machte es ihm, wie er Freunden wiederholt gestand, alles zu vergessen, was er jemals bei jüdischen oder christlichen Uebersetzern, Auslegern und Paraphrasten der Bibel gehört und gelesen hatte. Nur wenn er alle diese alt6n Ideen aus seinem Kopfe ausgelöscht hatte, konnte er hoffen, mit unbefangenem Gemüth und ungeblendetem Auge richtig den Sinn der Urschrift zu erfassen und auszudrücken “. Ueber M's. Darstellungsweise im Yergleioh mit der Lessing’schen sagt Muncker: ״Moses schrieb im Ganzen fast leichter, jedenfalls zierlicher, eleganter, wohl auch oorrecter als Leasing׳, er bildete seine Sätze einfacher; seine Darstellung floss gleichmässiger, ruhiger, anmuthiger dahin; ihr fehlte, wenngleich Moses die Kunstgriffe der Rhetorik nicht verschmähte, das leidenschaftliche Pathos Leasings, der Ausdruck subjeotiv persönlicher Theilnahme; ihr fehlten die rossartigen Gleichnisse und Bilder, denen Lessing’s praohe vornehmlich ihre eigentümliche Färbung verdankte, wie überhaupt die poetischen Elemente in derselben .. . M’s. Stil unterschied sich von dem Stile Lessing’s, wie seine menschliche Individualität von der des Freundes: L. kühn, M. schüchtern; jener kampflustig, dieser friedsam etc.“ Von M’s. kritischen Urtheilen rühmt Muncker: ״Vor Allem bestach ihn niemals die Person des Verfassers und sein gesellschaftliches Verhältniss zu demselben. Rücksichtslos gegen den sozialen Rang oder gegen das litterarische Ansehen des Schriftstellers, den er beurteilte, tadelte er am Meister wie am Anfänger, was ihm mittelmässig oder schlecht schien eto.“ Hier noch der Schluss der lesenswerthen kleinen Studie: ״Die Kunstlehre verdankte ihm zunächst die wissenschaftliche Feststellung und Erörterung ästhetisch bedeutsamer Begriffe. An seinen Abhandlungen lernte Herder wie Lessing; ihr Einfluss erstreckte sich bis auf Kant und Schiller. Aus seinem Aufsatz ״Ueber das Erhabene und Naive in den schönen Wissenschaften“ (1758) schöpften Philosophen wie Kritiker bis zum Ende des Jahrhunderts Anregung und Belehrung, bis Kant denselben Gegenstand von neuem und tiefer ergründete und noch Schiller, der Schüler Kants, nutzte Mendelssohn’s Darlegungen . . Darum bewunderte denn auch Kant ungeheuchelt M’s. speculatives Genie, das er sogar für fähig erachtete, neue Bahnen in der Methaphysik zu brechen, wie er andererseits seine Schreibart, als die für die Philosophie zuträglichste pries. Gleich Kant entfaltete M. seine bedeutendste Thätigkeit nicht unmittelbar im Bereiche der schönen Wissenschaften; wie Kant’s Werke griffen aber auch seine Schriften nach mancher Seite hin bestimmend in die Entwicklang unserer poetischen Litteratur ein. In die Periode, da sie aus starrem Schlafe zu frischem Leben wieder erwachte, fielen seine Anfänge; mit ihr entwickelte er mannigfaltig und gedeihlich seine Kräfte, und bis hinüber in die glanzvollste Epoche deutscher Dichtkunst wirkte er, der edelste Vertreter des populären Rationalismus, der eleganteste Schriftsteller unter den deutschen Philosophen des vorigen Jahrhunderts, der freisinnige Aesthetiker und Kritiker, der Freund Lessings“. — Das Urtheil über ״Zur Geschichte der Juden Deutschlands im früheren Mittelalter“ von R. Höniger, der dritten Abhandlung des Heftes, mag einer kundigeren Feder Vorbehalten sein. Die Arbeit ist, wie der Verfasser selbst bemerkt, aus einem in der historischen Gesellschaft zu Berlin gehaltenen ״ Vortrage“ hervorgegangen. ״Miscellen“ historisohen Inhalts schliessen das Heft. Wie schon im Eingang meiner Besprechung angedeutet, ist das im 1. Hefte Gegebene nicht geeignet, weitgehende Erwartungen, die sich etwa naoh dem Prospecb des Unternehmens an dieses knüpften, zu erfüllen. Es hätte hierzu keines solchen, überhaupt keines neuen, Apparates bedurft, dazu hätte Frankels Monatsschrift wahrlich ausgereicht. Hoffentlich bieten die weiteren Hefte Bedeutenderes. Dass man den Umschlag zur Empfehlung von E. v. Hartmanns ״Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft“ hergab, scheint mir für eine ״Zeitschrift für die Juden“ doch ein wenig zu buchhändlerisch gedacht. Krm. Notizen. 1. Vom Herrn Doctor Hamburger, Landrabbiner in Strelitz, sind zwei Supplementbände zur Real-Encyclopädie erschienen, welche in aer That sehr nothwendig waren. Die eine Abtheilung ergänzt die Lücken, welche im talmudischen Bande Vorkommen, ao heisst es z. B. beim Artikel ״Barkappara“ Seite 85, siehe: Simon b. Kappara. Allein sucht man diesen Artikel, so findet man wieder nichts. Nun wird’s im Supplementbande nacbgeholt; die Ergänzungen in diesem Theile gehen bis zum Buchstaben z. Der biblische Theil bringt auch viele Ergänzungen, erstreckt sich aber vorläufig nur dis zu dem Worte ״Babel“ und siebt man der Fortsetzung entgegen. Im talmudischen Theil dürfte jedoch noch manches nachzutragen sein, was bei einem so grossartig angelegten Werke nicht Wunder nehmen darf. Rabb. Dr. M. Duschak. 2. Ueber das האמרת vgl. Ben Chan. 4, S. 226, wo auf das talmudische מאמר hingewiesen wird, welches ״Verbindung“ heisst, mit Beziehung aut Meiers Wurzelwörterbuch S. 279: אמר Zusammenhängen, Zusammenschlüssen , woraus, wie Löw mit Recht sagt, die einzige richtige Erklärung von 0 B. M. 26, 17, 18 folgt. Die Bedeutung manches biblischen Wortes heisst es ibid. S. 224 kann durch aen mischnischen Sprachgebrauch eruirt werden, und wird auf Luzzato Proleg. § 79. L. L. 8, 2 und auf Kusari 3, 67. hingewiesen. Duschak. 3. Zur Bemerkung des Herrn Rmg. in Nr. 27 glaube ich, dass Horaz das Jahr der .Juden von Nissan an rechnete, daher die ״tricesima sabbata“ der Versöhnungstag ist, denn 6 Monate geben 24 Sabbate, dazu 2 Passat'este, ein Scnebuottest, ein Neujahrstag und שבת שובה geben 29 Sabbate. Vom שבת הגדול aber wissen wir noch zu wenig, sein sehr später Ursprung ist noch nicht aufgeklärt, als dass schon Horaz ihn auszeichnen sollte. Die כלה (a^oXr;) fand auch vor dem andern Feste statt, und ist spätem Ursprungs. Duschak. Verantwortlicher Redaoteur Dr. Ra hm er Magdeburg. Druck von D. L. W 01 f t, Magdeburg. Verlag von Robert F r i e s e, Leipzig.