Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 28. (8.7.1886)
- Date
- 1886-07-08
- Page
- Seite 110 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 110 Mendelssohniana. Gelegentlich der Mendelssohnfeier gab mir ein Freund ein Bächlein, welches er vor vielen Jahren einmal gekauft hat. Dasselbe enthält die Uebersetzung zweier Abhandlungen, die der edle Philosoph in hebräischer Sprache abgefasst hatte. Sein Freund Friedländer fand sie bei Durchsicht des Nachlasses, liess sie übersetzen und gab sie heraus. Die erste führt den Titel: ״Kurze Abhand• lung von der Unsterblichkeit der Seele“. Berlin und Stettin bei Friedrich Nicolai. 1787. Sie ist, wie der Uebersetzer, der sich H. J. zeichnet, richtig bemerkt, ein kurzer Auszug aus dem Phaedon, und stellt in mathematischer Form, in Lehrsätzen und Beweisen, klar und übersichtlich den Hauptinhalt jenes berühmten "Werkes dar. Das Schriftchen soll Lesern von schwächerer Fassungskraft dienen, welche nicht im Stande sind, aus der dialogischen Einkleidung des grösseren Werkes den leitenden Faden heraus zu finden. — Die zweite Schrift ist betitelt: ״Ueber das Kommerz zwischen Seele und Körper“. Die Ueber- Setzung ist von Salomon Amschel, Candidaten der Philosophie auf der Universität Bonn, abgefasst und 1789 ״gedruckt mit Abshovi’schen Schriften“.*) Sie ist sohwerfällig und stellenweise undeutlich. Beide Abhandlungen verdienten eine neue Bearbeitung nach dem hebräischen Texte, der hoffentlich noch vorhanden ist, schon weil der philosophische Standpunkt Mendelssohns in ihnen ganz klar und bestimmt zu Tage tritt. Dass M. an der Hand Locke’s und Wolff’s in das Reich der Philosophie eingetreten und durch Letzteren ein mittelbarer Schüler von Leibnitz, und dass Spinoza ihm zuwider war, weiss man aus seinen Biographien, dass er an den persönlichen Gott und an die persönliche Unsterblichkeit des Menschen- Seistes glaubte, auch ein Anhänger des Leibnitzisohen ptimismus war, sieht man aus seinen grösseren Werken. Diese beiden kleineren Schriftchen aber zeigen deutlich, dass er durch und durch Leibnitzianer gewesen ist, dass sich seine ethischen und religiösen Ansichten auf einer entsprechenden metaphysischen Grundlage aufbauten, und dass, wenn er unter den heute sich um die Herrschaft streitenden Systemen zu wählen hätte, er sich der Herbart-Lotze’schen Richtung zuwenden würde. Der Angelpunkt der ersten Schrift liegt in dem Satze, dass die Seele eine einfache Substanz, eine Monade ist. Von den zusammengesetzten, den körperlichen, Dingen wird sehr treffend gesagt, dass sie ausserhalb der Seele keine Vollständigkeit haben, nichts Objectives sind. Denn zum Wesen eines Dinges gehören, heisst es, die Verhältnisse und Beziehungen seiner Theile, und Beziehungen existiren nur in einem denkenden Wesen. In der zweiten Schrift bekennt er sich zu Leibnitzens Lehre von der prästabilirten Harmonie. Sie ist an einen Freund gerichtet, welcher gegen diese Lehre den Einwand erhoben zu haben scheint, dass dieselbe die Freiheit aufbebe. Mendelssohn zeigt nun sehr schön, dass wahre Freiheit eben nur in einer *) Der Uebersetzer hat sein Werkchon ״Seiner Exrellenz Franz Wilhelm Freiherrn von Spiegel zum Diesenberg und Kalmstoin etc., kurtürstl. geheimen und Konferenzrath, Hofkammerpräsidenten, der hohen Domkirchen zu Münster und Hildeaheim Kapitularherrn und Universitätskuratoren“ gewidmet, und bemerkt am Schlüsse seines Vorberichte: ״Meinen wohlthätigen Gönnern, die mich durch Subscription in den Stand setzten, diese Schrift zum Druck zu befördern, sage ich den verbindlichsten Dank. Da ihre Absicht nicht so sehr sein konnte, eine dem Geiste Mendelssohns entsprechende Uebersetzung von einen'. Kandidaten zu erwarten, als mich vielmehr in meiner akademischen Lautbahn gütigst. zu unterstützen; so werde ich mich ihnen nicht dankbarer zeigen können, als wenn ich durch unermüdetes Bestreben mich zu befähigen suche, dereinst etwas Besseres zu liefern.“ solchen Seele anzutreffen ist, deren Entschliessungen aus einem vernünftigen Grunde hervorgehen, in welcher also jede neue Vorstellung die nothwendige Folge der vorhergehenden ist. Zur Freiheit einer Entschliessung wird bloss erfordert, dass sie aus dem Wohlgefallen des Wollenden an dem Zwecke hervorgehe. Dass die Zweck- Vorstellung und das Wohlgefallen an derselben, Glieder einer von Ewigkeit festgefügten Kette sind, hebt die Freiwilligkeit aer Entschliessung nicht auf. Die Frage nach der Freiheit bringt ihn schliesslieh auf das Thema von der Vergeltung, und hier verwirft er nun als Gottes unwürdig ganz unbedingt die Vorstellung, eine von Gott verhängte Strafe könne je den Zweck haben, dem Missethäter Schmerz zuzufügen, und nachdem der Mensch das sittliche Uebei in die Welt gebracht, mache Gott nun das Mass der Uebei voll, indem er noch das physische hinzubringe. Eine von Gott verhängte Strafe könne schlechterdings keinen andern Zweck haben, als die Besserung des Sünders. Jt. Notizen. 1. Aus einer grossem Abhandlung des Herrn G. Pabst in Crefeld über das in No■ 20—26 des ״Litt.-Bl.“ vielbesprochenen הטנותא, glaube ich den תמצית den geschätzten Lesern nicht vorenthalten zu sollen. Nach meinem unmassgeblichen Dafürhalten hat Herr Pabst mit seiner einfachen und ungesuchten Deutung das Richtige getroffen, da seine Ansicht sowohl von Raschi zu Mischnah Sotah 9,15, als auch zu Talmud Babli Gitin 29 b wesentlich unterstützt wird. Er leitet das Wort קטנותא von ,קוטניד ~ Schweif, Ende ab und stützt seine Ansicht auf Targ. Jon. u. Jer. zu Exodus 4,4 ואחוז כזנבו, welches t. jon. mit ואחור בקוטניה und t. Jer. mit ותתקוף לות קוטנוי übersetzen.*) Die Mischnah will mit den Worten שלויה קטנותא של חסידים sagen: Es war das Ende der Chassidim da sie waren im Abnehmen begriffen. Das Wort bezieht sich nicht auf R. Jose allein, in welchem Falle es hätte heissen müssen שהוא היה er war das קטנותא, sondern auf die ganze Secte. Dies ist auch Raschi’s Ansicht, welcher deutlich sagt: שהיו החסידים הולכים וכלים והוא היה מקטניהם וסופם• Die ch. waren im Abnehmen begriffen u. R. Jose war מקטניהם von den zu Ende gehenden וסופם und zugleich der allerletzte. — Nach dieser Deutung liessa sich auch Gitin 29 b auf ganz einfache und natürliehe Weise erklären. R. Aschi sagte: בטלו כולן• Nun ist aber die Entscheidung nicht nach R. Aschi, sondern nach dessen Sohn Mar, der den nachträglich von seinem Vater erläuterten Ausspruch anführt und sagt: ״ הא דאבאDer Aussprach meines Vaters "ז״דקטנותא den er noch am Ende gethan“, nachdem er seinen ersten Au3spruch מת ראשק בטלו כולן aufgehoben,היא ist איתיה לבעל איתבהו לכולהו וכר Alles hängt von dem Manne ab; es mag der erste Bote gestorben sein, so lange der Mann lebt, gilt die Wirkung des von demselben übergebenen Scheidobriefes, wenn auch ein anderer als der erste Bote ihn überbringt. Dies ist auch Raschi’s Meinung. Mar sagte: ״Am Ende, nachdem er vorher gesagt hatte בטלו כולן, hat mein Vater berichtigend gesagt: ,שיש להשיב עליה אילו מת כעל וכר איתיה לבעל וכר Auch die Lesart des Tabu. Jerusch. שהיה תמציתן של חסידים ist mit dieser Deutung in Einklang zu bringen. תמצית von מצא, מצי, מיץ heisst ״ausarücken, -saugen, -pressen“. אומנא דלא מייץ Ein Besclmeider, der das bei der Beschneidung zurückgebliebene Blut, das Ende des Blutvorrathes nicht aussaugt u. s. w. in Taim. Sebachim heisst es קיר שהשירין שלו מתמצין• Das Wort תמצית ist synonym mit קטנותא oder Ende- — Dass R. Jose auch nicht als die (Quintessenz der Chassidim angesehen wurde, geht ebenfalls aus Talm. Jerusch, hervor: משמת ר׳ חנינא ור׳ יוסי קטנותא פסקו אנשי חסידים• Erinnern wir uns hierbei der talmudischen Aussprüche לא איברא צלמא אלא לר׳ חנינא כן רופא und כל העולם כלו לא ניוון אלא בשביל חנינא כני, so dürfte leicht ersichtlich sein, dass nicht R. Jose als die (Quintessenz der Chassidim galt. Er gehörte zwar zu denselben, die Secte hörte aber in seiner Zeit auf und er war ihr Ende. Colien-Rees a. Rhein. *) Diese Ansicht ist nicht neu, sondern stützt sich aut Aruch. — Im jerus. Talmud :Sota IX, 10) lautet die Stelle: ,ולמה נקרא שמו יוסי כן סיטוגתא שהיה וב(Red.) Verantwortlicher Redact eur Dr. Rahm er Magdeburg. Druck von D. L. Woltt. Magdeburg. Verlag von Robert Friese. Leipzig Dieser Nr. liegt ein Prospect (Zeitschrift f. d. Gesch. d. Judenth.) der Schwetschke’schen Yerlagsbuchh. bei.