Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-06-10 · N° 24. (10.6.1886) · p. Seite 93

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 24. (10.6.1886)
Date
1886-06-10
Page
Seite 93 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/6492408-5990841-5991151--0939-5368223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 93 — zum Ziele hatte, musste die nicht in einer dem Volke verständlichen Sprache gehalten werden, wenn das gesteckte Ziel, Andacht und Erbauungim weitesten Sinne, erreicht werden sollte! Nun sagt aber der Herr Rabbiner von önesen: ״ Das Targum—die Uebersetzung des hebr.Textes in eine fremde Sprache — beweist, dass Thoravorlesung Unterricht ist, denn wäre sie zum Zwecke der Andacht und Er b auung, wäre sie nicht übersetzt worden. — Wir finden nicht Werke der Andacht, die übersetzt worden wären!“ So! Und die Mischna, die da sagt ואלו נאמרין ככל לשון> J&88 Gebet, und Schema, und Kidusch, und Hallel, und Berachoth in jeder beliebigen Sprache gehalten werden, also ftir das unwissende Volk aus dem Urtext in jede beliebige Sprache übersetzt werden kann, wäre nur ״graue Theorie“ und nicht aus dem dringendsten praktischen Bedürfnisse des religiösen Lebens hervorgegangen! Und die Erzählung des jerusalemisohen Talmud, dass die Gemeinde zu Caesarea uas Schema in griechischer Sprache verrichtet, weil sie Hebräisch nicht verstanden, wäre nur ein Märchen, an dem kein wahres Wort ist! Warum sollten denn ״Werke der Andacht“ überhaupt nicht übersetzt werden, setzt ״Andacht“ nicht ״Verständniss“ voraus? Heisst es nicht: ולא עם הארץ חסיד! »Ein Ignorant kann nicht fromm sein “? (Schluss folgt.) Litteraturbericht. Recension. Singer, Joseph, Obercantor der israelit. Cultusgemeinde in Wien. Die Tonarten des traditionellen Synagogen-Gesanges (Steiger), ihr Verhältniss zu den Tonarten der vorchristlichen Musikperiode. Erläutert und durch Notenbeispiele erklärt. — Wien 1886. Verlag von Em. Wetzler (Julius Engelmann). 19 Seiten Text, 11 Seiten Notendruck in 8°. Um dem Compositionsgelüste seiner Collegen entgegenzutreten und ein möglichst einheitliches synagogal-liturgisohes Gesangsystem anzubahnen (Vorr.), bemüht sich der Verfasser, den Nachweis zu führen, dass die Art und Weise, in welcher der Vorbeter der deutschen und polnischen Synagoge sein freies Recitativ vernehmen lässt und die der polnische Jude ״Steiger“ nennt, gar alten Ursprungs sei, ja sogar bis in die vorchristl. Musikperiode zurüokreiche. Während bisher die Bezeichnung ״Steiger“ nur als Prototyp für das freie Recitativ gebraucht wurde, indem man von einem יקום פורקן,-אהבה רכה- und מי שברך- oder אב הרחמים - Steiger sprach, will der Verfasser alle Melodien der Synagoge — Neginoth, Pismonim, Aboda, gewöhnliche Gebetstücke und die verschiedenen Pijutim — zusammenfassen, um sie drei Tonsystemen unterzuordnen. Er geht dabei von den alten Kirchentönen aus, gelangt auf S. 12 zur äolischen Tonart und schliesst einzig und allein aus der Uebereinstimmung derselben mit seinem מק אמת-Steiger auf das Alter desselben. *) Buxtorf citirt diese Stelle in seinem Lexic. talm. p. 104.: ״R. Levi ivit Caesaream, audiensque eos legentes lectionem ״Audi Israel“ ex Deut. 0. hellenistice, voluit impedire ipsos. (Sota cap. 7. Talm. Hieros). R. Jose id animadvertens, irascebatur, diceus: Qui non potest legere hebraice, nnm omnino non leget? Imo leget quacunqua lingna, quam intellegit ac novit, et sic officio suo satistecerit Haec ibi! — B. fügt hinzu: ״Ergo etiam sacra legere in Synagogis fuit permissum, quod a multis negatur.“ IC. Diese Art. das Alter einer Melodie zu bestimmen, kann aber nicht acceptirt werden, weil sie jeder wissensohaftliohen Basis entbehrt, wenn auch der Verfasser an dieser Stelle in gesperrter Schrift pathetisch ausruft: ״Wer kann und darf es nun wagen, das Alter dieser Singweisen zu bezweifeln, wenn ihr Tongefüge, d. h. die charakteristische Zusammenstellung der Skala, als im Alterthum bekannt (der Herr Autor nimmt die Jahrzahl 800 v. Chr. an), nachgewiesen erscheint?“ Abgesehen davon, dass die ״Steiger“ vom Herrn Verfasser individuell aufgefasst erscheinen, ist das Alter der äolischen Tonart allein noch kein Beweis für das Alter des אבות ^-Steiger. Meiner Ansicht nach hätte Herr Singer bei der Analyse der betreffenden Melodien nicht blos auf ihre Tonfolge, sondern auch auf die Intonation, den Chorai- und Finalton (auf welchen länger und öfter verweilt wird) und die Art des Schlusses eingehen müssen, er wäre dann zu ganz andern Resultaten gelangt! Zur Unterscheidung, welcher Epoche diese oder jene Melodie angehört, stehen uns sicherere Mittel zu Gebote, einerseits die Texte, anderseits der Styl und Charakter der Melodie selbst. Auf diese Merkmale streng geprüft, ist auoh jeder Synagogen-Gesang in ein bestimmtes System — nur in kein Tonartsystem! — zu bringen. Dabei muss sich eine bestimmte harmonische und sogar modu- Iatorische Beziehung der Töne zu einander ergeben. Ich möchte das Dargelegte durch ein Beispiel erhärten und nur noch bemerken, dass das Geheimniss dieser Gesangsweise (sie rührt von Volhynien her, von wo aus sie durch eine Anzahl berühmter הזגים Verbreitung gefunden und ist. kaum 150 Jahre alt) in der Entfaltung einer reichen und doch gebundenen Phantasie beim Recitiren der bestimmten Gebete liegt. Denken wir uns den דמלך - Steiger in C, so finden wir, dass folgende Tonphrasen in ihm in Anwendung kommen: *) ceggfeg gefgaheebag c g fis es d c d es fis g e d c. Die in ihm angeschlagenen Töne sind: aufw. edefgahe abw. obagfedc Ausserdem ist charakteristisch in ihm die Tonfolge: aufw. c d es fis g abw. g fis es d c. Die Intonation: 0 e g, Choralton: g (als Oberdominante), Finalton: c (als Tonica), Schlussoadenz: e d c. {״ ״ a ״״ a ״ a ״ Mittelsatz mit dem Charakteristioum der kleinen Terz in der ersten Zeile, während die Halbcadenz die grosse Terz bringt. Schlusssatz Vordersatz (fgagfegd \gedodedo Beim 8. Satze ist zu verzeichnen: die Modulation nach f (als Unterdominante) und d (als Quinte der Oberdom. mit Quartsprung g—d) und wiederum die Cadenz e d 0. Ich kann unmöglich ein Tonstück, in welchem e und es, f und fis, h und b vor kommt, in ein Tonart-System bringen und doch ist es oben in ein bestimmtes System gebracht, welches Intonation, Choral- und Finalton, sowie die Schlussoadenz genau *) Da die Officin keine Noton-Typen hat, mussten die• selben durch Buchstaben ersetzt werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.