Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 19. (6.5.1886)
- Date
- 1886-05-06
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 72 — Verständnisse näher zn bringen. Ich hoffe mit diesem Pröbchen aus der älteren hebräischen Litteratur Manchem za ähnlichen Unternehmungen die Anregung gegeben zu haben, nämlich die kleineren abschliessenaen Stücke von allgemeinem Werthe, die in seltenen hebräischen Drucken und Handschriften zerstreut sich vorfinden und durch ihre Gemeinverständlichkeit bekannt zu werden verdienen, durch Uebersetzung dem gebildeten Publikum zugänglich zu machen, was entschieden dazu beitragen würde, die jüdische Litteratur bekannter zu machen, als sie es ist. Das erste Beispiel lautet: Von gelehrten Gewährsmännern wird überliefert, dass Rabbi Isak Kanpunton, Rabbiner von Kastilien, mehrere ausgezeichnete und hervorragende Schüler hatte. Bei besonders schwierigen Materien pflegte er ihnen den Auftrag zu geben, selbstständig über den Gegenstand naohzudenken. Bevor sie nun mit ihren Ergebnissen vor ihn hintraten, erklärte er: ״ Der Eine werde sich so, der Andere 80, der Dritte so äussern und je einen Theil treffen unter Angabe je ihrer Argumentation“. Als sie ihm nun ihre Ansichten entwickelten, thaten sie es in derselben Weise, wie er es vorher gesagt, ja oft bis zur wörtlichen Ueberein- Stimmung. Er kannte nämlich ihren Gedankengang, ihre Anlage und Methode, die Richtung ihres Geistes dergestalt, dass er kraft des eigenen Urtheils anzugeben im Stande war, was ein Jeder von ihnen nach eigenem Nachdenken und Erwägen finden musste. — Das zweite Beispiel: ״Ich will nun eine auf unser Problem bezügliche kostbare Geschichte hierherstellen, die in Spanien sich zugetragen, als es noch von Juden bewohnt war. Es soll nämlich in alter Zeit in Spanien ein Mann von universaler Gelehrsamkeit, ein weithin berühmter grosser Astrolog, Namens Abraham Zakuto, gelebt haben, der im Dienste eines spanischen Königs gestanden. Als er einst in der Burg des Königs sich befand und der gesammte Hofstaat versammelt war, priesen die Fürsten, Granden und obersten Würdenträger den genannten Gelehrten ob seiner Grösse als Astrolog. Den König, der das hörte, verdross diese ausserordentliche Auszeichnung eines Juden, da es ihm keineswegs feststand, ob er sie verdiene und er beschloss daher, ihn auf die Probe zu stellen. Der König eröffnet» also dem Astrologen: ״Ich habe die Absioht, einen Jagdausfiug zu machen; die Stadt ist, wie Du weisst, mit einer Festungsmauer umgeben: Gieb mir nun an, aus welchem Stadtthor ich ausziehen und zu welchem ich wieder in die Stadt hineingelangen werde“. Darauf sprach der Astrolog zum König: ,Bewillige mir etwas und ich will nach Deinem Befehle, 0 König, handeln“. Auf die Einwilligung des Königs sprach er: ״Ich habe nur die Bitte, dass man mir aus den königlichen Gemächern ein Blatt Papier bringe, auf das ich die für meinen Herrn, den König, bestimmte Antwort schreiben will. Dieses Blatt werde ich in ein Tuch einbinden und in dasselbe einsiegeln, der König aber möge es Demjenigen übergeben, den seine Majestät dazu ausersehen. Dasselbe bleibt uneröflnet, bis der König in die Burg zurüokkehrt, darauf 8011 das Blatt hervorgeholt, sein Inhalt gelesen werden, sodann verfahre mit Deinem Diener, wie es Dir beliebt“. Der König stimmte zu und Abraham schrieb in Gegenwart des Königs und des Hofstaats, ohne dass nach dem ausdrücklichen Befehle des Königs!Jemand Innensehen durfte. Darauf band man das Blatt ein, und bewahrte es an einem sicheren Orte in einem Schrein. Jetzt beriet sich der König, wie man den Juden eines Irrthums überfuhren und seine schriftliche Vorhersage vereiteln könnte, um ihn so als unzuverlässig hinzustellen. Er ertheilte den Auftrag, in die Festuugsmauer eine Bresche von der Weite eines Thores za legen. Daroh diese ritt nun der König mit seinem Gefolge, gelangte in’s Freie und war über diesen Einfall aussarordentlieh erfreut Jetzt, dachte er, wird sich’s zeigen, was eigentlich an dem Manne ist und wie wenig von der Zuverlässigkeit seiner Vorhersagungen und seinem angeblich so ausserordentlichen Geiste zu halten ist. Nach kurzem Hin- und Herreiten kohrte er zurüok, da es ihn gar sehr zu wissen verlangte, ob die Vorhersage des Astrologen sich bestätigt oder nur als eitle windige Fackelei sich herausgestellt haben werde. Kaum war der König von seinem Aasfluge in die Burg zurückgekehrt, da sprach er: ״Nun, Jude, rede!“ Der aber bat: Der König möge das eingesiegelte Blatt holen lassen, um so die Sache zu entscheiden. Als dieses auf den Befehl des Königs gebracht, eröffnet und gelesen wurde, ergab sich der folgende Inhalt: ״Der König wird ein Stück aus der Festungsmauer ausbrechen lassen, durch diese Stelle seinen Ausritt nehmen und mit seinem Gefolge ebendaselbst zurückkommen.“ Als nun die Sache den König mit seinem versammelten Hofstaat in das ausserordentlichste Staunen versetzte, sprach der Weise zum König: Der Mensch ist willensfrei von Natur und kann unbeschränkt handeln, gleichwohl giebt es daneben eine unwandelbare Weltordnung. Höchstens kann man das Verhängniss vorherwissen und sich, wenn es angeht, davor schützen. Denn eine Wandlung (Correotur) des in dieser Weltordnung bestimmten Bösen ist unmöglich. So kann über die Bewohner eines Landes Pest, Krieg, Eroberung, Plünderung, Exilirang, Mord, Niedermetzelung, Untergang 11. dgl. verhängt sein: Der Weise aber, der dies vorherweiss, kann sich flüchten und gerettet werden. Darauf bezieht sich das Wort Salomos (Ecol. ‘ 7,19): ״Die Weisheit ist dem Weisen eine stärkere Macht als die 10 Gewalthaber, die in einer Stadt sind“. (Die Zahl 10 bedeutet 10״ und mehr“ wie zum Beispiel Lev. 26, 26 ״es werden 10 Frauen backen*) etc.“). — Achte nun auf das Vorgetragene und erkenne, wie das Vorherwissen dieses Gelehrten die unbeschränkte Verfügung und volle Willensfreiheit des Königs bestehen liess, der ganz nach seinem Belieben verfahren hatte. Es war also das eingetroffen, was der Weise vorhergewusst und schriftlich niedergelegt hatte, und gleichwohl bestand die Willensfreiheit des Königs aufreoht: da dooh der König, wenn er von dem Inhalte des Blattes Kenntniss gehabt hätte, ebensogut 8ioh vorsehen und durch ein anderes Thor seinen Weg hätte nehmen können“. Kojetein im März 1886. Jgn atz Kaufmann. Collectanea. Von Dr. Kroner, Rabb. in Brandenburg a. d. H. XXIV. Etwas aus der hebr. Synonymik. Wohl nur wenige Sprachen haben so zahlreiche und so distinktive Ausdrücke für den klugen and für den unklugen Menschen, wie die hebräische — Ausdrücke, deren nähere Betrachtung ebenso anziehend für den Völkerpsychologen wie für den Sprachforscher ist. Wir heben aus aen Synonymen, die den Unklugen bezeichnen, heut nur zwei heraus: פתי und אויל und knüpfen daran einige Bemerkungen. Wenngleich פתי und אדל, wie das ja bei Synonymen auch in andern Sprachen vorkommt, zuweilen *) Das Chat והחזיקו עשר נשים beruht aut einem Gedächtnissfehler des Jbn Megas; gemeint ist Jes 4,1 והחדק י ש כ ע נשים. k. (Oder vielmehr Sech. 8,23 יחזיקו עשרה אנשים, ßed.)