Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 17-18. (22.4.1886)
- Date
- 1886-04-22
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 66 — Schlüssel zur jüdisoheu Litteratur. ־Wer uun diesen unerlässlichen Schlüssel so bequem handhaben kann, wie der Verfasser, und nebenbei umfassende Bildung, durchdringenden Scharfblick und nimmer müden Fleiss besitzt, der konnte freilich an dieses kühne Wagniss her&ngehen. Aber ganz verhindern könnt« er es nioht, dass so manche Lücke seinem Werke anhaftet. Denn so viel auch seit Zunz auf der kahlen, uuwegsamen Steppe der jüdischen Literaturgeschichte angebaut wurde, so glücklich auch das riesengrosse Terrain urbar und fruchtbar gemacht ist, so giebt es leider doch auch so manchen spröden, steinigen Boden, an dem das Ackergeräth selbst der emsigsten Forscher zurückprallt. Wie dunkel und unentwirrbar ist z. B. die Periode vom Abschluss des Talmud bis zum Scherira Gaon! Und wenn es dem Verfasser durch seinen Geschmack und seineiitterarische Geschicklichkeit auch gelungen ist, hie und da eine Nothbrücke zu errichten, so wird er uns über die geringe Haltbarkeit und Dauerhaftigkeit derselben nicht hinweghusohen. Wäre ich der Ansicht, dass es überhaupt jemals einem Forschereifer gelingen wird, jene Sahara der jüdischen Litteratur vollständig zu durchstreifen, 80 würde ich das Erscheinen einer abschliessenden, auf Vollständigkeit Anspruch machenden Litteraturgesohichte für durchaus verfrüht halten. Allein ich glaube thatsächlieh, dass jede Hoffnung auf das dereinstige Durchschreiten dieser Sahara nur eine Fata morgana heissblütiger Phantasie ist, sodass dieser Vorwurf denVerfasser nicht allzu schwer belastet. Auf gleiohgiltige Details und nebensächliche Einzellieiten des Buches näher einzugehen, muss ich mir versagen. Jeder Rezensent sollte seine Kritik in dem Tone des besprochenen Buches halten! Bei gelehrten Einzelforschungen werde ich es als kritische Pflicht erachten, Seciermesser und Sonde an jede einzelne Notiz anzulegen, weil der hauptsächliche Werth und letzte Zweck derselben im inneren Detail besteht. Aber ein Buch im grossen Stil erheischt gebieterisch eine Rezension im grossenStil! Auf Druckfehler und lapsus calami splitterrichteriich einzugehen, halte ich einem so vornehm angelegten Werke gegenüber für unangemessen und kleinlich. Nur im Allgemeinen und in grossen Zügen sei daher das tadelnd Hervorzuhebende angedeutet. Während die ungemein heikle biblische und ungemein verzwickte talmudische Epoche, wie schon Steinthal hervorgehoben hat, mit unleugbarem Gesohick behandelt worden ist, muss die für die allgemeine Bildüng ungleich wichtigere ״hellenistische Litteratur“ als weniger gelungen bezeichnet werden. Ich vermisse namentlich ein liebevolles, durchgreifendes Eingehen auf Philo. Gerade hier hätte der Hebel angesetzt und gezeigt werden müssen, wie einschneidend und tiefgreifend die alexandrinische Philosophie auf die unmittelbaren Nachfolger und die Folgezeit eingewirkt hat. Nameiitlich vermisse ich hier den Hinweis auf die Geschichte der menschlichen Ideen, denn von Philo aus gewinnt man geistige Aussichtspunkte bis tief in das Mittelalter hinein uud darüber hinaus. Wie mir denn überhaupt die Behandlung der philosophischen Schriftsteller uud Denker, zumal des eminent wichtigen Mittelalters, zu den schwächsten Partieen des Buches zu gehören scheint. Allein mit der Philosophie ist es ein eigen Ding; auch philosophus non fit, nascitur. Das geistige Pfund des Verfassers, •das er ja unbestritten vollgewogen besitzt, enthält aber offenbar nur wenige Gramm Philosophie. Daraus wird man ihm aber keinen allzu grossen Vorwurf machen können, da einerseits die Philosophie nur nebenher uud mittelbar in den Rahmen der Litteraturgeschichte hineingehürt, während man andererseits von dem Historiker der jüdisohen Litteratur wohl Vielseitigkeit fordern muss, aber keine Allseitigkeit beanspruchen darf. Es bedarf wohl keiner Erwähnung, dass die Behandlung der Poesie, die ja den integrirenden Hauptbestandtheil des Buches bildet, mustergültig und von auserlesener Feinheit ist. Auf den reizenden Exours über die jüdisch-deutsche Litteratur, die bisher Terra incognita war, glaube ich besonders aufmerksam machen zu müssen. Ehe ich mein Gesammturtheil über diese hochbedeutende Erscheinung zusammenfasse, will ich auf einen besonderen Vorzug des Werkes hin weisen. Schon zu Anfang meiner Besprechung habe ich den fernen Tact des Verfassers betont. Duroh diese zur Genialität ausgebildete Gabe hat er es zu Wege gebracht, was noch Wenigen gelungen — Niemanden zu verletzen! Christ und Jude, Orthodoxe und Liberale werden in gleicher Weise von dem ruhigen Ton, von der leidenschaftslosen, unparteiischen Sprache und der tactvollen Vertheilung von Licht und Schatten angenehm berührt und angemuthet sein.*) Von dem wilden Gezeter unserer Tage, Welches das Judenthum von Innen und Aussen grauenvoll umtobt, hat sich keine blasse Spur in das Buch hineinverirrt. Das Buch steht im edelsten Sinne des Wortes über den Parteien; es erhebt uns in eine höhere Sphäre und entrückt uns aus dem betäubenden Tageslärm in jene Region, die wir — die Republik der wahrhaft Gebildeten nennen wollen. Die ״Geschiohte der jüdisohen Litteratur“ ist durch ihre edle Form, sowie durch ihren abgerundeten, in sich abgeschlossenen Inhalt dazu angethan, ein im weitesten und besten Sinne populäres Buch zu werden Der Verfasser hat der jüdischen Litteratur und sich ein ehrendes Denkmal gesetzt. Dr. Ludwig Stein, Privatdocent in Zürich. Proben aus älteren hebräischen Werken. * 1. l)ie vier Söhne Ascheri’s. Im nachfolgenden Berichte, den uns Abraham Gavison in seinem Commentar zu den Sprüchen (עומר השכחה Fol. 137 d) aufbewahrt hat, sind zwar einige Angaben über die Söhne Ascheri’s von den sonstigen geschichtlichen Quellen abweichend**), trotzdem aber verdient die Geschichte, die darin erzählt wird, unsere Beaohtung. Es ist ein Stück Chronik, und man kann nicht umhin, den Wunsch auszusprechen, dass sioh viele solcher intimen Züge und näheren Details zur Aufhellung der jüdisohen Geschichte in Spanien finden mögen. Kann der hier folgende, von mir aus dem Hebräischen übersetzte Bericht auch nicht den Werth historischer Akribie beanspruchen, so darf er doch als Zeitbild angesehen werden; die lebhafte Schilderung der gedrückten Lage unserer spanischen Glaubeusbrüder ist von historischem Interesse. ״Der grosse Lehrer, R Ephraim Nakawah, lebte in der Stadt Tlemceu (,in Nord-Afrika) uud ward *) Wir kennen obigem l'rtheile voll uml gau/. zustimmon. Dur geehrte Herr Vert., (1er auf streng-wissenschaftlichem, also durchaus nicht orthodoxem Standpunkte stellt, wird letzterem doch in ,jede r .Beziehung gerecht, er macht sogar dem ״( loutral- Organ“ dieser Richtung das < 'omplinioni, dass es die Interessen derselben ״geschickt“ zu vertreten suche. Datur hat ihn das Blatt sehr ״ungeschickt“ zuin Thoraleugner gestempelt. (Red.) **) Hierüber ist ״dsr. I.otterbodo“ V!, 81 zu vergleichen. Das Datum, welches über die Vorbrenuuug in Toledo ermittelt ist, nämlich ITH, kann nicht mit dem Todesjahre Johuda bei! Aschers uboreiustimmen, da dieser Sohn des רא״ש damals schon langst teilt war, auch ist der in diasotn Berichte erwähnte Vcrf. eines I’cntatcuchkcmmcntnrs Bachja 11 Ascher, nicht A.'a Sohn.