Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 10. (4.3.1886)
- Date
- 1886-03-04
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 40 ־Neigung noch keineswegs ein sicherer Schluss beztig• lieh der sittlichen Qualität desjenigen zu ziehen sei, dem diese Gunst zu Theil wird“. ״Sympathien im wirklichen Leben können nämlich ebensogut das Ergebniss gemeinschaftlicher Fehler sein, als das Resultat gemeinschaftlicher Tugenden. Ernest Renan meine sogar, ersteres komme viel häufiger vor, als letzteres. Immerhin bezögen sie sich wesentlich blos auf Persönlichkeiten; nur durch eine Begriffsverwirrung werden sie auf Gesammtheiten übertragen. Die Race hat mit der finanziellen Ueberlegenheit der Juden nichts zu schaffen. Christliche Finanzgrossen beweisen dies. Es ist ein logischer Fehler, bei der Erklärung der Unterschiede der Völker und Cnlturstufen auf die Anlage zurückzugehen; sociale, politische und Bildungsverhältnisse wirken weit mehr“. ״Schm oller will die Kluft, welche die verschiedenen Religionen trennt, durch die Kant-Schleiermacher’sche Ethik überbrücken, weil er nur dann ein harmonisches Zusammenleben von Christen und Juden für möglich hält. . . . Wenn aber Wucherern und unreellen Ge- 80häfttleuten zugemuthet wird, sich ״par ordre de Mufti“ eine specifisohe philosophische Sittenlehre anzuschaffen, so darf man wohl fragen, wie es mit ihrer Empfänglichkeit dafür steht und ob sie denn die dazu erforderliche Bildung bereits besitzen. . . . Zur Zeit durfte doch der jüdische Dekalog vollständig ausreichen und wir meinen, dass dies noch lange so bleiben wird. Richtet der nichts aus, so leistet die Philosophie in der Moral wahrscheinlich noch weniger. Lebensideale lassen sich nie übertragen; das bloss theoretische Erkennen derselben führt noch nicht zu einer ihnen entsprechenden Praxis; um zu wirken, müssen sie erst als Lebensmacht erfahren sein. Der wirkliche Fortschritt in der ״Gesittung des 1SI. Jahrhunderts“ besteht darin, auf gradem Wege von dem eigenen gegebenen Standpunkt ausgehend, zu dem höchsten Ideale der Wahrheit und der Menschenbildung unter der Bedingung der Gleichberechtigung der Racen und Religionen aus freiem Antriebe hinstreben zu können. Das führt zur Vernichtung des Religionshasses und zu dem Ziele, die Confessionen wirklich zu versöhnen“. Als unanfechtbarste Widerlegung der Schmollersehen Behauptungen und als Belag ihie! Haltiosigkeit verweist nun Freund auf Eduard Lasker, und belegt dies theilweise mit den eigenen Urtheilen Schmollers über diesen. Freund sagt: ״ . . . Wenn Schmoller selbst Lasker das Verdienst zuschreibt, er habe — und noch dazu parlamentarisch — bei seinem von jedem Ehrenmanne gebilligten Angriffe auf die Missbrauche im Eisenbahnconcessionswesen und das Treiben der Gründer ״das Gewissen der deutschen Nation“ gerettet, so ist man wohl berechtigt zu fragen, auf was für einen Grad von Stabilität und Solidität seine verschämte Racentheorie unter solchen Umständen überhaupt noch Anspruch erheben dürfe? Dennoch steht Fr. der Schmoller’schen Arbeit im Ganzen wohlwollend gegenüber und begründet dies wie folgt: Woher es kommt, dass wir von Schmoller trotz alledem mit keiner zu tief gehenden Dissonanz zu scheiden brauchen, das wird sich aus dem folgenden ergeben. Schmollers Arbeit enthält wohl die gründlichste und eingehendste Würdigung, welche die Leistungen des a'sReduer und ״Debatter“ sogrossen״Commoner’s“ bisher überhaupt erfahren haben. Sie ergänzt die öffentlichen Kundgebungen seiner parlamentarischen Genossen, seiner liberalen Mitarbeiter und seiner politischen Freunde aus anderen Parteien, dereD er gar viele hatte; sie dooumentirt zuverlässig, welchen Eindruck Lasker auf solche Männer hervorbrachte, die ihn ״fern von allen persönlichen Gefühlen der Freund- Schaft und frei von Parteiverpflichtung“ beurtheilten. Darum darf sie einen auf sichtlich angestrebter und mitunter sogar erreichter Objectivität beruhenden Werth beanspruchen. (Schluss folgt.) Notizen. 1. Collectanea zur Mlschna (III). — 10 Mischna Jadaim IV. 6 heisst es: ״Die Saducäer sagten: Wir führen Klage über Euch Pharisäer, die Ihr saget: die heiligen Bücher verunreinigen die Hände, die Bücher des הסירם verunreinigen die Hände nicht.“ Was sind die Bücher des המירם? Maimonides meint, es seien ketzerische Bücher gemeint, die man vernichten solle die etymologische Deutung des Wortes bei ihm ist etwas unklar, R." Simon b. Abraham aus Sens identificirto sie mit den Büchern dei Saducäer, übersieht dabei, dass die Saducäer selbst diese Bücher im Gegensätze zu den heiligen Schriften als etwas Unreines betrachten, was sie doch von ihren eigenen Schriften nicht gut sagen können. Noch weniger passt die Beziehung auf den Ausspruch des R. Simon ben Lakisch, dass viele Stellen der Schrift verbrannt zu werden verdienen (Chullin f. •30 b), da dort von wirklichen Schrittstellen und nicht von anderen Werken die Rede ist. Bertinoro will das Wort von המיר ableiten und darunter Leute verstehen, die zum Heidenthum übergegangen sind. Sonst wird das Wort als eine Beziehung Gnostiker gedeutet und .Tost übersetzt es schlechtweg mit gegnerische Schriften. Ich glaube, dass alle Schwierigkeiten schwinden, wenn man sich entschliesst, הומירום zu lesen, denn es ist ja sehr wahrscheinlich, dass die Saducäer in ihrer Polemik , um das pharisäische Gesetz ins Lächerliche zu ziehen, den heiligen Schritten die von Irrlehren strotzenden Gedichte Homers entgegensetzten, worauf R. Jochanan sie mit eigenen Waffen schlägt, indem er aus der Thora beweist, dass die Gebeine des Esels, eines unreinen Thieres, nicht verunreinigen,,im Gegensätze zu den Gebeinen eines Menschen, selbst des zu jener Zeit halb mythisch gewordenen Hohepriestern Jochanan, des grössten Makkabäers, welche durch Berührung verunreinigen. Dr. G. Deutsch. 2. Was sind die ספרי המירם? Im Talmud Jer. Synhe• drin X p. 28a lesen wir, dass R. Akiba das Lesen in den Büchern המירם n. aller derartigen Bücher (לכל1 ספרי— שנכתבו מכאן והילך) gestattet und wer in ihnen liest, von dem ist es, als ob er in einem Briefe läse. Dass nicht an Homer gedacht werden könne, hat Graetz in seiner Monatsschrift 1870 p. 130 ff. nachgewiesen. Uns aber dünkt die Erklärung, die daselbst vorgeschlagen wird, als ob המירם aus Vjpepa ״Tag“ also eine Art ״Tagebücher“ (acta diurna) wären, nicht hinreichend. Solche Tagebücher würden griechischen oder £:py)(jLsp8׳ej »ein und auch daun würde man sich fragen, warum sollten Tagebiieher erst einer Erlaubniss bedürfen? Dass M. Joel in seinen ״Blicke in die Religionsgeschichte“ I. p. 75 und Anm. 1 Grätz beipHichtet, will ich nicht unerwähnt lassen. Mir dünkt המירם aus הרמים Hermes entstanden zu sein. Welche Rolle Hermes Trismegislus schon zur Zeit der Gnostiker gespielt, dürfte bekannt sein. Asarja de Rossi verspricht zwar im 4. Cap. seines Meor Enajim eine Uebersetzung der 2 Hauptwerke des HermesTrismegistus und zwar des Poemander und Asclepius zu geben. Er hat dies zu thun unterlassen, wenigstens bedauert Zunz in seiner Biographie von Asarja de Rossi (Kerem Chemed V 13G), dass es nicht, vorhanden. Inzwischen ist 1857 Hilgers Schritt de Harmetis Trismegisti Poemandro (Bonn 1855) erschienen und es ist mir zweifellos, dass Akiba an diese Schrift bei den Worten ספרי המירם dachte. Rmg. 3. Liturgisches. Zn meiner grossen Freude theiit mir Herr Rabbiner Simonsen in Kopenhagen mit Bezug auf meine Notiz in No. 1 des L.-Bl. mit, dass un Siddur dos R Arnram Gaon (ed. Warschau, S. 11a) wirklich die Strophe מי כא/ דינו zuerst steht. Nach einer Anmerkung des Herausgebers hat zuerst der T u r die Strophe 'אין כ vorausgestellt,*) wahrscheinlich um das Gebet den ר״ת von אמן ברוך אתה anzupassen. Der Gaon Amram scheint hiervon nichts gewusst zu haben, was auch aus der Reihenfolge aller Strophen מי, אין, לרוך, נודה, אתה hervorgeht. Die logisch richtige Fassung scheint hiernach auch die ursprüngliche gewesen zu sein Cohen-Rees. *) Tur hat sie nicht vorausgestellt, sondern eine andere Lesart im Niddur des R. Amram vor sich gehabt. Im Orchoth Chajim werden beide Lesarten gebracht. Red.) Verantwortlicher Keducteur Dr. Ralimer, Magdeburg. Druck von I). L. Woltf, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.