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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-02-18 · N° 8. (18.2.1886) · p. Seite 32

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 8. (18.2.1886)
Date
1886-02-18
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
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— 32 — seinen inner9n Werth in kurzer Zeit zwei Auflagen erleben konnte. ״ Meier Ezofowicz“ ist ohne Frage aut diesem Gebiete seit ״Daniel Deronda“ die erfreulichste Erscheinung, und ich bekenne, dass gegenüber all der Schmähungen, Verdächtigungen und Verunglimpfungen Treitschke’s, Eduard v. Hartmanns, Stöckers etc., trotz aller Schutzschriften kein Schriftwort einen so 8tärkenden, tröstenden und versöhnenden Eindruck auf mich gemacht hat, wie dieses herrlich schöne Buch. — Elise Orzeszko ist eine Schriftstellerin, deren Fühlen, Denken und Streben nicht bei dem Schreckworte ״Jude“ Halt gemacht, ihre Menschenliebe umfasst die Menschheit und dazu gehören ihr auch die Juden. Und leider ist dies ja auch in unserem erleuchteten neunzehnten Jahrhundert und selbst unter sonsthin durchaus nicht engherzigeu Schriftstellern immer noch ein Vorkommniss, das der Erwähnung, wie des Lobes bedarf. Giebt es doch im schriftstellerischen wie im politischen Leben immer noch allzuviele, die in allen Dingen und Fragen des Lebens liberal und human und tolerant sind, in dem einen Punkt betreffs der Juden aber eine Ausnahme gelten lassen, weil sie es nicht vermögen, Erziehung und Gewohnheit zu Trotz ihrer Menschenliebe diese Ausdehnung zu geben. Mag hier nur an einen unter vielen, an den Besten von ihnen, an Gustav Freitag erinuert sein, über dessen ״Soll und Haben“ trotz alles berechtigten Lobes der bekannte Kritiker Friedrich Kreissig in seinem Essay gesteht, ״dass es ihm lieber gewesen wäre, wenn in diesem klassischen Gemälde deutschen Arbeits- und Geschäftslebens nicht so ziemlich alle Bösewichter und Narren in orientalischen Kehllauten sprächen“. Nicht so Elise Orzeszko. In ihrem menschenfreundlichen Herzen ist der Engherzigkeit und dem Vorurtheil auch nicht eines Haares Breite Kaum gelassen, sie ist eine Hohepriesterin der Menschenliebe und darum ist ihr Werk, um einen gängigen Ausdruck zu gebrauchen, ein echtes Evangelium der Toleranz geworden. Das, was die Dichterin in ihrem Buche selbst von dem polnischen Keichstagsabgeordneten Butrymowicz sagt: ״Ein echter Edelmann und ein Denker; er sah weit und klar. Ihm waren nicht, wie manchem Anderen, die Verkettungen, Factoren und geschäftlichen Nothwendigkeiten dunkel“ (S 18.) das gilt auch von ihr selbst, auch sie ist eine echte Aristokratin und eine gottbegnadete Schriftstellerin und Dichterin, der nicht, wie so vielen Anderen die Verkettungen, Factoren und geschichtlichen Noth- Wendigkeiten dunkel sind, die sich durch die Geschichte unseres Volkes ziehen. Darum hat sie denn auch ein offenes Auge für unsere Vorzüge wie für unsere Schwächen und Gebrechen, ist sie weder Schönfärberin noch Schwarzseherin; aber ihre Schurken und Narren (Jankel Komianker, der Fuhrmann Jochei, Familie Witebski) sind nicht Narren oder Schurken durch das Judenthum, sondern durch die Macht der Verhältnisse, die stärker auf sie einwirken als Bibel und Judentbum; und ihre Braven und Edeln (Hersch und Meier Ezofowicz, Saul etc.) sind brav und edel, weil günstigere Sterne trotz aller ihrer Schranken ihnen geleuchtet. Auch selbst der böse Talmud hat ihnen in den Augen der Dichterin nichts anhaben können und das will in Polen mehr sagen, 918 im Vaterlande Stöckers und seiner Bannerträger. Denn in Deutschland könnte der Talmud nicht viel schaden, auch wenn er es seiner Natur nach könnte und müsste, denn wer von all den so übel angeschriebenen hosenverkaufenden Jünglingen Treitschkes kennt ihn denn mehr als dem Namen nach? In Polen aber kennt ihn fast jeder jüdische Knabe so gut, wie Herr Stöcker seinen Katechismus. Aber auch Elise Orzeszko kennt ihn und besser als Herr Stöcker, ja vielleicht auch als die grossen Talmudkenner und getauften jüdischen Antisemiten DDr. Justus und May zusammengenommen. Und weil sie ihn kennt, darum sagt sie: ״Das Buch, an dem durch volle fünfhundert Jahre weise Männer verfasst und geschrieben, das sie so liebten, und aus dem sie ihre Belehrung schöpften, das dem ganzen Volke durch viele Jahrhunderte Trost, Hoffnung und Einigkeit gegeben, dieses Buch kann weder dumm noch schlecht sein. Demjenigen, der das über das Buoh zu sagen wagt, antwortet: Erst reinige Dein Herz vonSchlechtigkeit, dann schlage das Buch auf und lies es! Muss aber Alles, was gut ist, auch vortrefflich sein? Den Himmel selbst bedecken dunkle Wolken, und in dem allerreinsten Herzen entdeckt das allsehende Auge des Ewigen Flecken. Hat Jehova selbst dieses Gesetzbuch geschrieben? Haben es die Engel geschrieben? Menschen schrieben es. Giebt es Einen Menschen auf Erden, hat Einer in allen Jahrhunderten existirt, der ohne Fehl gewesen wäre? Giebt es ein menschliches Werk, das für alle Zeiten und Geschlechter passt? Der Thron der Pharaonen ist zusammeDgestürzt, Ninive ist in Trümmer zerfallen, Rom, das die halbe Welt geführt, ging unter. Griechische Weisheit musste anderer Weisheit weichen. Wüste ist heute, wo einst bevölkerte Städte blühten, und Städte erheben sich auf ehemaligen Wüsteneien .. . Israel! In der Geistesnahrung, die dich durch Jahrhunderte genährt, giebt es Weizen und Spreu; in Deinem Reichthum giebt es edles und taubes Gestein. Das Buch des Glaubens ist wie der Granatapfel, den der dumme Mensch mit der Schale verzehrte, die ihm einen schlechten Geschmack im Gaumen und grosse Schmerzen im Innern bereitete. Doch als Rabbi Meier diesen dummen Menschen sah, da pflückte er vom Baume einen Granatapfel, entfernte die harte und bittere Schale und verzehrte den süssen und saftigen Kern“ etc. (S. 233.) (Fortsetzung folgt.) y«! Soeben ist im Verlage von David Nutt, 270, Strand, London, erschienen und durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes zu beziehen: ״Zichronoth oder ,,Memoiren eines Studenten der jüd. Theologie“. Dieselben sind in hehr, gereimter Prosa abgefasst und mit einer enjjlischen Einleitung versehen, die eine Heber sicht der Entwicklung der nachbibl. hebr. Poesie enthält von Dr, J. Cbotzner (vom Harrow College) Preis צ M. .00 Pf. hebräisch und deutsch (Uebersetzung von Kabbiner Dr. Rajhmer sind ä 25 Pf. vorräthig. :> Exemplare für 1 Hark, 12 Exemplare 2 Mk., 20 Exempl 3 Mk. versendet franco gegen jbaar Die Expedition. I (soeben crffljmi, in alten ן äh1d)lm!1bI1111fl■ vollftänbia uov: | vätljifl:; fiorprlts, ftnflaD, ®efdjfdjfe : btr 3üfclfdien feitetafur. 2 '-böe.! 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