Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 7. (11.2.1886)
- Date
- 1886-02-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 7. Jüdisches Jahrg. XV. Litteratur-Blatt lar Aller aad Jadea betretr^ndea IttterAriacbea Er- «rhelaaagea taf dem Heblet« der Philo• n^hle! fleweblehte, Ktbaojrr»phie. Theolegte, OrieatalU, Exegese, Homiletik, Lltarfik, Pidegoglk. Herausgegeben von Rabbiner l)r. Moritz Kalmier. 9Kag31?6v+׳tg, 11. «Feßtuat1886 ׳. Bicher der eiabchlaKUen Litteratar, welche der Kedactlon inKMMdt werden, fladea la dleaea!!Hatte eiaceheade Heaprechaag. Hei Einsendung 80« swel Berenstoas- Exemplaren erfolgt einmalige kurse (1 ratU-lnaertlon. Dm ״Jüdische Utteritsr-BlzU“ crschcii _ öch-iitlicL iü muom naiDen Bogen .Preis bei allen Uuctinandlungea (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ,Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 88 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit U Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Bat“ Buchhändler, welche direct oder durch Robert. Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 Rabatt. Inhalt: W iasenschaftli che Aufsätze: Moses Mendelssohn und das Judenthum. IV. Jerusalem. — ״Gedanken eines Juden‘•, beleuchtet von Dr. Krön er, Rabbiner in Brandenburg a. d. H. - Litteraturhericht: Recensionen: Joel, Dr. M. Religiöser Vortrag bei der gottesdienstlichen Feier des hundertjährigen Todes Moses Mendelssohn’s. — Denkrede auf Moses Mendelssohn am 4. Januar 1886 von Dr. A. Jellinek. Notiz. — Inserate. Nachdruck nur mit -voller Quellenangabe gestattet. Moses Mendelssohn und das Judenthum. IV. Jerusalem. Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes. Der religiöse Charakter des Volkes Israel ist bis heute noch das unaustilgbare Erkennungszeichen auch der dasselbe zusammenbaltenden Blutsverwandtschaft geblieben. Gebunden an die Stammesart eines abgesonderten Volkes, das auch in der Zerstreuung seinen eigenartigen Charakter im Wesentlichen festgehalten, ist die Lehre Mose’s unaufhörlich in den Gliedern des jüdischen Stammes lebendig geblieben. Derselbe Conflict aber, welcher Saul von Samuel trennte, durchzieht auch die mehrtausendjährige Geschichte des selbstständigen und des unterdrückten Volkes — es ist der Conflict zwischen Staat und Kirche. Die Frage, wie dieser Conflict zum Heile sowohl des Staates wie der Kirche beseitigt werden könne, veranlasste Mendelssohn, über die Grenzen des Staates und der Kirche sein tiefdurchdachtes Werk ״Jerusalem* zu schreiben. Eine 80 grossartige Auflassung von dem Glauben, eine solche Freiheit der Gedanken unter sorgfältigster Schonung der Glaubenssätze, ein solches Bekenntniss wahrster Religiosität, wie es diese Schrift (enthielt, war an dem geistigen Himmel des Judenthums neu. Der grösste Philosoph der Neuzeit sprach in einem|Briefe an Mendelssohn vom 16. August 1783 die ganze Bewunderung aus, in welche ihn die Lectüre dieses Buches versetzte. Er schreibt folgendes: ״Ich halte dieses Bueh für die Verkündigung einer grossen, obwohl langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchsn Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewusst, die man ihr gar nicht zugetrauet hatte, und dergleichen keine andere sich rühmen kann. Sie haben zugleich die Nothwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und so hell vorgetragen, dass auch endlich die Kirche unsererseits darauf wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästiget und drücken kann, von der ihrigen absondere, welches endlich in Ansehung der wesentlichen Religionspunkte vereinigen muss; denn alle das Gewissen belästigenden Religionsgesetze kommen uns von der Geschichte, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht.* Mendelssohn gab sein ״Jerusalem* im Jahre 1783 heraus, nachdem im vorhergehenden Jahre in der ״Vorrede“ zu der Uebersetzung von Manasseh ben Israels ״Rettung der Juden* viele Punkte vorausgeschickt, und skizzirt worden waren Der Gedankengang des merkwürdigen Werkes, dessen erster Abschnitt in einer philosophiscb-iuristisehen Untersuchung der Grenzen zwischen Kirche und Staat besteht, ist folgender: Die Grenzen zwischen Staat und Kirche zu bestimmen, ist eine der schwersten Aufgaben der Politik. Als die katholisohe Kirche dieselben eicht einhielt, brach die Reformation ihren Despotismus. Innerhalb des Protestantismus nun dachten Thomas Hobbes und Locke über die eingeschränkte Competenz nach, welche die Kirche gegenüber dem Staat und der menschlichen Willens- und Denkfreiheit haben könne. Auf der gegnerischen Seite proklamirte der Cardinal Bellarmin ein indirectes Hoheitsrecht des Kirchenoberhauptes über alle Güter und Gemüther, alles Zeitliche der Welt. Nachdem Mendelssohn die Schwächen, welche in den Systeme^ der genannten Theoretiken liegen, nachgewiesen, geht er auf eine Erörterung über die Mittel und Wege ein, durch welche der Confliot zwischen der Religion und dem Staate gehoben werde. Die Ueberzeugung, dass der Mensoh allein seinen Pflichten gegen sich und gegen Gott nicht ganz nachkommen könne, führt denselben zu der ״Gesellschaft“, deren Endzweck darin besteht, ״die Handlungen des Einzelnen zum allgemeinen Besten zu lenken und die Gesinnungen zu solchen Handlungen zu führen“. Das Erstere ist die Regierung und geschieht durch Beweggründe, das Letztere die Erziehung des geselligen Menschen und geschieht durch Wahrheitsgründe. Beide sind verkörpert in öffentlichen Anstalten, dem St aat und der Kirche. Und zwar versteht M. unter der Kirche ״öffentliche Anstalten zur Bildung des Menschen, die sich auf Verhältnisse desselben zu Gott beziehen unter Staat ״solche, die sich auf Verhältnisse des Menschen zum Menschen beziehen “(Bd.II. S. 265). Welches für den Staat die beste Form sei, lasse sich nicht entscheiden, da fiir jedes einzelne Volk je nach dem Culturstande,