Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-01-14 · N° 3. (14.1.1886) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 3. (14.1.1886)
Date
1886-01-14
Page
Seite 12 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-5990841-5991129--0838-5368142
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 12 — vmd andere, hatte früher sieh irgendwie über die ״Judenfrage“ geänssert tmd hatte anoh ganz und gar keine Veranlassung dazu. Da kam Herr Jsidor Singer, damals noch Student, und provooirte mit einem directen Schreiben namens des Judenthnms eine Antwort über die des längeren in einer Broschüre motivirte Anfrage: ,Sollen die Juden Christen werden?“ Herr Singer wusste wahrscheinlich, was darauf zu antworten sei, Herr Scheffel ist ebenfalls keineswegs ihr die Convertiten und mit Becht, aber um Herrn Singer doch die zudringliche Frage nach dem Ursprung und der Verbreitung des Antisemit»- mua zu beantworten, wies er ebenso wie Dubois- Beymond auf die anthropologische Differenz zwisohen Semiten und Ariern hin. Der einflussreiche Berliner Gelehrte von Weltruf fugte allerdings noch die Leotion für den aufdringlichen Fragesteller hinzu, es sei am besten, diese Frage gar nicht zu stellen, indem er auf ein englisches Sprichwort verwies. Dass dabei ein sittliches Vertheidigen des Bacenhasses vorliegt, ist bei Dubois-Beymond selbstverständlich, bei Scheffel wohl cum grano salis zu verneinen. Gerade der jüdische Journalist sollte heute doppelt vorsichtig sein, denn wer das Feuer des Bacengegensatzes dämpfen will, darf nicht mit dem Blasebalg hineinpasten. Unser Anonymus hat das, abgesehen von einigen gut gemeinten Uebertreibungen, sehr wohl eingesehen und erwähnt ausdrücklich eine Aeusserung, welche der Fürst Bismarck einmal zu Busch gethan hat: ״Die Juden waren in ihrer Polemik gegen mich nie so gemein, wie meine christlichen Gegner“. Fürst Bismarck hat allerdings später, als es ihm darauf ankam, seine agrarischen und socialreformatorischen Pläne durchzusetzen, sich, erbittert über den Widerstand der liberalen Presse und insbesondere auch der jüdischen Publicisten auch ganz anders geäUBsert, aber — Bismarck ist eben Politiker und schreibt keine ethisch-völkerpsychologischen Traktate. Gerade unser Anonymus, der Seite für Seite nur immer von Ariern und Semiten spricht, hat kein Becht, sich gerade über diejenigen Anti-Semiten moralisch zu ereifern, die lediglich als Arier die anthropologische Varietät betonen, in ihrem sittlichen Verhalten aber gerecht bleiben, und Herr Scheffel hatte Becht, auf die Frage: Sollen die Juden Christen werden unter Hinweis auf den ״Arianismus“ zu antworten: Nein. Wir aber sagen dem Anonymus und allen Anderen: ״Die Juden sollen Juden werden!“ Das ist die Lösung der Judenfrage. Nicht darüber sind wir verwundert, dass die Christen praktisches Christenthum üben wollen, dass der Kaiser ״mehr Beligion iu’s Land“ wünscht, sondern wir streiten nur mit denjenigen, die das praktische Judenthum für minderwerthig erklären. Zu diesen gehört natürlich unser Verfasser nicht, wenn auch das Judenthum in seiner Schrift fast gar nicht zur Geltung kommt. Die Schrift des Anonymus durchbricht die nationalen und religiösen Schranken, fordert in’s Allgemeine hinein eine grosse, soziale Beform und polemisirt gegen den Ausspruch des Beichskanzlers: ״Entziehen wir dem Staat die religiöse Grundlage, 80 behalten wir als Staat nichts als ein zufälliges Agregat von Bechten, eine Art Bollwerk gegen den Krieg Aller gegen Alle übrig .... seine Gesetzgebung wird sich dann nach den wandelbaren Begriffen von Humanität, wie sie sich eben in den Köpfen derjenigen, welche gerade an der Spitze stehen, gestalten.“ Das ist der strittige Punkt. ״Nicht christlicher Staat, aber auch kein Staat ohne Beligion“. Gerade das Judenthum steht hier in der Grundanschauung auf Seiten Bismarck’s, das jüdische Gesetz war und ist ein religiös-soziales. Und wenn der Verfasser meint: Es sei eine anregende- Betrachtung, sioh in seiner Phantasie einen heuti— gen jüdischen Staat vorzustellen, da selbst Alles,, was uns die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika zeigen, noch verblassen würde, gegen das, was man dort zu sehen bekäme .. .., so meinen wir, es sei. noch viel anregender und weniger phantastisch, sioh um das Juden thum als den potenzirten Ausdruck י der Bozial-reformatorisohen und zugleich conservirenden Humanität zu kümmern. Das Judenthum hat auch in seiner modernen Entwickelung von Moses Mendels- 80hn an längst jenen Taumel überwunden, von dem der Verfasser in seiner Charakteritik der längst vergangenen liberalen Epoche von 1845 an sagt: ״Dieses ganze Vierteljahrhundert erscheint daher den meisten, europäischen Völkern wie im Bausche verbracht, man fühlt sich wie nach einer wüst durchlebten Nacht erschöpft, die Nerven vibriren noch unruhig.dem. Temperament nach haben sich die Juden (im Allgemeinen) in der verflossenen Epoche noch am wohlsten befunden. Man sucht und kann nicht finden. Man glaubt: Irgend eine positive Beligion werde vielleicht retten oder das Nationalitätsgefühl u. s. w. Der Philosoph Lange rief aus: ״Ich furchte, wir werden einegrosse Dummheit bekommen“. — Diese Charakteristik des Verfassers ist nicht unzutreffend, aber wird denn an den Verhältnissen etwas gebessert, wenn man, wie der Anonymus will, statt an das vorhandene Positive anzuknüpfen, ein neues soziales Gruppenideal aufstellt. Von dem nebulösen Parteitreiben unserer Zeit, urtheilt der Verfasser selbst, dass die Parteien, statt ihre Ideale zu verwirklichen, einander nur wie tanzende Derwische die Zähne zeigen, ״die Zahl der Jubiläen, Gedenktage u. s. w. wächst in’s Endlose und der wahre Inhalt aller dieser geschäftigen Begeisterung ist der Drohgedanke: ״Hört Ihr uns? Seht Ihr uns? So und so viele sind wir, so viele und starke Fäuste sind bereit, auf Euch loszufahren“. Der Verfasser erinnert an die Zeit der Beligionskriege und wir ant- Worten ihm mit dem Hinweis darauf, dass diese Zeiten die irreligiösesten waren und dass ein wesentliches Heilmittel unserer Zu3tände in der Besserung der religiösen Verhältnisse liegt und diese kann nur erreicht werden, wenn die Juden wieder Juden, die Christen wieder Christen werden. Von diesem Standpunkt aus können wir auch die Vorliebe des Verfassers für die Sozialisten nicht theilen. Dadurch wird die Verwirrung nur gesteigert. Im Ganzen wiederholen wir, die Schrift ist höohst lesenswerth, denn wie Polonius im ״Hamlet “witzig sagt: ״Auf den Effect, von dem Defect kommt es an.“ Soeben i9t im Verlage von David Nutt, 270, Strand, Lond o n, erschienen und durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes za beziehen: ״Zichronoth oder ״Memoiren eines Studenten der jüd. Theologie“. Dieselben sind in hehr, gereimter Prosa ahgefasst und mit einer englischen Einleitung versehen, die eine Uebersicht der Entwicklung der nachbibl. hebr. Poesie enthält von Dr. J. Chotsner (vom Harrow College) Preis 2 M. 50 PfV Saufettbe bic an ®ettnäffen, Q3Iaf(n<9Ii« ren*u,$rauen!ranFbcite11,jcIbft utbcn»erj»eifeUft«M ftiUIni gelit־ teil, würben geteilt burd) #.(S.® auer 1 Spccialarjt, SSafel * ©inningtn. Trauungs-Formulare hebräisch und deutsch. (Uebersetzung von Rabbiner Dr. Rahmer) sind a 25 Pf. vorräthig. 5 Exemplare für 1 Mark, . 12 Exemplare für 2 Mark, 20 Exemplare 3 Mark versendet tranco gegen baar Die Expedition. Bei A. Franke in Tilsit ist erschienen: Woses Mendelssohn. Vortrag gehalten in der Bürger-Halle zu Tilsit von Rabbiner S. Friedeberg. Zweite Auflage 1 Preis 1 Mark. Verantwortlicher Redacteur Dr. iiahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolf f, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.