Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 38. (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 152 — Untersuchung zu ergeben hat, welcher Theil eigentlieh Schuld trägt, während § 6 den Fall erörtert, wo Beide einander entgegenkommen, שנים שהיו מהלבץ בר״ה• In diesem letzteren Falle ist also nicht zu erörtern, welcher von Beiden für den Unfall verantworlieh ist, sondern Beide sind vom Schadenersatz freizusprechen, einerlei, ob der Gehende durch den Laufenden Schaden gelitten hat oder umgekehrt. Demnach fallt die Nothwendigkeit für die Einschiebung fort, dass der erste Fall am ערב שבת stattgefunden habe, und noch weniger nöthig ist die von R Meir Halevi verlangte Untersuchung, ob der Laufende wirklieh als Entschuldigung für sich anführen kann, dass er aus religiösen Gründen (לדבר מצרה) die Eilenöthig hatte. Diese Erscheinung wird Hns überhaupt in der gläubigen Aufnahme des חסורא סיחסרא vorsichtiger machen. Das mögen zwei Beispiele illustriren, welche von der Voraussetzung ausgehen, eine Erzählung dürfe nie im Gegensatz zu dem vorausgehenden ז Gesetze stehen.? מעשה לסתור. Her erste findet sich in Abodah zarah 5. 2. ״Wenn Wein, welcher zum Götzendienst n verwendet wurde (יין נסך), über Trauben ausgegossen ״wird, soll man sie abwaschen und sie dürfen genossen ״werden, wenn sie aber aufgesprungen waTen, sind sie ״verboten. (Wurde Wein über Feigen oder über ״Datteln ausgegossen, wenn sie den Geschmack ״des Weines empfinden lassen, sind sie verboten.) ״Boethos, Sohn des וונין, brachte einst getrocknete ״Feigen auf einem Schiffe und aus einem zerbroche- ״nen Wein fasse ergoss sich darüber יין נסך und ״die Weisen erklärten sie für geniessbar. Das ״Princip ist: Was bei seinem Genüsse einen Ge- ״schmack merken lässt, ist verboten, was hingegen ״beim Genüsse keinen Geschmack merken lässt, ist ״erlaubt.“ Der eingeklammerte Satz ist in dem Text des Alfasi und des jerusalemischen Talmud nicht enthalten. In Folge dessen findet der Talmud einen Widerspruch zwischen dem Gesetze, dass י״נ die Feigen oder Datteln nach der Gesetzesvorschrift ungeniessbar mache und dem Fa"e von Boethos. Lassen wir hingegen die eingeklammerte Stelle weg, so schliesst sich die3e Thatsache an die Bestimmung über die Trauben an und ist die Frage מעשה לסתור gar nioht am Platze, während im Nachsätze das Priucip correct angegeben ist, das, was beim Genüsse einen Geschmack verspüren lässt, ist verbeten, demnach die gedörrten Feigen des Boethos erlaubt. Der eingesohobene Satz von (frischen) Datteln oder Feigen dient zur Illustrirung des entgegengesetzten Falles und ist Glosse, wie das ein später zu erörternder Fall in Berachot 7. 3. zeigen wird. Die Interpolation ist also hier ganz und gar nicht am Platze. Dass Alfasi doch die Frage des Talmud citirt, scheint nur zu beweisen, dass er noch kein Exemplar des Talmud vor sich hatte, in welchem Mischnah und Gemara hintereinander folgten. Vielleicht hat er übrigens, wie R. Nissim meint, den Widerspruch darin gefunden. dass er die dürren Früchte des Boethos den aufgesprungenen Trauben gleichsetzt, statt, wie es natürlicher wäre, den unverletzten. (Fortsetzung folgt.) Recension. Bacher, Wilhelm, Dr. Prof. Leben und Werke des Abulwalid Merwän ibn Ganäh (R. Jona) und die Quellen seiner Schr.'fterklärung. Leipzig. Otto Schulze. 1885. Diese Schrift ist ein Sonderabdruck der an der Spitze des diesjährigen Jahresberichts der Landes- Rabbinerschule in Budapest befindlichen Abhandlung, welche dem Autor nioht minder zur Ehre gereicht, wie der Pflanzstätte der Wissenschaft, an welcher zu lehren und zu wirken er berufen ist. Wir sprechen ein gewissenhaft erwogenes und wohl begründetes Urtheil aus, wenn wir dem gelehrten und gründlichen Verf. die Anerkennung nicht versagen, diese Arbeit reihe sich Bacher’s höheren Leistungen auf dem Gebiete der orientalischen Philologie und der hebräischen Sprachkunde würdig und ebenbürtig an. Was aus Bacher’s Feder fliesst, trägt — soweit wenigstens unsere Wahrnehmungen reichen — das Gepräge des rastlosen, ameisen- oder bienenartigen Fleisses, der einheitlichen Erfassung und organischen Gestaltung des übersichtlich geordneten, systematisch gegliederten, wenn auch noch so sehr in’s Detail sich verlierenden, unter den Händen ihm oft riesenmässig anschwellenden Stoffes an seiner Stirn. Wir müssen der Versuchung widerstehen, zu den• Ausführungen des Verf.’s Stellung zu nehmen und ihm Schritt für Schritt zu folgen. Wir müssten alsdann einen grossen Gelehi tenapparat in Bewegung setzen, nicht zum Behagen des grössten Theiles der Leser, welche doch nicht speciell zur Kategorie der orientalischen Philologen gehören. Wir behaupten nicht, dass wir allen Ansichten, welche Herr B. entwickelt, wenn wir das pro und contra objectiv erwägen, unbedingt zustimmen müssen; allein das ist für den bleibenden Werth dieser trefflichen Leistung ganz irrelevant. Uns kommt es ausschliesslich darauf an, auch die Axdmerksamkeit weiterer Kreise auf B.’s gründliche und gediegene, die jüdische Wissenschaft bereichernde Arbeit hinzulenken. Für unsern Zweck genügt es, kurz über die Anlage dieser Abhandlung zu referiren, um ihre Reichhaltigkeit erkennen zu lassen. Die Arbeit zerfällt, wie schon die Aufschrift erkennen lässt, in zwei Haupttheile. Der erste, Abulwalids Leben und Werke behandelnd, verbreitet sich in 9 Abschnitten des Näheren über seine Jugendzeit, seine Lehrer, Studien, Werke, über seine Fehde mit Samuel ibn Nagdela. gen. Samuel Hannägid, über seine Lebensverhältnisse und Lebensaufgabe, über sein grammatisches und lexikalisches Hauptwerk. Ungleich wichtiger und interessanter ist der zweite Theil der Arbeit, der uns zu den Quellen führt, aus welchen Abulwalid seine Schrifterklärung geschöpft. Dieser Theil gipfelt in dem Nachweise, dass Ibn Ganäh mit den Anschauungen und Ergebnissen der Massora, des Targum, der Traditionsexegese und der gaonäischen Schrifterklärung wohl vertraut war, dass er sich von diesen Medien der Forschung beeinflussen lässt, ohne auf sein selbstständiges Urtheil zu verzichten und dass er bei aller Pietät und gewissenhaften Rücksichtnahme auf die von Targum, Talmud und angesehenen Schiifterklärem tradirten Ansichten bisweilen seine abweichende und entgegengesetzte Meinung mit aller Energie zu vertreten weiss. Sohrau O./S. Dr. Immanuel Deutsch. Nachtrag:. Die folgenden Zeilen sind ans Versehen in voriger No. zu Beginn des Schlussai tikels: ״Zur Geschichte der Juden in Schlesien“ (S. 14l>) zurückgeblieben. ״Grosses Aufsehen erregte es durch ganz Schlesien, dass a. 1799 ein Rathmann Joseph Stehiitzki in Nicolai das Judenthum aunahm. Der Uebertritt zu einer so gedrückten und verachteten Nation, wie ie jüdische, und zu einer Religion, die — wie sie gegenwärtig ausgeübt wird — dem Ansohein nach für Geist und Herz nichts Anziehendes hat“, war schon an sich auffallend; dieser Schritt wurde aber dadurch noch ausserordentliolfer, weil er lediglich die Frucht der Ueberzeugung zu sein schien“. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese , Leipzig.