Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 33. (13.8.1885)
- Date
- 1885-08-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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T —5L Jüdisches ****ff: Litteratur-Blatt. Zar BelMehttif aller Jideithm «•4 •lad«! betreffe»*«» Uttererlsck*» Er* MkeliiRiM a»f dem Gebiete der PU10topble, Geschieht•, Rthaefrepbie, The•• logie, Orleatalla, Exegeat, Renfletlk, Liturgik, Pidigogtt. Herausgegeben von Rabbiner I)r. Moritz Rahmer. 0Tta<j9e6ut<j., 13. 1885. Bieber der •laeehliflf•■ MUereter, welche der Reduktion ■»!renaNdt werde», Bade» 1» dieeem Blatte elngeheede ReeprecHaag. Bel Kl»aeNd»ng ton awel Beeeaaloaa• Exemplare» erfolgt •!■Malig• k»rse Gratla-Uaertle». Daa LHteratur-Bl»tt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark• Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierte\jährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen ff Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 86 Pf« für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 16 Mnrk, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden, aer Buchh&ndler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 Rabatt. *9■ Inhalt: Wissensch aftüche Aut Sätze: Einiges überdas Verhältniss der Juden zuKircbe und Staat. Von AdolfWaldauer.— Zur Geschichte der Juden in Schlesien. (Fortsetzung.) — Die Berg-Juden im Kaukasus. Litteraturbericht: Recensionen: Der Midrasch Tanchuma. Zum ersten Male nach Handschriften herausgegeben und commentirt von Salomon Bub er. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Einiges über das Verhältniss der Juden zu Kirche und Staat. Von Adolf Waldauer. Als die Römer die maoedonische Macht niedergeworfen hatten, ging auch die Freiheit der Griechen, deren einstigen Ruhm uns Herodot und Thuoydides, Pindar und Aeschylus überliefert haben, zu Grabe. Denn der Rest jener tausend Achäer, welohe im zweiten vorchristlichen Jahrhundert als Geissein nach Italien hinübergebracht waren, sah bei seiner Rückkehr die Heimat schon als ein den Römern gehöriges Land wieder. Sie fanden ihre Hoffnungen gescheitert und ihre Kraft zu schwach, um das römische Jooh abzuschütteln. Als vollends im Jahre 146 v. Chr. ihr letzter Versuch sich zu befreien gescheitert war, vermochten die Griechen weder als selbstständiges Volk weiter zu leben, noch waren sie auch fähig, in dem Römerthume aufzngehen, was ihren besonnensten Führern, wie dem Polybius, für das Heilsamste galt. Diese Nachkommen der Hellenen nuh sanken, da das Allein - Sein nnter dem fremden Römervolke, das Anders-Sein ihrer Sitten und Anschauungen, ihrer Ent- Wickelung im Wege stand, so tief in der Achtung der Römer, dass sie von diesen mit dem verächtlichen Namen ״Graeculi“ bezeichnet und ihnen dadurch gleichsam ein dauernder Makel aufgedrückt wurde. Es liegt nahe, jene Griechen mit den Juden der heutigen Zeit in Parallele zu bringen, die anch eben so wenig unabhängig zu existiren, wie mit dem Staatsganzen unauflöslich sich zu verschmelzen vermochten. Seit achtzehnhundert Jahren politisch, unselbstständig und landlos, haben sie sich während der vielen Jahrhunderte den Völkern, unter denen sie lebten, nicht assimilieren können, haben sie ein gesondertes Gemeinwesen gebildet, welches auf uralten Gesetzen ruhte. Seit wenigen Generationen aber ist in Deutschland nach dem Vorgang anderer Länder dieser Zastand auf verfassungsmässigem Wege nmgewandelt worden, und der Geist der neueren Gesetzgebung hat den Juden den Mangel der Nationalität nach der Seite der Abstammung durch die rechtliohe Anerkennung ihrer staatlichen Zugehörigkeit zu ersetzen versucht. Dadurch ermangeln sie, insofern sie deutsche Juden sind, nicht mehr der deutschen Nationalität, die nicht mit der ״germanischen“ zu identifioiren ist. Nicht anders waren di• römischen Juden national, wie aus dem Folgenden deutlich sein dürfte. Als der von den Juden gefangene Paulus den Römern zur Verurtheilung übergeben war, erklärte er, dass er römisch sei (Apostelg. 22,'11). Und während der Oberhauptmann gesteht, dass er ״das Bürgerrecht mit grosser Summe zuwege gebracht habe,“ erwidert Paulus, offenbar mit Stolz: ״loh aber bin auch römisch geboren.“ Wenn wir mit dieser Aeusserung die Thatsache zusammenstellen, dass er ״ein jüdischer Mann, geboren zu Tarsus in Cicilien“ ist (ebenda 22,8, Philipper 3,5), so stehen wir vor der Frage, wie ein geborener Jude ein geborener Römer sein konnte. Dies wird am besten wohl dahin erklärt, dass das römische Volk sich in den Zeiten seiner Weltherr- Schaft dazu verstanden hat, fremdartige Elemente durch eine dahin lautende Willensäusserung als eigene anzuerkennen und sich dadurch in gewissem Sinne zu regeneriren. Das römische Volk konnte also denen, die nicht Römer waren, gleich bei der Geburt, wie dem Paulus, das römische Bürgerrecht mitgeben. Diese Anerkennung fremder Volksbestandtheile durch die römische Nation entspricht der privatrechtlichen Adoption eines Individuums durch ein anderes. Der durch Adoption einer Familie zugeführte Sohn aber gehört nun doch wohl in unbeschränktem Sinne zu derselben. Die mangelnde Blutsverwandtschaft wird eben durch eine entsprechende Willensäusserung ersetzt, die in ihrer Wirkung jener gleich ist. Das Verhältnis der deutschen Juden za dem deutschen Staatskörper dürfen wir uns wohl ähnlich denken, sie sind auf verfassungsmässigem Wege, also durch eine staatsrechtliche Adoption, zu Deutschen, za Gliedern der Nation geworden. Denn wenn der Genuss der bürgerliohen and staatsbürgerlichen Rechte von dem religiösen Bekenntnisse unabhängig ist, wie es in dem Artikel der preussischen Verfassangsurkunde heisst, so ist dies ein ähnliches Verfahren wie das der Römer, welohe einem Fremdgeborenen das Bürgerrecht in der Wiege mitgaben. Wenn nnn die mangelnde Gleichheit der Abstammung auoh, wie oben ausgeführt ist, duroh die Anerkennung derer, die eben diese haben, ersetzt wird, so ist dieser Ersatz doch nicht ein zu jeder Zeit und unter allen Umständen vollgiltiger. Er ist es, wenn der anerkennende Theil diese Anerkennung in seinem Bewusstsein unumstösslioh formuliert. Die